Rechtspopulismus und Kirche: Journalist referiert in St. Peter und Paul

Von: Andreas Röchter
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Dr. Andreas Püttmann
In Sachen Umgang mit der AfD glaubt Dr. Andreas Püttmann nicht, dass es die Aufgabe der Kirchen sei, grundsätzlich allen ein Podium zu bieten. „Unterschätzen sie niemals die Gefahr der Demagogie“, warnte er seine Zuhörer.

Eschweiler. Nein, eine Nazipartei sei die AfD insgesamt nicht. Aber verfassungsfeindliche Merkmale und rechtsradikale Tendenzen seien im Programm der „Alternative für Deutschland“ unverkennbar. „Sie bezeichnet das politische System der Bundesrepublik Deutschland als illegitim und verleumdet somit die freiheitlich demokratische Grundordnung unseres Staates“, erklärt Dr. Andreas Püttmann.

Der Journalist und Publizist war am Donnerstagabend im Jugendzentrum der Pfarrgemeinde St. Peter und Paul zu Gast, um sich im Rahmen des Diskussionsforums „Gott und die Welt“ dem Thema „Rechtspopulismus – eine Herausforderung für Kirche und Gesellschaft“ zu widmen. Dabei ging er nicht zuletzt der Frage nach, ob das Christentum mit den Zielen der AfD, deren Vertreter sich immer wieder als die Bewahrer des christlichen Abendlandes darstellten, vereinbar sei.

„Zur DNA eines Christen gehören Empathie, Demut, die Vermittlung von Geborgenheit und Gelassenheit. Eigenschaften, die dem Programm und den Inhalten der AfD diametral widersprechen“, so das Urteil des Politikwissenschaftlers. Der „Kult um das Eigene“, der von der AfD zelebriert werde, sollte Christen „fremdeln“ lassen.

„Einer der Ecksteine unserer Verfassung und womöglich der wichtigste ist die Menschenwürde. Dieser Begriff kommt bei der AfD nicht vor“, unterstreicht der ehemalige Christdemokrat, der im Jahr 2009 aus der CDU austrat, weil sie ihm nicht mehr konservativ genug war. „Ich hätte damals nicht für möglich gehalten, dass ich auf Grund der generellen politischen Entwicklung die Partei nun wieder verteidigen muss!“

Die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus sei ein äußerst wichtiges Thema in einer Zeit, in der in politischer Hinsicht europa-, aber auch weltweit eine „tektonische Verschiebung nach rechts“ zu registrieren sei. „Ich bin davon überzeugt, dass Europa eine Zeitenwende erlebt“, betonte Dr. Andreas Püttmann.

Historisch sei der Rechtskonservatismus, dessen Vertreter eine große Mitschuld an der Zerstörung der Weimarer Republik als erster Demokratie auf deutschem Boden getragen hätten, nach 1945 lange Zeit diskreditiert gewesen. Seit 1968 habe sich vielmehr eine kulturell eher links geprägte Hegemonie entwickelt. Dies habe sich in der jüngeren Vergangenheit dramatisch verändert. Mit Ausnahme von Griechenland, Spanien und Portugal, wo der Linkspopulismus stark sei, gebe es in ganz Europa einen Rechtsruck.

„In Osteuropa zum Beispiel kennen die Menschen keine gefestigten liberal-demokratischen Traditionen. Ihnen geht es nicht in erster Linie um Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit, sondern um den eigenen Lebensstandard“, so der ehemalige Redakteur des Rheinischen Merkurs, der 1993 mit der Dissertation „Ziviler Ungehorsam und christliche Bürgerloyalität. Konfession und Staatsgesinnung in der Demokratie des Grundgesetzes“ promovierte.

Zu den Merkmalen des Rechtspopulismus, die die Vertreter der AfD erfüllten, gehörten unter anderem Antipluralismus, völkischer Nationalismus, die Überbetonung der kulturellen Identität, eine „law and order“-Attitüde gegen Andere, die Formulierung von nicht umsetzbaren Maximalforderungen, rhetorische Übertreibungen, die positive wie negative Personalisierung der Politik, die Schönung der eigenen Geschichte sowie die Selbstbemitleidung und -heroisierung. „Der freiheitlichste Staat der deutschen Geschichte wird kurzerhand zur Meinungsdiktatur erklärt“, monierte Dr. Andreas Püttmann.

Die Entstehung der AfD sei dabei auch der Ignoranz der technischen oder ökonomischen Kompetenz eines Bernd Lucke oder Hans-Olaf Henkel geschuldet. „Dieses Duo hat gedacht, seine Fähigkeiten ließen sich eins zu eins auf Politik übertragen. Nach dem Motto: Von Wirtschaft muss man Ahnung haben, aber Politik kann jeder. Doch dies ist absolut falsch. Hier sind Spezialisten als gelehrte Ignoranten aufgetreten und haben nach eigener Aussage letztlich ein Monster geschaffen, das sich nicht zuletzt durch einen massenhaften Verlust der Demut kennzeichnet.“

Innerhalb der AfD seien Merkmale des Rechtsradikalismus wie Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus und die Neigung zur Diktatur überproportional vertreten. „Es ist die Entstehung einer regelrechten Großsekte am rechten Rand der Gesellschaft zu verzeichnen, deren Mitglieder die ideelle Sezession von der Bundesrepublik betreiben“, verdeutlichte Dr. Andreas Püttmann. Die Annahme, dass es sich bei der AfD um eine konservativere Ausgabe der CDU, womöglich die der 50er Jahre, handele, sei vollkommen falsch. „Die CDU war immer pragmatisch, der katholischen Soziallehre verbunden, pro-europäisch statt nationalistisch sowie amerikanophil und pro-westlich orientiert.“

Einmal an der Macht, verstünden Rechtspopulisten unter Meinungsfreiheit nur noch das Recht, die eigene Meinung zu vertreten. Angriffe auf Verfassungsorgane, Gerichte sowie öffentlich-rechtliche Medien seien an der Tagesordnung. „Mit der unglaublichen Selbstüberhöhung, den wahren Willen des Volkes zu kennen und umzusetzen, erteilen sich die Rechtspopulisten selbst die Absolution zur Manipulation!“ Doch eines dürfe unter Demokraten niemals in Zweifel gezogen werden: „Ohne Respekt vor dem Recht ist alles nichts“, bekannte der Referent, der erklärte, die AfD verstünde sich nicht als Partei, sondern als Befreiungsbewegung.

In Sachen Umgang mit der AfD glaubt Dr. Andreas Püttmann nicht, dass es die Aufgabe der Kirchen sei, grundsätzlich allen ein Podium zu bieten. „Unterschätzen sie niemals die Gefahr der Demagogie“, warnte er seine Zuhörer. Bei der Beschäftigung mit dem Programm werde auch deutlich, dass in der AfD keinesfalls „die“ neue Familienpartei zu finden sei.

„Die familienpolitischen Ziele stellen nicht den Menschen, sondern den nationalen Nutzen in den Vordergrund. Sie enthalten Absurditäten, die mit katholischem Denken nicht vereinbar sind. Die AfD spricht von einem differenzierten Menschenbild. Die Bezeichnung christliches Menschenbild scheut sie wie der Teufel das Weihwasser“, so der 53-Jährige. Neu sei dies alles jedoch nicht. Die AfD stehe in einer langen Tradition, die nicht zwingend nationalsozialistisch, aber antidemokratisch und antiliberal sei. „Vorgängerparteien der AfD, etwa die Deutschnationale Volkspartei der Weimarer Republik, waren die Steigbügelhalter der Nazis!“

Die Hoffnung einiger Zuhörer, dass die AfD zwar wahrscheinlich in den Bundestag einziehen, sich im Parlament aber auf Grund von Unzulänglichkeiten selbst zerlegen und schnell wieder in der Versenkung verschwinden werde, teilt Dr. Andreas Püttmann nicht. „Trotz der Zerrissenheit, die zweifellos in der Partei herrscht, liegt diese in Prognosen bei 10 bis 15 Prozent. Die Atmosphäre in der Bevölkerung ist bereits teilweise vergiftet. 10 bis 15 Prozent können etwas kaputtmachen. Wir müssen aufpassen, dass uns unsere gute Bundesrepublik nicht kaputtgemacht wird und für diese einstehen“, so die Forderung von Dr. Andreas Püttmann, der kritisiert, dass die AfD ein Zerrbild der Wirklichkeit zeichne. „Deshalb bin ich der Auffassung, dass die AfD für einen Christen unwählbar sein sollte“, so sein Fazit.

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