Eschweiler - Projekt „Neue Wege zur Kunst“: Schmierereien? Auf gar keinen Fall!

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Projekt „Neue Wege zur Kunst“: Schmierereien? Auf gar keinen Fall!

Von: Andreas Röchter
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Gesellschaftskritik anno 1979: Der Aachener „Graffiti-Pionier“ Klaus Paier nahm in seinen Werken deutlich Stellung. Mit ihren Fotografien, die im Rahmen der Ausstellung „Color Tracks“ zu sehen sind, erhalten Regina und Dieter Weinkauf diese Zeitdokumente der Nachwelt. Foto: Andreas Röchter
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Einfach schön: Das Ergebnis des Workshops, den Graffiti-Künstler Marcel Prescha alias RYMone mit Jugendlichen der Mobilen Jugendarbeit auf dem Spielplatz Ardennenstraße abhielt, zeigt unter anderem exotische Unterwasserwelten. Foto: Andreas Röchter
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Von Picasso, van Gogh und Rembrandt über Wilhelm Busch und Hundertwasser bis zu Warhol, Beuys, Niki de Saint Phalle und Keith Haring: Illustrator Willi Blöß bringt Künstler-Biografien in Comic-Form heraus. Arbeiten des Künstlers, der sich momentan intensiv mit dem Leben von Albrecht Dürer beschäftigt, sind in den kommenden zwei Wochen in der Sparkassen-Geschäftsstelle Marienstraße zu betrachten. Foto: Andreas Röchter
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Das Projekt „Neue Wege zur Kunst“ verbindet unterschiedliche Kunstformen: Die Sängerinnen und Sänger des Chors „Hör Mal“ gestalteten unter der Leitung von Katharina Seiler die Vernissage zur Ausstellung „Color Tracks“ mit Ohrwürmern von „Hit the Road, Jack“ bis zum „Hallelujah“ von Leonard Cohen. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Die ersten nachgewiesenen Zeugnisse von Graffitis wurden an Pyramiden im Alten Ägypten entdeckt. Tausende Jahre später „erfreute“ sich diese Ausdrucksform der Prädikate „Schund“ und „Schmiererei“ oder rief gar das Strafgesetzbuch in Sachen Vandalismus oder Sachbeschädigung auf den Plan.

Doch Zeiten ändern sich: Inzwischen sind auch immer mehr Kunstexperten und -verständige bereit, den Wandmalereien den Status „Kunst“ zu bewilligen. Und so machten sich am Sonntag auch die Verantwortlichen des Eschweiler Kunstvereins daran, im Rahmen der achten Auflage des Projekts „Neue Wege zur Kunst“, den kulturinteressierten Menschen der Indestadt sowie der näheren und weiteren Umgebung die Möglichkeit zu geben, einen tiefen Einblick in eine junge Kunstkultur Namens „Graffiti – Street Art – Urban Art“ zu nehmen.

„Ungewöhnliche Ausstellung“

Der Startschuss fiel am Sonntagvormittag in der Städtischen Kunstsammlung im Kulturzentrum Talbahnhof, wo im Beisein zahlreicher Gäste die Ausstellung „Color Tracks“ eröffnet wurde. Lars Kesseler alias Lake 13 zeigt dort unter der Überschrift „Graffiti Art auf Leinwand“ sehenswerte Exponate. Das Ehepaar Regina und Dieter Weinkauf präsentiert ergänzend eine Reihe von Fotografien, auf denen Street-Art festgehalten wurde.

Nach Grußworten der stellvertretenden Bürgermeisterin und Kulturausschussvorsitzenden Helen Weidenhaupt, der Kunstvereinsvorsitzenden Nadine Müllers sowie von Klaus Wohnaut, Gebietsdirektor der Sparkasse, deren Kulturstiftung einmal mehr die „Wege zur Kunst“ als Kooperationspartner unterstützte, ergriff Dr. Josef Gülpers das Wort, um in die Ausstellung einzuführen: „Sie sind Zeugen der Vernissage einer ungewöhnlichen Ausstellung, die quasi aus dem Rahmen fällt, da sie Werke, die mit Hilfe von Spraydosen und Textmarkern entstanden sind, eingerahmt zeigt“, teilte der Kunsthistoriker zunächst mit.

Lake 13 sei ein Mann um die 50, der sich einen Teil seiner Kindheit bewahrt habe und seine Kunstform nutze, um sich kritisch mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Damit wandele er auf den Spuren des im Jahr 2009 verstorbenen Graffiti-Pioniers Klaus Paier, der ab 1976 Physik an der RWTH Aachen studierte, sein Studium mit Diplom abschloss und von 1978 bis 1989 an so mancher Wand der Kaiserstadt seine Spuren hinterließ.

„Ohne Klaus Paier, der in seinen Werken große gesellschaftspolitische Themen wie die Nutzung von Atomkraft, den Kalten Krieg oder den Umgang innerhalb der Bundesrepublik mit der Zeit der Naziherrschaft aufgriff, gebe es diese Ausstellung nicht“, unterstrich Dr. Josef Gülpers die Bedeutung des Mannes, dessen Werk von der Stadt Aachen inzwischen zum Teil unter Denkmalschutz gestellt wurde und der zum Vorbild für Lake 13 geworden sei.

Klaus Paier bilde darüber hinaus auch die Brücke zum Ehepaar Regina und Dieter Weinkauf, das auf seinen Reisen seit vielen Jahren die unterschiedlichsten Formen von „Straßenkunst“ fotografisch festhält. „Die Fotografen schenken damit der Nachwelt Zeitzeugnisse vergänglicher Kunst“, so der Referent, der weiterhin deutlich machte, dass inzwischen auch die Forschung die Graffiti-Kunst entdeckt habe und in ihr „ein politisches Barometer und einen Indikator für die gesellschaftliche Entwicklung“ verorte.

Der an einem Freitag, den 13. des Jahres 1972 geborene Lake 13 sei ein Beispiel für die Vielfalt, die die Arbeit mit der Spraydose biete und verlange. „Alles beginnt mit einer Skizze auf Papier, bevor der Hintergrund auf die Leinwand aufgetragen wird. Dann gilt es, die Umrisse anzulegen, bevor die Flächen mit Farben ausgefüllt und die Details herausgearbeitet werden“, brachte Dr. Josef Gülpers seinen Zuhörern die Arbeitsweise von Lake 13 abschließend näher.

Auftakt mit Ohrwürmern

Hatte der Chor „Hör Mal“ unter der Leitung von Katharina Seiler die Vernissage in der Städtischen Kunstsammlung mit Ohrwürmern wie „Hit the Road, Jack“ und dem „Hallelujah“ von Leonard Cohen musikalisch bereichert, stand während der zweiten Etappe der „Neuen Wege zur Kunst“, der die Kulturliebhaber vor das Parkhaus Kaiserstraße führte, der Tanz im Mittelpunkt. Trotz des einsetzenden Regens ließen zwei Gruppen des Tanzstudios Simone Brandt unter der Leitung von Jennifer Decker und Michelle Graf die Herzen der Hip-Hop-Anhänger mit Choreographien zu Melodien von Zara Larsson, Ed Sheeran, Bruno Mars und Rihanna höher schlagen.

Picasso, van Gogh & Co.

Trocken(er) ging es kurz darauf in den Räumen der Sparkassen-Geschäftsstelle Marienstraße zu, wo die Ausstellung „Von der Leinwand zur Wand“ eröffnet wurde. Wobei sich der Ausdruck „trocken“ ausschließlich auf die Witterung bezieht. Die Werke von Willi Blöß erfreuen dagegen mit einer Lebhaftigkeit, die dem Genre „Comic“ zu eigen ist. Der Illustrator entwickelte im Jahr 2000 die Idee, Biografien von Künstlern in Comicform zu zeichnen und zu verfassen.

„Der Anspruch war und ist, das Leben und Wirken von Künstlern wie Picasso, van Gogh, Beuys oder Dali in kleinen Werken, aber grafisch anspruchsvoll, professionell und preiswert darzustellen“, verdeutlichte Dr. Josef Gülpers. Willi Blöß verfolge das Ziel, allen Menschen den Weg und den Zugang zur Kunst zu ermöglichen. Bei seinen Protagonisten handele es sich laut Blöß um Personen, „die man kennen könnte beziehungsweise sollte“.

Der Weg, den der Comicautor zur Verwirklichung seiner Idee eingeschlagen habe, sei ungewöhnlich, da er Illustrationen mit der sogenannten hehren Kunst verbinde. „Dies ist gerade in Deutschland nicht einfach, da hier immer noch viele Menschen beim Thema Comic die Nase rümpfen und diese Form der Literatur als Schund abtun“, machte der Kunsthistoriker deutlich. Übrigens im vollkommenen Gegensatz zu unserem Nachbarland Belgien.

Der Entstehungsprozess der von Willi Blöß verfassten Biografien sei vielschichtig. „Willi Blöß taucht in das Leben seiner Protagonisten ein und setzt sich nicht zuletzt mit deren Kunststilen, die er nach Möglichkeit auch in seine Comics einfließen lässt, auseinander.“ Momentan befasst sich der Illustrator mit dem Schaffenswerk von Albrecht Dürer, der im Mittelpunkt von Band 30 der Biografie-Reihe stehen wird.

Den Nachweis, dass Graffiti und Street-Art Kunstformen sind, die gerade junge Menschen ansprechen, blieben die Vertreter des Eschweiler Kunstvereins im Rahmen des Projekts „Neue Wege zur Kunst“ keinesfalls schuldig. Die Künstler Lake 13, RYMone (Marcel Prescha) sowie die Mitarbeiter der Mobilen Jugendarbeit boten Schülern der Gesamtschule Waldschule und weiteren Jugendlichen der Indestadt Graffiti-Workshops an. Die Dokumentationen waren am Sonntag ebenso zu sehen wie die eindrucksvollen Ergebnisse auf dem Schulhof der Gesamtschule sowie dem Spielplatz an der Ardennenstraße in Bergrath.

Appell an die Künstler

Ein definitiv neuer Weg zur Kunst, den die Mitglieder des Eschweiler Kunstvereins diesmal einschlugen. Nun gilt es (hoffentlich) abzuwarten, wohin die neunte Auflage im Jahr 2020 die Kunstszene Eschweilers führen wird. Zu diesem Zeitpunkt könnte laut Bürgermeister Rudi Bertram qualitativ hochwertige Graffiti-Kunst bereits zu einem Teil des Stadtbilds der Indestadt geworden sein. In seinem kurzen Grußwort hatte der Verwaltungschef darüber hinaus die Kunstschaffenden aufgefordert, „sich in gesellschaftliche Dialoge einzubringen, offen zu artikulieren und damit eine gehaltvolle Auseinandersetzung zu ermöglichen“.

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