Eschweiler - Preisgekrönter Realitätsexperte: Christoph Sieber begeistert Publikum

Preisgekrönter Realitätsexperte: Christoph Sieber begeistert Publikum

Von: psi
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Klingelt`s ? Christoph Sieber hatte zwar auch nicht alle Antworten, dafür aber ein hochunterhaltsames Kabarett-Programm im Talbahnhof zur Hand. Foto: Paul Santosi

Eschweiler. „Gibt es noch Leben zwischen Köln und Aachen?“ Eine hübsche Frage, mit der Kabarettist Christoph Sieber am vergangenen Freitag eine gute Portion Start-Stimmung in den Eschweiler Talbahnhof brachte. Dabei brauchte der in Köln lebende Schwabe sich überhaupt nicht derart ans Publikum anzuschmiegen.

Das fraß ihm nach wenigen Sätzen sowieso johlend aus der Hand. Im Programm des Talbahnhofs machte der mehrfach preisgekrönte Humor- und Realitätsexperte eine ausgezeichnete Figur und gestaltete seinen Auftritt zu einem der diesjährigen Höhepunkte, auch wenn er nach eigenem Bekunden „nicht alle Antworten auf die wirklich relevanten Fragen hat.“

Kabarett soll ja im Vergleich zu purer Comedy einen politischen Anspruch besitzen. Und den machte Christoph Sieber mit seinem Programm „Hoffnungslos optimistisch“ ziemlich deutlich. Im Fokus stand unter anderem Europa. Das sei mittlerweile komplett zur Farce verkommen. Man müsse nur mal einen Blick auf Globalisierung, Finanz- und Flüchtlingskrise sowie Umweltkatastrophen werfen. Den Ansichten Siebers zufolge, hausen wir alle sowieso schon in einer Art Parallelwelt, organisiert von Daten-Kraken von Google über Facebook bis zu Amazon und Zalando.

Nur merke es eben keiner. Einen rechten Grund für anhaltenden Optimismus kann man demnach schon ganz gut gebrauchen, auch wenn es am Ende des Tages nicht wirklich helfe. Gekonnt schlüpfte Christoph Sieber in die Rolle eines schwäbischen Bäckereibetriebs-Chefs, der vor lauter modisch-hohler Marketing-Phrasen die Brezeln nicht mehr vor Augen sieht. Im O-Ton hörte sich das etwa so an: „Mir müsset unbedingt die Einführung unseres Double Flip Coffeeflavoured Fairtrade Macchiato voranbringe.“

In Sätzen wie diesem konzentriere sich die Tatsache, dass sich „der Schwachsinn in die letzten Ecken der Gesellschaft hineinfrisst.“ Prima auch Siebers Rolle des neureichen Erben Klaus-Dieter, der vor lauter Zinseszins-Fieber gar nicht mehr weiß, welche Champagner-Benefiz-Veranstaltung zugunsten Notleidender er eigentlich noch besuchen solle.

Eine der Stärken Christoph Siebers liegt darin, innerhalb von Sekunden Rollen und Positionen zu tauschen, ohne dass sich dadurch die Angriffsfläche auf den aktuellen Zeitgeist-Quark verkleinert. Hin und wieder gelingt ihm gar ein Wechsel in eine Art Realitäts-Poesie, wenn er dem Publikum sanft ein längeres Hölderlin-Zitat unterjubelt. Manchmal greift er zur Kladde und trägt niedergeschriebene Passagen vor, die seine Zuschauer mindestens genauso zum heftig Lachen wie zum zerknirschten Nachdenken bringen.

Etwa das Märchen von der Bildungsrepublik Deutschland. Wie kann es sein, so Sieber, dass die Leute, denen wir unser Geld anvertrauen, deutlich mehr verdienen, als die Menschen, denen wir unsere Kinder anvertrauen? Und genau das sei einer der Gründe, warum die europäische Idee scheitere, da wir auf Geld bauen, statt auf Bildung und die Verschiedenartigkeit der Kulturen, die es zu bewahren gelte.

Spätestens jetzt hätte der Eindruck entstehen können, Christoph Sieber sei auch nur einer der komischen Moralapostel, die mit erhobenem Zeigefinger aus dem Defizit gesellschaftlicher Spielregeln Profit schlagen. Aber weit gefehlt. Es gab auch jede Menge Spaß fürs Eintrittsgeld. So etwa die kleinen musikalischen Einlagen mit Gesang und Gitarre. Da erklimmt Sieber eine unterhaltsame Meta-Ebene und macht sich über sich selbst lustig, mal in Rap-Form, mal mit einem Song, der es wohl kaum bis in die Endausscheidung des Eurovision Song Contest schaffen wird. „Verdrängen, vergessen, verleugnen“ ist so etwas wie die krönende Stimmungs-Hymne seines Programms. Da blieb einem auch schon mal zwischen den Lachern der Kloß der Eigenerkenntnis im Halse stecken.

Dabei ist Christoph Sieber im Gegensatz zu anderen selbsterklärten Spaßmachern wirklich entlarvend lustig. Einer seiner Tipps fürs Publikum: „Nähme man die Show hier tatsächlich ernst, wir müssten danach alle gemeinsam marodierend durch die Stadt ziehen und die Revolution ausrufen.“

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