Pfarrer putzt in der Predigt Beichtkinder runter

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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War früher wirklich alles besser? Josef Stiel hat seine Erinnerungen an die Nachkriegszeit aufgeschrieben und berichtete von der moralischen Enge der Adenauer-Ära. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Nackt duschen – das ging damals, in der Nachkriegszeit, schon mal gar nicht! Er habe als Kind nicht in den Fußballverein gedurft, berichtete Josef Stiel, weil seine Mutter gehört hatte, dass Fußballer nach dem Spiel nackt duschen. Und Nacktheit – das ist Sünde!

Erinnerungen wie diese packte der pensionierte Eschweiler Studiendirektor und Kommunalpolitiker Josef Stiel aus, als er und sein Kollege und Mitautor Dr. Karl Pütz in Text, Musik und Bild aus ihren drei Bänden mit Erinnerungen an die Nachkriegszeit und die 50er und 60er Jahre zitierten. „Leseprofi live“ heißt die Veranstaltungsreihe, zu der Buchhändler Jörg Drescher die Besucher in der Eschweiler Buchhandlung Oelrich & Drescher begrüßte.

Leben ohne Wasserleitung

Beim Titel der drei Erinnerungsbände „Früher war alles besser...?“ ist das Fragezeichen wichtig. Denn früher war eben nicht „alles besser“ als heute, sondern vieles viel schlechter. Um das „Leben ohne Wasserleitung, Kanalanschluss, Heizung und Kühlschrank“ ging es im ersten Band der Erinnerungen von Stiel und Pütz, um Schule und Ausbildung im zweiten.

Der dritte Band trägt den Untertitel „Als Sex noch eine Sünde war“, und aus ihm las Josef Stiel an diesem literarischen Abend in der Buchhandlung. Wobei es kaum um Sex ging – denn darüber zu reden war ja in der Adenauer-Ära verpönt – sondern eher um den Widerstand in Gesellschaft und Kirche gegen Aufklärung und Freizügigkeit, auch um die Sehnsüchte der Menschen, die sich in kitschigen Schlagern Gehör verschaffte. Einige davon hatte Stiel mitgebrachte und spielte sie mit einem Kassettenspieler ab: Freddys „Junge, komm bald wieder“, „Seemann, lass das Träumen“ von Lolita, Heidi Brühl mit „Wir wollen niemals auseinander gehn“.

Dr. Karl Pütz zeigte dazu Bilder aus dieser Zeit – Fronleichnamsprozessionen, die erste Aufklärungsbroschüre von Beate Uhse, Fotos von Familienfeiern, alte Küchengeräte und erste Fernsehapparate. Schule, Elternhaus und vor allem die Kirche haben damals die rigide Sexualmoral und die Prüderie gefördert. Dass Nacktheit Sünde sei und Sexualität ohnehin, habe Josef Stiel schon als Siebenjähriger von der Kanzel gehört, in einer Predigt gegen den Film „Die Sünderin“, in der Hildegard Knef in einer kurzen Szene als Aktmodell für einen Künstler posierte: „Sodom und Gomorra! Das Ende wird schrecklich sein!“ Stiel: „Was damals bei mir hängen blieb, war: Nacktheit ist Sünde. Und zwar sündigt derjenige, der sich nackt zeigt, ebenso wie der, der sich einen nackten Körper anschaut. Die Angst war da.“

Von der Kanzel gewettert wurde natürlich nicht nur gegen Filme wie den Aufklärungsstreifen „Helga“, sondern auch gegen die Eschweiler Kirmes. Ein Sündenbabel! Besonders die Raupenbahn mit dem Verdeck, unter dem geknutscht und gefummelt wurde. Der Pfarrer wusste genau, wovon er sprach, denn in der Beichte erfuhr er alles. Und er scheute sich auch nicht, das öffentlich zu machen. Josef Stiel erinnert sich an eine Predigt, in der dieser Geistliche das abschreckende Beispiel einer Ehefrau erzählte, die ihm in der Beichte Sex mit Kondom gestanden hatte.

„Auf die Frage des Pfarrers, wen sie denn mehr liebe, Gott oder ihren Mann, hatte sie wohl geantwortet, sie liebe Gott und ihren Mann und genieße auch die Lust, wenn sie mit ihm zusammen sei.“ Dass der Bruch des Beichtgeheimnisses auch in einer solch anonymen Form eine viel schwerere Sünde ist als Sex mit Kondom, war dem Geistlichen offenbar nicht bewusst. Josef Stiel: „Wie mag der Frau zumute gewesen sein, als ihr in der geheimen Beichte gemachtes Geständnis auf diese Weise öffentlich gebrandmarkt wurde?!“

Würde Josef Stiel Schulnoten vergeben für die gesellschaftlichen Zustände in der Nachkriegszeit, er würde oft „Mangelhaft“ schreiben müssen. Die sexuelle Aufklärung: Mangelhaft. Gleichberechtigung der Frau: Mangelhaft. Kindererziehung: Mangelhaft. Ins Schwärmen allerdings kommt der Autor, wenn er von den handfesten lukullischen Genüssen der 50er Jahre erzählt, die es natürlich nicht täglich gab. Aber bei Familienfeiern! Die fetten Rindfleischsuppen mit Markklößchen, der Schweinebraten, der Buttercremekuchen, die Berge frisch geschlagener Sahne, die „kalte Schnauze“! Und alles von der Hausfrau produziert, ohne Elektroherd und Tiefkühlfach. Dafür gäbe es auch heutzutage noch Spitzennoten.

Russische Eier und Wackelpeter

Die nostalgischen Erinnerungen der Autoren an das Essen ihrer Jugendzeit griff Margret Oelrich auf. Für die Besucher der Lesung in der Buchhandlung Oelrich & Drescher bot sie in der Pause ein umfangreiches Büfett mit Leckereien der 50er und 60er Jahre. Eine deftige Kartoffelsuppe, Käse-Spießchen, Russische Eier, Kartoffelsalat natürlich, Schinkenröllchen mit Spargel, Frikadellen, Schokoladenpudding mit Vanillesoße und, tatsächlich, grünen Wackelpeter.

Die Besucher waren begeistert. Und steuerten sowohl beim Plaudern in der Pause wie auch bei Gesprächen nach der Leseprofi-live-Veranstaltung viele eigene Erinnerungen bei: Wie sie diese Zeit erlebt haben. Wie das mit der Sexualität war („Wir wurden doch von Dr. Sommer in der Bravo aufgeklärt“).

Und dass der Aufklärungsunterricht heutzutage auch nicht das Gelbe vom Ei sei. Aber heute – und das sieht dann Autor Josef Stiel genau so – sei die Gesellschaft eher übersexualisiert. Und ob das besser sei als die Prüderie vergangener Jahrzehnte?

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