Peter Wensierski schreibt über eine sehr abenteuerliche Flucht

Von: Andreas Röchter und Elias Raab
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Peter Wensierski erzählte von einer ungewöhnlichen Reise eines Paares aus der ehemaligen DDR. Foto: Stock/Müller-Stauffenberg

Eschweiler. Es ist eine Geschichte, die beinahe nicht erzählt worden wäre: Nur durch einen Zufall erfuhr Peter Wensierski von einer ungewöhnlichen Reise, die zwei Bürger der Deutschen Demokratischen Republik im Sommer des Jahres 1987 unternahmen und die sie über 10.806 Kilometer vom Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg über die Mongolei bis nach Peking führte.

Der Autor und Spiegel-Journalist, der seit 1979 als Korrespondent aus der DDR berichtete, hat die einzigartigen Erlebnisse von Jens und Marion in seinem im vergangenen Jahr veröffentlichten Buch „Die verbotene Reise – die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht“ nacherzählt. Am „Welttag des Buches“ war Peter Wensierski nun in der Eschweiler Stadtbücherei zu Gast, um vor Schülern der neunten und elften Jahrgangsstufe des Städtischen Gymnasiums Auszüge seines Werks vorzulesen. Darüber hinaus berichtete der Journalist während der von der Landeszentrale für politische Bildung sowie vom Verband der Bibliotheken des Landes NRW unterstützten Lesung über das entgegen der landläufigen Meinung durchaus bunte Leben der jungen Menschen in der DDR zu Beginn der 80er Jahre bis zum Mauerfall.

Klischees über die DDR

Jugendliche in ihren blauen FDJ-Hemden marschieren an älteren Herren vorbei, Massenaufmärsche mit wehenden Fahnen, graue Häuserfassaden und Reisefreiheit als unerfüllbarer Traum – Klischees über die DDR, die auch heute noch existieren. Vielleicht mehr denn je. „Diese Vorstellungen haben ja auch ihre Berechtigung. All dies gab es wirklich. Aber es gab eben auch ganz andere Strömungen. Unter der grauen Decke kam, wenn man etwas genauer hinschaute, viel Buntes zu Tage“, verdeutlichte Peter Wensierski zu Beginn seiner Ausführungen, als er seinen jugendlichen Zuhörern mit kurzen Einspielfilmen das Lebensgefühl der jungen Generation der DDR zu vermitteln versuchte. „Wir wollen eigene Wege ausprobieren. Nicht gegen den Staat, sondern ohne ihn!“, betont da ein junger Mann aus Jena, der jedoch zahlreiche Repressalien des Staates zu spüren bekommt. Und so lautet dessen Fazit: „Spontaneität wird wie Gift behandelt!“

Bedrückende Atmosphäre

Gerade deswegen unternehmen Menschen wie Jens und Marion, die Hauptprotagonisten in Peter Wensierskis Buch, den Versuch, der Enge und der bedrückenden Atmosphäre zu entkommen: Die beiden Studenten lernen sich in einer Dunkelkammer kennen, wo Jens seiner Kommilitonin seine Fotografien aus dem Kaukasus zeigt. „Kann man denn so einfach dort hinfahren?“, lautet ihre Frage. „Man kommt immer so weit, wie man im Kopf ist“, antwortet Jens und versichert, dass es Schlupflöcher gebe. Doch reichen diese, um, wie der Plan schließlich lautet, bis in die Mongolei zu gelangen? Einfallsreichtum ist definitiv gefragt. Eine Einladung aus der Mongolei muss her! Diese verfasst Jens kurzerhand selbst. Natürlich auf einer Schreibmaschine mit kyrillischen Schriftzeichen, die sich Jens einfallsreich besorgt. Tatsächlich hält er einige Zeit später zwei Reisepässe für sich und Marion, die von ihm Marie genannt wird, in der Hand.

Von Ost-Berlin geht es mit rund 40 bis 50 Kilogramm Rucksackgepäck per Zug Richtung Moskau und immer weiter gen Osten, bis Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Auf einer Rundreise durch das „wilde“ Land entstehen tausende Fotos. Und die Idee, noch weiter zu gehen. Tatsächlich erhält das Duo aus Ostdeutschland auch ein Visum für das Reich der Mitte, das gerade beginnt, sich für den Tourismus zu öffnen. Bald schippern Jens und Marion auf dem „Gelben Fluss“. Irgendwann erreichen sie Peking und finden sich nach mehr als 10.000 Kilometern vor der westdeutschen Botschaft der chinesischen Hauptstadt wieder. Eine Entscheidung muss fallen...

„Jens und Marion haben mir erlaubt, ihre Stasi-Akten zu durchforsten. Zu meinem großen Erstaunen hat die Staatssicherheit von den Plänen nichts mitbekommen“, ließ Peter Wensierski seine Zuhörer wissen, um anschließend zu betonen, dass der DDR-Alltag keinesfalls nur eintönig war. „Organisationen wie die FDJ täuschten vor, dass die Jugend zum Staat stand. Ich habe dies ganz anders erlebt. Es gab in der DDR zum Beispiel jede Menge Punker und Mitglieder anderer alternativen Szenen. Die Jugendlichen in der DDR konnten sehr verschieden sein“, so der Autor, dem die Schüler des Städtischen Gymnasiums eineinhalb Stunden lang aufmerksam lauschten. „Die Lesung hat uns einen Einblick in eine andere Welt gewährt, die, obgleich so nah, unendlich weit weg war. Auf diese Weise nimmt das Schulfach Geschichte Gestalt an und wird erfahrbar“, zog auch Lehrer René Hahn ein positives Fazit.

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