Eschweiler - Per Mausklick zum Arzt des Vertrauens

Per Mausklick zum Arzt des Vertrauens

Von: Thomas Vogel und Elisa Zander
Letzte Aktualisierung:
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Für sich den richtigen Arzt über das Internet suchen? Mediziner sagen, dass auf diese Weise die wenigsten Patienten den Weg zu ihnen in die Praxis finden. Mundpropaganda fällt wesentlich stärker ins Gewicht. Foto: Imago/Insadco

Eschweiler. Ob für Pflegeheime, Verleihfirmen oder Hotels – persönlichen Eindrücken wird in Bewertungsportalen Raum gegeben. Der Sinn solcher Plattformen erschließt sich leicht: Nutzer einer Dienstleistung oder Käufer eines Produktes können auf speziell dafür geschaffenen Seiten im Internet Dinge bewerten.

Interessenten sollen sich durch diese privaten Tests und Eindrücke schnell und ohne verklärte Werbebotschaften eines Verkäufers informieren können. Doch wer hinter den Bewertungen steckt, das bleibt oft verborgen. Das sich Anbieter anonym selbst über den Klee loben, oder einem Konkurrenten totales Versagen attestieren, ist demnach möglich.

Während es bei einer Kaffeemaschine höchstens ärgerlich wegen der fehlinvestierten Euros ist, wenn diese sich nach dem Kauf nun doch als schlechter herausstellt als von den Erfahrungen anderer Besitzer beschrieben, so können die Konsequenzen deutlich unangenehmer sein, wenn es um den Arzt des Vertrauens geht.

Bewertungsportale für Mediziner aller Fachrichtungen gibt es viele im Netz – nach einer Schätzung von Dr. Heiko Schmitz, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, derzeit rund 20. Es lassen sich auch viele Bewertungen zu Ärzten aus Eschweiler darin finden. Die meisten von ihnen werden von den Patienten empfohlen. Ärzte mit schlechten Bewertungen finden sich jedoch ebenso.

Positiv in der Grundstimmung steht solchen Bewertungsportalen Dr. Jürgen Küpper, Allgemeinmediziner aus Eschweiler und Vorsitzender vom Medizinischen Qualitätsnetz Eschweiler (MQN) gegenüber. „Die Frage ist aber, wie solide die Bewertungen sind. Ob der Patient bewerten kann, ob er gut oder schlecht medizinische behandelt wurde, halte ich für schwierig.“ Im Bereich des Service, der Vergabe der Termine und der Wartezeit sei das etwas anders. Da könnten sich Portalleser einen Eindruck verschaffen.

Frage der Generation

Patienten, die ihm erzählt haben, dass sie wegen guter Bewertungen im Internet zu ihm gekommen sind, habe er noch keine gehabt, erzählt Küpper. „In unserem Bereich spielt die Mundpropaganda eine viel größere Rolle.“ Dass sich das mal ändert, will er nicht ausschließen. „Vielleicht kommt das mit der nächsten Generation.“ Notwendig dafür seien jedoch eine ausreichende Anzahl an Bewertungen. Bislang wüsste er von zwei Kommentaren über sich. „Und ob die repräsentativ sind, ist fraglich.“

Diese Meinung vertritt auch Leonhard Hansen, Allgemeinmediziner aus Alsdorf und ehemaliger Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. „Die Portale, auf denen nicht mindestens zehn Bewertungen pro Arzt systematisch und strukturiert erfasst werden, sind im Regelfall wenig aussagekräftig. Eine einzelne Bewertung hilft dem Patienten auf Arztsuche nicht weiter.“

Ein weiteres Problem sieht Detlef Grossmann, Zahnarzt und Vorsitzender der regionalen Initiative Eschweiler Zahnärzte (Riez), in „fehlenden, einheitlichen Qualitätskriterien für Portale. Man weiß meistens nicht, wer der Betreiber ist, welche Interessengruppen dahinter stehen.“ Auch sieht er eine mögliche Verzerrung, sowohl positiver als auch negativer Art, in der Bewertung. „Dadurch, dass es keine Schutzmaßnahmen gegen mehrfache Bewertungen gibt, kann man für eine Behandlung auch zehn Bewertungen abgeben. Ein ahnungsloser Surfer glaubt vielleicht alles, was er dort liest.“

Leonhard Hansen sieht das etwas anders. Die anfänglichen Befürchtungen der Kollegen, nur „Nörgler und Querulanten“ kämen auf die Seiten, um ihrem Unmut über schlechte Behandlungsergebnisse Luft zu machen, hätten sich bislang nicht bestätigt.

Mit Blick auf die Mediziner selbst meint auch Heiko Schmitz: „Ärzte müssen vor diesen Portalen keine Angst haben, sollten sie nicht verteufeln, sondern sie als Chance begreifen. Zumindest aber sollten sie verfolgen, was online über sie verbreitet wird.“

Als immer mehr Bewertungsportale für Mediziner im Netz auftauchten, haben sich Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung in einer gemeinsamen Einrichtung, dem Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ), mit dieser Erscheinung auseinandergesetzt. Im Jahr 2011/2012 hat das ÄZQ zwölf marktrelevante Bewertungsportale in einem so genannten Clearingverfahren untersucht. Anhand eines mit Experten ausgearbeiteten Anforderungskataloges, in dem in 42 Punkten festgehalten ist, was vertrauenswürdige, seriöse Portale leisten sollen, wurde die Qualität der Portale festgestellt.

Ergebnisse nicht veröffentlicht

Die Untersuchungsergebnisse von drei Portalen sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, weil diese ihr Einverständnis nicht gegeben haben. Auf fünf der neun übrigen Portale können Bewertungen abgegeben werden, ohne sich vorher registrieren zu müssen. Bei acht gibt es keine Mindestbewertungsanzahl, bevor der Arzt eine Note erhält. Sechs Portale gaben an, nicht gegen Missbrauch vorzugehen. Auf fünf der Portale besteht zudem kein Schutz gegen Täuschungsmanöver.

Das Portal jameda.de gehört nicht dazu. Elke Ruppert, Leiterin der Unternehmenskommunikation: „Alle Bewertungen werden vor Veröffentlichung durch einen selbstlernenden und automatisierten Prüfalgorithmus analysiert. Wann immer das System Unregelmäßigkeiten identifiziert, wird die Bewertung durch ein erfahrenes Team nochmals geprüft. Dieses Zusammenspiel aus automatischer Prüfung und menschlicher Kontrolle ist nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand die wirksamste Methode, um Manipulationen zu unterbinden.“

Dazu gehört auch, dass alle Bewerter registriert sind und eine E-Mail-Adresse hinterlegt haben. Im Zweifel, so Ruppert, fordere das Unternehmen sogar einen Beleg vom Bewerter, dass er bei dem Arzt in Behandlung war.

Aus der Finanzierung des Service macht das Unternehmen kein Geheimnis. „Ärzte haben auf jameda die Möglichkeit, sich und ihre Praxis mit ausführlichen Texten und Bildern vorzustellen. Dadurch verbessern sie ihre Sichtbarkeit in Google und auf jameda und gewinnen so neue Patienten über das Internet. Über diese kostenpflichtigen Premium-Einträge finanziert sich jameda.“

Und die Zukunft der Arztbewertungsportale? Dr. Schmitz sagt, es sei zu erwarten, dass die Bedeutung noch eine Zeit lang wachse. Irgendwann werde es zu Ermüdungserscheinungen und schließlich zu einem Bereinigungsprozess kommen, an dessen Ende wenige große Portale überleben werden. Zumindest für das Wachstum sprechen die Zahlen. Nach eigenen Angaben konnte jameda im vergangenen Jahr einen Nutzerzuwachs von 58 Prozent verzeichnen. Derzeit suchten nach einer eigens durchgeführten, repräsentativen Studie 70 Prozent der Patienten online nach einem Arzt.

Aufregung ist abgeklungen

Dass sich die Menschen immer mehr im Internet informieren, erklärt Elke Ruppert mit dem Rundum-Paket. Routenplaner, aufgelistete Behandlungsschwerpunkte des Arztes, Öffnungszeiten, Bildergalerien der Praxis und eben Meinungen anderer Patienten vermitteln einen Eindruck. „Alles zusammengenommen ist es die beste und bequemste Art einen neuen Arzt zu finden“, sagt Ruppert.

Dass die Mediziner selbst teilweise zurückhaltend gegenüber solcher Portale sind, habe sich mittlerweile geändert, erzählt Ruppert. „Die große Aufregung, die zum Start des ersten Portals herrschte, ist inzwischen deutlich abgeklungen.“ Viele Ärzte hätten die Chance erkannt, man erhalte viel positives Feedback. Und Patienten schätzen diesen „Schritt zu mehr Transparenz“.

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