Organspende: Warten auf den Anruf, der das Leben ändert

Von: Christina Handschuhmacher
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Wartet auf ein Spenderorgan: Seit zehn Jahren steht Frank Mohr auf der Warteliste für eine Niere. Die Dialyse sei nur die zweitbeste Lösung für seinen Patienten, meint sein Arzt Dr. Dario Frank. Foto: Handschuhmacher

Eschweiler. Fünf Stunden sind zu einer lebenswichtigen Zeiteinheit geworden im Leben von Frank Mohr. Fünf Stunden dauert es, bis das Dialysegerät sein Blut von Stoffwechselprodukten gereinigt und den Flüssigkeitshaushalt wieder normalisiert hat. Aufgrund einer Nierenkörperchenentzündung, die lange Zeit unbemerkt blieb, können seine Nieren diese Aufgabe nicht mehr selbst erledigen. Deshalb ist Mohr seit zehn Jahren auf die Dialyse angewiesen.

An drei Tagen pro Woche kommt er deshalb zur ambulanten Dialyse ins St.-Antonius-Hospital. „Mit der Dialyse kann über viele Jahre der Ausfall der Nieren überbrückt werden“, sagt der Nierenfacharzt Dr. Dario Frank, der die Dialyse-Patienten im St.-Antonius-Hospital betreut. „Aber trotzdem ist das für den Patienten nur die zweitbeste Lösung.“ Die beste Lösung für die Patienten, die in Frage kommen? Eine Organspende.

Mohr, 44 Jahre alt, aus Dürwiß, lange Zeit in der IT-Branche tätig und nun Rentner auf Zeit, wartet seit zehn Jahren auf eine neue Niere. Er ist niemand, der sich bemitleidet, auch wenn die Erkrankung sein gewohntes Leben vollständig aus dem Takt gebracht hat. „In den ersten beiden Jahren meiner Erkrankung lief die Dialyse noch nebenher“, erzählt der 44-Jährige.

„Da bin ich von 8 bis 18 Uhr arbeiten gegangen und danach dann noch von 19 bis 24 Uhr zur Dialyse gekommen.“ Doch irgendwann war das gesundheitlich nicht mehr möglich. Seither ist Mohr Rentner auf Zeit und wartet: Darauf, dass sein Telefon klingelt und es am anderen Ende der Leitung heißt: „Herr Mohr, wir haben eine passende Niere für Sie.“

Frank Mohr ist einer von rund 12 000 Menschen in Deutschland, die derzeit nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen. Täglich sterben in Deutschland drei dieser Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein geeignetes Spenderorgan erhalten. Und nach dem Skandal um die Manipulation von Wartelisten ist die Spendenbereitschaft in Deutschland weiterhin rückläufig, wie die neuesten Zahlen der DSO belegen. Wurden im Zeitraum Januar bis März 2012 deutschlandweit noch 915 Organe transplantiert, liegt die Zahl für die ersten drei Monate des laufenden Jahres bei 797 transplantierten Organen.

Auch das neue Transplantationsgesetz – seit dem 1. November 2012 werden alle Bundesbürger ab 16 Jahren regelmäßig von ihrer Krankenkasse aufgefordert, eine Entscheidung für oder gegen Organspende zu treffen – hat noch keine Trendwende eingeleitet.

Damit die Bereitschaft zur Organspende wieder zunimmt, werben bei einer neuen Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums nun Prominente wie Biathlon-Olympiasiegerin Kati Wilhelm oder Schauspieler Klaus J. Behrendt für Organspenden. Und auch am heutigen Tag der Organspende wird deshalb unter dem Motto „Richtig. Wichtig. Lebenswichtig!“ über Organspende informiert.

Doch wie läuft eine Organspende überhaupt ab? „Als Organspender kommen nur Menschen in Frage, bei denen der Hirntod vor dem Herztod eintritt“, erklärt Dr. Andreas Niedeggen, Intensivmediziner und Transplantationsbeauftragter am St.-Antonius-Hospital. Das sei generell nur bei einer geringen Prozentzahl der Menschen der Fall, etwa bei Unfallopfern, die hauptsächlich schwere Kopfverletzung erlitten haben.

Niedeggen: „Wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod diagnostiziert haben und ein Organspendeausweis vorliegt, nehmen wir Kontakt zur DSO auf, die die Organvergabe in Deutschland vermittelt.“ Von dort fließen die Informationen zu Eurotransplant, einer Stiftung mit Sitz im niederländischen Leiden, die die Vermittlung von Organspenden in Deutschland, den Beneluxländern, Österreich, Slowenien und Kroatien koordiniert.

Und dann muss es schnell gehen: Während der Kreislauf des hirntoten Patienten stabil gehalten wird, wird ermittelt, welcher Patient für das betreffende Organ an erster Stelle der Warteliste steht und ob das Organ des Spenders mit den Angaben des potenziellen Empfängers kompatibel ist, erklärt Dr. Yvonne Commerscheidt-Hopp, ebenfalls Transplantationsbeauftragte am St.-Antonius-Hospital. Sobald klar ist, welcher Patient das Organ bekommt, fliegt ein Team aus dem betreffenden Transplantationszentrum in das Krankenhaus, in dem der hirntote Patient liegt, und entnimmt in einer OP die betreffenden Organe.

Seit 2007 – seither sind Commerscheidt-Hopp und Niedeggen Transplantationsbeauftragte – ist dies im St.-Antonius-Hospital zweimal vorgekommen. In zwei anderen Fällen, in denen ein Hirntod diagnostiziert wurde, lehnten die Angehörigen die Entnahme ab. „Sie gingen davon aus, dass ihr Angehöriger das nicht gewollt hätte“, sagt Commerscheidt-Hopp. Ein Organspendeausweis hätte in diesen Fällen für Klarheit sorgen können. Und nicht nur das: Eine Zustimmung des potenziellen Spenders zur Entnahme aller Organe hätte bis zu sieben schwer kranken Menschen dabei geholfen, wieder gesund zu werden.

Auch Frank Mohr ist darauf angewiesen, dass sich Menschen aktiv für die Organspende entscheiden. Die durchschnittliche Wartezeit für eine Spenderniere liegt derzeit bei sechs Jahren; Mohr wartet nun schon seit zehn Jahren auf ein passendes Organ.

Einmal, etwa anderthalb Monate ist es jetzt her, hatte Eurotransplant ein passendes Organ für ihn. Doch Frank Mohr lag eine Stunde lang betäubt auf dem Behandlungsstuhl beim Zahnarzt. Sein Handyklingeln hörte er nicht. Als er zurückrief, war es schon zu spät. Das Organ bekam ein anderer Patient. Frank Mohr hofft nun, dass er nicht mehr allzu lange warten muss – auf den nächsten Anruf, der dann sein Leben verändern soll.

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