Ohne Rüdiger Bilden wäre Amerika heute nicht dasselbe

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Spurensuche im Stadtarchiv: Professor Maria Lúcia Pallares-Burke (sitzend links) und die aus Eschweiler stammende Soziologin und Psychologie-Professorin Dr. Helga Bilden erforschen die Geschichte von Rüdiger Bilden. Der Eschweiler Geschichtsverein und die Stadt Eschweiler (stehend von links Armin Gille, Vorsitzender Simon Küpper und Bürgermeister Rudi Bertram) helfen nach Kräften.

Eschweiler. Einen „vergessenen Helden” nennt die Historikerin Maria Lúcia Garcia Pallares-Burke den aus Eschweiler stammenden Soziologen Rüdiger Bilden. Im Stadtarchiv von Eschweiler suchte die aus Brasilien stammende und in Cambridge lehrende Professorin jetzt nach Lebensspuren des ebenso wichtigen wie vergessenen Wissenschaftlers und Kämpfers gegen Rassendiskriminierung.

„Publish or perish” heißt eine im Wissenschaftsbetrieb oft zitierte Redewendung: Veröffentliche oder geh unter. Das galt auch schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Rüdiger Bilden hatte in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine wichtige Rolle in der wissenschaftlichen Bewertung von Rassenbeziehungen, seine Ideen wurden eifrig diskutiert und haben im Werk anderer Wissenschaftler Früchte getragen.

Doch veröffentlicht hat er sehr wenig, und sein Wirken wurde schließlich vergessen. Auch in seiner Heimat Eschweiler, zu der jeder Kontakt abgerissen war, wurde er vergessen - so gründlich, dass seine Familie ihn in den 70-er Jahren für tot erklären ließ. Dabei ist Rüdiger Bilden erst 1980 in den USA gestorben.

Geboren wurde Rüdiger Bilden am 4. Juli 1893 in Eschweiler-Röthgen. Sein Vater, der Gastwirt und Mälzereibesitzer Franz Bilden, galt als honoriger Bürger, er war Stadtverordneter und in der Kirchengemeinde St. Marien aktiv. In der Gaststätte Bilden an der Röthgener Straße 34 verkehrte ein „besseres Publikum”. Warum der älteste Sohn sich entschloss, als gerade einmal 20-Jähriger nach Amerika auszuwandern, ist noch unbekannt.

1914 kam Rüdiger Bilden in New York an. Er studierte ab 1917 an der Columbia University und galt schnell als einer der viel versprechendsten Köpfe dort: intelligent, gebildet, mit großen Wissen und vielen Ideen auf den unterschiedlichsten Gebieten. Mutig und furchtlos muss er gewesen sein, beschreibt ihn Pallares-Burke. Er nahm kein Blatt vor den Mund und kritisierte die herrschende Meinung im Wissenschaftsbetrieb.

Herrschende wissenschaftliche Meinung über Rassenbeziehungen war damals, dass es wertvolle und minderwertige Rassen gebe, und dass Rassenvermischungen zur Degeneration führen. Wertvoll war das Nordische, minderwertig das Negroide - solche Ansichten haben nicht die Nazis erfunden, sie waren schon vorher in den USA gang und gäbe.

Rüdiger Bilden wandte sich gegen diesen Rassismus, und Pallares-Burke ist sich sicher, dass seine Ideen den bedeutenden brasilianischen Soziologen und Historiker Gilberto Freyre in den 1920-er Jahren intensiv beeinflusst haben. Freyre studierte gemeinsam mit Bilden in New York.

Die Historikerin arbeitet jetzt an einem Buch über Rüdiger Bilden. Darin argumentiert sie, dass Bilden, „obwohl er im akademischen Sinne ein scheinbarer Versager war, der nicht die großen Bücher schrieb, die man aufgrund seiner brillanten Studenten-Zeiten erwartete und keinen Dauer-Posten an irgendeiner Universität erhielt, eine entscheidende Rolle für die Geschichte der amerikanischen Rassenbeziehungen sowohl als Denker wie auch als Aktivist spielte”.

Nicht nur in der akademischen Diskussion hatte Bilden großen Einfluss, sagt die Historikerin. Er setzte sich auch aktiv gegen Rassentrennung ein und hatte keine Scheu, sich damit Feinde zu machen. Eine zentrale Idee von Rüdiger Bilden war, das Land Brasilien, in dem es eine starke Rassenvermischung gab, als Untersuchungsmodell zu nehmen. Sein Artikel „Brasilien als ein Laboratorium der Zivilisation” sei bahnbrechend gewesen, versichert Pallares-Burke. In der Folge regten sowohl schwarze Führer als auch der berühmte deutsche Anthropologe Franz Boas eine Vortragsserie von Bilden in Brasilien an.

Prominente Nichte hilft

Bei den Forschungen nach den Wurzeln des in Röthgen geborenen Wissenschaftlers hilft der Eschweiler Geschichtsverein nach Kräften. Er schaffte auch im Stadtarchiv jedes gewünschte Dokument herbei. Pallares-Burke bedankte sich besonders bei Armin Gille, „dessen heimatgeschichtliches Wissen so erhellend für meine Forschung” ist.

Den Besuch von Maria Pallares-Burke in Eschweiler machte eine andere bedeutende Wissenschaftlerin möglich, die aus Eschweiler stammende Psychologin und Soziologin Professorin Dr. Helga Bilden, die bis zu ihrer Pensionierung 2006 an der Universität in München lehrte. Ihre Forschungen zur „Geschlechtsspezifischen Sozialisation” hatten erheblichen Einfluss auf die Frauenbewegung.

Gemeinsam sind die beiden Professorinnen jetzt auf der Spurensuche nach der Geschichte des vergessenen Soziologen. Dr. Helga Bilden hat dabei nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein persönliches Interesse an dem, was Maria Pallares-Burke für ihr Buch recherchiert: Rüdiger Bilden war ihr Onkel.
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