Offene Ganztagsschule: Zu wenig Geld, das Personal läuft weg

Von: Patrick Nowicki
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Standards wie in anderen Bildungseinrichtungen fordern die Träger der Offenen Ganztagsschulen in Eschweiler. Sie haben sich der landesweiten Kampagne „Gute OGS darf keine Glückssache sein“ angeschlossen. Foto: Peter Steffen
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Beschreibt die hohe Belastung des Personals in der Offenen Ganztagsschule: Carina Krause, OGS Dürwiß. Foto: Patrick Nowicki
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Wünscht sich eine flexiblere und qualitativ hochwertige Betreuung: Irit Gottschalk, deren Kind die OGS Kinzweiler besucht. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Die Träger der Offenen Ganztagsschule in Eschweiler schlagen Alarm: Das Angebot wird zwar bei Eltern immer beliebter, allerdings wachsen auch die finanziellen und personellen Probleme. Der Verein Betreute Schulen Aachen-Land der Arbeiterwohlfahrt, das Haus St. Josef und der Kinderschutzbund Eschweiler haben sich darum der Kampagne der freien Wohlfahrtspflege „Gute OGS darf keine Glückssache sein!“ angeschlossen.

Schon beim Frühjahrsstadtfest Anfang April war die Initiative mit einem Stand in der Neustraße vertreten und rührte die Werbetrommel, am Dienstagnachmittag diskutierten Betroffene mit den Landtagskandidaten im Haus St. Josef. Der Tenor aller Politiker: Das Problem ist erkannt, man gelobt Besserung. Den zahlreichen Anwesenden fehlte jedoch der Glaube.

„Uns geht die Puste aus“, brachte Carina Krause von der Offenen Ganztagsschule in Dürwiß die Gefühlslage des Personals auf den Punkt. Gleich an mehreren Stellen drückt der Schuh. Zum einen fehlt es schlicht an Standards. Bisher wurden Entscheidungen per Runderlass der zuständigen Ministerien geregelt, einen gesetzlich verbindlichen Personalschlüssel gibt es nicht.

Konkret führt das dazu, dass zum Beispiel das pädagogische Personal auch dafür zuständig ist, das Mittagessen zu verteilen, wohingegen für Vor- und Nachbereitung, Teambesprechungen und Fortbildungen keine Zeit bleibt. OGS-Personal berichtet zudem von einer räumlich schlechten Ausstattung. Zwei Abstellräume würden zusammengefasst, um Platz zu machen, schildert eine Zuhörerin. Auf dem Podium schütteln in diesem Moment alle nur ungläubig mit dem Kopf.

Die Kampagne hat schon beim Start Anfang Februar darauf aufmerksam gemacht, dass die Ausstattung der Offenen Ganztagsschulen davon abhängig ist, wie die Kommunen sie unterstützen. Zwar hat die jetzige Landesregierung eine jährliche Erhöhung um drei Prozent beschlossen, dies sei jedoch in den Augen der Träger „nicht hinreichend, um fachlich qualifiziertes und tariflich entlohntes Personal zu finanzieren und langfristig zu halten“.

Davon berichtet auch die Vorsitzende des Eschweiler Kinderschutzbunds, Mariethres Kaleß: „Wir zahlen inzwischen Tarife für pädagogisches Personal, die ich nicht mehr vertreten kann.“ In der Folge würden viele zwar eine qualifizierte Ausbildung beim Kinderschutzbund abschließen, anschließend aber vor allem in Kindertagesstätten wechseln, wo die Arbeit besser bezahlt werde. „Ich kann es den Menschen nicht verdenken“, sagt sie. Allerdings sei das Angebot der Offenen Ganztagsschule so auf Dauer nicht mehr zu halten.

Was die Pädagogen fordern, hat der Landesverband der Freien Wohlfahrtspflege NRW in Zahlen gepackt: Pro Gruppe mit einer Größe von 25 Kindern müssten eine Fachkraft (27,5 Wochenstunden) und eine Ergänzungskraft (12,5) eingestellt werden. Die Gruppenleitung müsste mit zusätzlichen fünf Stunden berechnet werden. Hinzu kommen Küchenpersonal (12,5) und eine Sachkostenpauschale in Höhe von 1000 Euro pro Jahr.

Berechnet man die Personalvergütung nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, dann betragen die jährlichen Kosten 79.274 Euro pro Gruppe oder 3171 Euro pro Kind. Aktuell werden 1429 Euro pro Kind pauschal gezahlt. In den Augen der Kampagne fehlen demnach 43.549 Euro jährlich. Auch die Erhöhung um drei Prozent auf 1472 Euro pro Kind und Jahr zum 1. August schließt in den Augen der OGS-Träger die Finanzierungslücke nicht.

Es kam auch eine Mutter bei der Podiumsrunde zu Wort, deren Kind die Offene Ganztagsschule Kinzweiler besucht. Irit Gottschalk legte Wert auf eine gute und qualifizierte Betreuung. Kritisch sieht sie häufige Personalwechsel. Einen Wunsch hat sie auch: „flexiblere Betreuungstage“. Aktuell seien nur fünf komplette Betreuungstage buchbar.

An der von Dagmar Hardt-Zumdick, Fachreferentin für Facharbeit und Sozialpolitik im Caritasverband des Bistums Aachen, geleiteten Diskussionsrunde nahmen als Vertreter der Parteien Dagmar Göbbels (FDP), Karin Schmitt-Promny (Grüne), Stefan Kämmerling (SPD), Albert Borchardt (Die Linke) und Axel Wirtz (CDU) teil. Vor der Runde wurden die Ergebnisse einer Studie der Forschungsstelle sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung an der Universität Düsseldorf vorgestellt, die die Wünsche der Kinder an die Schule und deren Umgebung untersuchte.

Im Rahmen des städteregionalen Familientags am 21. Mai werden die OGS-Träger in Eschweiler, Herzogenrath und Stolberg zum Thema informieren. Die Abschlussveranstaltung der Kampagne „Gute OGS darf keine Glückssache sein!“ findet am 11. Juli in Düsseldorf statt. Dort sollen die Forderungen an die Landesregierung übergeben werden. „Wir wollen bewusst nicht nur die Landtagswahlen für unser Anliegen nutzen“, sagte Dagmar Hardt-Zumdick.

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