NS-Kriegsverbrecher heimlich gefilmt

Von: Inga Lingnau
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Sitzen heute auf der Anklagebank im Amtsgericht Eschweiler: Die niederländischen TV-Journalisten Jan Ponzen und Jelle Visser, die den NS-Kriegsverbrecher Heinrich Boere in Eschweiler persönlich aufgesucht und dabei heimlich ein Interview mit ihm aufgezeichnet haben. Foto: Lingnau/dpa

Amsterdam/Eschweiler. Heute stehen in Eschweiler zwei niederländische Journalisten wegen eines nicht autorisierten Interviews mit dem NS-Kriegsverbrecher Heinrich Boere vor Gericht.

Jelle Visser und Jan Ponzen, Journalisten des niederländischen Fernsehmagazins „Een Vandaag”, wird Hausfriedensbruch und Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes vorgeworfen. Sie hatten den gebürtigen Niederländer Boere im September 2009 in einem Altenheim in Eschweiler mit einer versteckten Kamera interviewt, um ihn zu seinen Morden während des Zweiten Weltkrieges zu befragen. Zu diesem „letzten Mittel” hätten sie gegriffen, weil mehrere Versuche, telefonisch und schriftlich Kontakt aufzunehmen, gescheitert waren.

Nach der Ausstrahlung im Fernsehen erstattete Boere Strafanzeige und beschwerte sich beim niederländischen Presserat. Dieser wies die Beschwerde jedoch ab. Laut Strafgesetzbuch drohen den beiden bis zu drei Jahren Haft. Ihre deutschen Verteidiger rechnen mit einer Geldbuße.

Bei den niederländischen Nachkommen der Opfer haben seine grauenhaften Taten bis heute tiefe Wunden hinterlassen. Dass die Verurteilung eines Kriegsverbrechers sich mehr als ein halbes Jahrhundert hinauszögert, aber die Strafverfolgung der Journalisten jetzt in fast zwei Jahren über die Bühne geht, sorgt in den Niederlanden für Fassungslosigkeit und Empörung. Der 79-jährige Teun de Groot, Sohn des gleichnamigen von Heinrich Boere erschossenen Widerstandskämpfers, ist einer der letzten Zeugen der damaligen Zeit. In seinen Augen ist die Strafverfolgung der Journalisten absurd. „Es ist unangemessen und skandalös, dass zwei Journalisten, die gute Arbeit verrichten, für das Filmen eines Kriegsverbrechers vor Gericht erscheinen müssen.”

De Groot war elf Jahre alt, als sein Vater von Boere erschossen wurde. Der Tod seines Vaters hat ihn nie mehr losgelassen. Am heftigsten waren für ihn die Aussagen Heinrich Boeres in einem Dokumentarfilm aus dem Jahre 2000 (?De Silbertanne-moorden, von Rob van Olm und Jan Louter), in dem Boere von „seinen Heldentaten” spricht. Boere erwiderte in dem Film auf die Frage ob es ihm damals nicht schwer gefallen wäre, unschuldige Menschen zu erschießen: „Überhaupt nicht, es ist nur die Frage eines Fingerzugs - und Peng”. De Groot hofft auf einen glimpflichen Ablauf des heutigen Prozesses und dass sich eine große Öffentlichkeit für diese in seinen Augen unangemessene Strafverfolgung interessiert.

Der Generalsekretär der Niederländischen Gewerkschaft für Journalisten, Thomas Bruning, ist empört über die Strafverfolgung der beiden Journalisten. Der Niederländische Rat für Journalismus, eine unabhängige Instanz, die Klagen über journalistische Aktivitäten abwägt, habe das Handeln der beiden Journalisten als dem allgemeinen Interesse dienend beurteilt. Außerdem habe Boere gewusst, dass seine Besucher Journalisten waren und sei in diesem Sinne nicht hinters Licht geführt worden.

Auch in den Niederlanden ist das Filmen mit versteckter Kamera in einer fremden Wohnung verboten, wenn kein größerer gesellschaftlicher Wert der Aufnahmen nachweisbar ist. Bruning hat jedoch den Eindruck, dass das Gesetz in Deutschland strenger gehandhabt wird. Er sieht in der Strafverfolgung der Journalisten einen Fehltritt der Staatsanwaltschaft. Er hofft, dass dies auch der Richter so beurteilen wird.
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