Norbert Weiland: Jecker Strippenzieher mit einem grün-weißen Herz

Von: Patrick Nowicki
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Fastelovendsjeck und Familienmensch: Der Rückhalt seiner Familie ist Norbert Weiland sehr wichtig, wie die Bilder oben zeigen. Rechts oben ist er als junger Reserve-Präsident zu sehen. Und so kennt man ihn heute: in der Mitte des Eschweiler Karnevalskomitees und im Konfettiregen von Wattrelos. Foto: Sonja Essers

Eschweiler. Heute Abend, in der Festhalle Dürwiß, stehen Christian Leuchter als designierter Prinz und sein Zeremonienmeister in spe, Frank Lersch, im Mittelpunkt. Am närrischen Regiepult sitzt dann der Mann, der die Eischwiele Fastelovend seit dem Jahr 2001 auf Kurs hält: Norbert Weiland.

Der Komiteepräsident leitet die Proklamation und wird als Höhepunkt der Tollität die Insignien seiner närrischen „Macht“ überreichen. Weiland steht wie kaum ein anderer für die Eischwiele Fastelovend , ist volksnah und sympathisch. Seine närrischen Wurzeln liegen bei der KG Lustige Reserve. Seine Familie stärkt ihm stets den Rücken, wenn er im Auftrag des Karnevals unterwegs ist. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert er, warum er vor jeder Veranstaltung noch nervös ist und was den Eschweiler Karneval so besonders macht.

Heute Abend läutet die Proklamation die heiße Phase der Session ein. Sind Sie nervös?

Weiland: Vor der Session nicht. Aber vor der Proklamation sogar sehr nervös. Das hat sich in all den Jahren nicht geändert. Der Unterschied ist nur, dass jetzt erst am Nachmittag vor der Veranstaltung die Aufregung steigt. Früher war das schon am Morgen.

Gibt es irgendwelche Rituale, die Sie vor einer Veranstaltung einhalten?

Weiland: Eigentlich nicht. Ich muss morgens jedoch immer noch einmal in die Veranstaltungshalle, um sicher zu gehen, dass alles stimmt. Aber die eigentliche Vorbereitung endet erst mit dem Einmarsch.

Sie sagten mal, dass die Texte auf den letzten Drücker entstehen...

Weiland: Ja, ich brauche einfach den Druck, um die richtigen Einfälle zu bekommen. Das bedeutet aber nicht, dass ich am Veranstaltungstag selbst noch etwas schreibe. An dem Tag schaue ich mir die Texte erst im Saal wieder an. Am Abend zuvor lese ich sie noch einmal durch. Wobei ich ja nur den Einleitungstext vollständig formuliere. Die Überleitungen zwischen Programmpunkten mache ich mit freier Rede. Auf den Zetteln stehen dann nur die Namen. Ich glaube einfach, dass dies einen Touch Lockerheit in die Sache bringt und auch das Publikum besser mitreißt.

Waren Sie denn einmal sprachlos auf der Bühne, gab es kuriose Ereignisse, worüber Sie heute noch lachen können?

Weiland: Bei einer Sitzung ist einmal mehrfach der Strom ausgefallen. Auf der Toilette waren Kerzen aufgestellt. Da hatte der Gang zum Klo etwas Weihnachtliches.

Eschweiler ist ja karnevalsverrückt. Wie würden Sie so etwas einem Menschen erklären, der mit Karneval nichts am Hut hat?

Weiland: Auch wenn es abgedroschen klingt – in Eschweiler wird Karneval nicht gefeiert, sondern gelebt. Dies ist natürlich schwer zu erklären. Hier wird der Karneval mit der Muttermilch eingesogen und von Generation zu Generation weiteregeben. Wir sind froh und dankbar, dass sich so viele junge Menschen in den Karnevalsgesellschaften engagieren. Da können wir uns glücklich schätzen.

Wie lautet das Erfolgsrezept, ein Brauchtum so nach vorne zu führen?

Weiland: Das ist der Zusammenhalt. In Eschweiler helfen sich die Gesellschaften gegenseitig. Da greift die große Gesellschaft der kleinen unter die Arme. Wir sind auch noch nicht so dem Kommerz unterworfen. Bei uns ist alles volkstümlicher und familiärer. Das macht die Sache natürlich deutlich einfacher.

Dennoch ist einem gestandenen Fastelovendsjecken nicht immer zum Lachen zumute. Vor allen Dingen dann nicht, wenn es um Gema, Sicherheitsauflagen und Nichtraucherschutzgesetz geht. Sehen Sie das schöne Brauchtum bei wachsenden Auflagen in Gefahr?

Weiland: Ja, ich sehe da schon eine Gefahr. Und zwar dahingehend, dass es immer schwieriger wird, einen Verein zu führen. Vor 10, 15 Jahren war es anders und wesentlich einfacher. Ich gehe derzeit davon aus, dass man als Vereinsführung in einigen Jahren ohne Rechts- und Steuerbeistand nicht mehr arbeiten kann. Sonst ist es nicht mehr möglich, die rechtlichen und finanziellen Bedingungen zu erfüllen. Hier ist vor allem die Politik gefragt. Die Auflagen dürfen nicht bis ins Unermessliche steigen. Das betrifft ja nicht nur uns Karnevalsvereine, sondern auch Schützen- und Sportvereine. Irgendwann ist eine Grenze erreicht.

Ist diese Grenze erreicht?

Weiland: Wenn ich den Vergleich zu einem Buch heranziehen darf: Wir befinden uns auf den letzten Seiten.

Sind Sie mit dem BDK-Kompromiss mit der Gema, die die Musikrechte verwaltet, zufrieden?

Weiland: Wir sind dankbar, dass der Bund Deutscher Karneval als erster Verband einen Rahmenvertrag vereinbart hat. Er ist nun in Kraft getreten. Wäre es bei der alten Regelung geblieben, hätte das viele Vereine an den Rand des Existenzminimums getrieben. Die Kosten für Veranstaltungen wären nämlich zu groß geworden.

Viele Vereine befürchten auch negative Folgen des Nichtraucher-Schutzgesetzes. Geben die ersten Veranstaltungen der Session schon Aufschluss darüber, ob die Raucher die Säle meiden?

Weiland: Wir stehen ja erst am Beginn, deswegen kann ich zu den Sitzungen noch nichts sagen. Aber ich habe bei den Sessionseröffnungen bewusst hingeschaut. Ich konnte keine großen Besucherrückgänge feststellen. Es war auch keine größere Unruhe im Saal, weil die Menschen ein- und ausgingen. Bei einer Veranstaltung war ich sogar einmal als einziger Raucher vor der Tür. Ich glaube schon, dass sich das für uns Vereine einpendeln wird. Ich plädiere sowieso dafür, dass man auf die Vernunft der Menschen setzt, statt solche Regeln zu schaffen. Rauchen ist auch Kultur. Vor allem für kleine Gaststätten ist diese aktuelle Regelung sicherlich schwierig. Ich kann für die Karnevalsvereine nur sagen: Auf den Kindersitzungen herrschte sowieso immer ein Rauchverbot.

Bei diesen ganzen negativen Aspekten: Welche Stimmung machen Sie im Moment bei den Eischwiele Fastelovendsjecken aus?

Weiland: Klar, das sind Störungen, aber dies scheint uns im Moment noch nicht so sehr zu treffen. Ich merke im Moment, dass sich alle freuen, dass es endlich losgeht. Viele Gruppierungen haben schon ihre Kostüme geschneidert. Andere treffen sich, um die letzten Vorbereitungen zu tätigen. Und natürlich stoße ich immer wieder auf die wohl derzeit wichtigste Frage in Eschweiler: Wie ist das Wetter am Rosenmontag? (lacht)

Aber von Schnee lassen Sie sich doch nicht abhalten...

Weiland: Normalerweise nicht. Als ich Prinz war, lag sogar fast 30 Zentimeter Schnee. Und wir sind selbstverständlich durch die Innenstadt gezogen.

Alle Vorbereitungen für Rosenmontag sind also erledigt?

Weiland: Ziemlich. Alle Meldungen und Unterlagen liegen bei den Behörden. Ich denke, dass nun nur noch Kleinigkeiten zu regeln sind. Mir kommt dabei natürlich zugute, dass ich im Rathaus arbeite und die Wege deswegen etwas kürzer sind.

Ist es ein Vorteil, dass Sie sich „nur“ noch um das Karnevalskomitee kümmern müssen und nicht noch zusätzlich Präsident der KG Lustigen Reserve sind, wie das anfangs der Fall war?

Weiland: Nun, mein Herz schlägt in Grün und Weiß. Es ist ja nicht so, dass ich nicht mehr für meine Gesellschaft da bin. Ich bekleide immer noch das Amt des Vizepräsidenten. Aber es stimmt schon, ich bin nicht mehr im Geschäftsführenden Vorstand. Ich stehe auch nur noch mit Rat und Tat zur Seite, wenn meine Hilfe gebraucht wird. Wenn man ein Amt abgibt, dann muss man auch loslassen können. Und nicht nur ein wenig loslassen, sondern ganz.

Die Karnevalsvereine sind ja eine Persiflage auf das Militär. Welchen Rang hat denn der Ehrenpräsident der Lustigen Reserve und Komiteepräsident?

Weiland: Natürlich General! (lacht) Also, ehrlich gesagt, der Rang ist letztlich nicht entscheidend. Aber es ist schon schön zu sehen, wenn die Kleinen bei uns befördert werden und dann eine Urkunde erhalten. Dann strahlen die Augen!

Ihr Sohn Thomas ist ja Ihr Nachfolger. Das bedeutet also, der Sohn ist der Chef vom Papa?

Weiland: Ja... im Verein. Wenn er meinen Rat braucht, bin ich für ihn da. Aber das macht sicher jeder Vater. Ansonsten soll er seinen Weg gehen, wir mussten schließlich alle das Schwimmen lernen.

Schwimmen lernen müssen auch Büttenredner. In Anbetracht der karnevalistischen Profi-Konkurrenz auf der Bühne – hat man da als Eschweiler Büttenredner überhaupt eine Chance?

Weiland: Ich sehe sogar sehr große Chancen, denn die eigenen Leute zu sehen, das zieht doch die Menschen in die Säle. Wir haben mit den Mullejaanen einen Kreis, der sich sehr stark für den Nachwuchs einsetzt, der mit Herz und Seele bei der Sache ist. Und dass der Nachwuchs etwas zu bieten hat, das kann jeder bei der Proklamation erleben. Ein Nachwuchsredner oder eine Nachwuchsrednerin tritt schließlich auch heute Abend auf. Auch wenn viele schon wissen, wer es ist: An dieser Stelle werde ich den Namen noch nicht verraten.

Einige Könner in der Bütt bringt Eschweiler immer wieder hervor. Ist es nicht beruhigend, dass sich die langjährigen Redner auch um den Rednernachwuchs kümmern?

Weiland: Natürlich. Dies zeigt aber auch, dass auch die Könner ihre Wurzeln nie vergessen haben. Auch das zeichnet unsere wunderschöne Fastelovend aus!

Eschweilers Rosenmontagszug ist hinter Mainz und Köln der drittgrößte Deutschlands. Das wird kaum bestritten, aber immer wieder melden sich Menschen, die sagen, bei den Zuschauerzahlen wird zu hoch gegriffen. Was stimmt denn nun?

Weiland: Ich kann es nicht sagen, weil ich habe noch nie genau nachgezählt. (lacht) Also die Zahl stammt von der Polizei. Was wir lediglich beurteilen können, ist die Tatsache, ob mehr oder weniger Menschen am Wegesrand stehen als im Vorjahr. Aber auch das ist manchmal schwierig. Was auffällt, ist, dass es kaum noch Straßen gibt, wo wenig Menschen stehen. Es sind fast nur geschlossene Reihen. Früher ballten sich die Zuschauer an bestimmten Stellen. Das hat sich geändert. Und die Bourscheidstraße ist inzwischen eine der publikumsstärksten geworden.

Ob 150.000 oder 250.000 Zuschauer – der Eschweiler Rosenmontagszug genießt einen sehr guten Ruf. Wie erklären Sie sich das?

Weiland: Ich greife dann immer gerne auf die Worte des ehemaligen BDK-Präsidenten Franz Wolff zurück. Er sagte einmal: Wenn man ursprünglichen und unverfälschten Karneval sehen will, dann muss man nach Eschweiler fahren. Ich glaube auch, dass dies den Reiz ausmacht und dazu führt, dass auch Menschen aus dem ganzen Umland, ja selbst aus Köln und Düsseldorf Rosenmontag nach Eschweiler kommen. Da gibt es auch eine lustige Episode bei einer BDK-Veranstaltung: Die Berliner Karnevalsfreunde veranstalteten ihren Rosenmontagszug früher. Also nicht am Rosenmontag. Als jemand nachfragte, wo die Berliner denn ihren Rosenmontag verbringen würde, kam die Antwort: In Eschweiler! Na, was will man dazu dann noch sagen?!

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