Niemand hat je gefragt: „Bist du Ausländerin?!“

Von: Jessica Deringer
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Bringt mehr Vor- als Nachteile: die multikulturelle Schulgemeinschjaft am Städtischen Gymnasium. Auch Nigiena (vorne rechts) und Halenur (vorne Mitte) fühlen sich hier gut aufgehoben. Foto: Jessica Deringer

Eschweiler. „Haben Sie viele Ausländer hier?“ Nicht nur einmal hat Christian Kraus diesen Satz bei Informationsveranstaltungen des Städtischen Gymnasiums von Eltern gehört, die eine weiterführende Schule für ihre Kinder suchen.

Regelrecht „panisch“ mache es diese, dass viele Schüler des Städtischen Gymnasiums einen Migrationshintergrund haben, sagt Kraus, der dort Deutsch und katholische Religion unterrichtet. Dieselbe Erfahrung hat auch Schulleiter Winfried Grunewald gemacht. „Was ich mitkriege ist, dass manche Eltern bewusst die Entscheidung gegen das Städtische treffen, weil dort ihrer Meinung nach zu viele ‚Ausländer‘ sind“, sagt er. Zwar ist jede Schule auf Anmeldungen angewiesen, aber in diesem Punkt gibt es für die beiden Pädagogen keine Diskussion. Ihre Botschaft: Von der multikulturellen Schulgemeinschaft profitieren alle – Schüler, Lehrer und Eltern.

Was steckt dahinter, wenn Eltern am Infotag nicht nach Fächerkombinationen oder Klassengröße, sondern dem Migrationsanteil fragen? In vielen Fällen wohl die Angst, dass ihre Kinder in der Leistungsgesellschaft später nicht mithalten können, erklärt Beate Coenen, die genau wie Kraus Deutsch und katholische Religion unterrichtet: „Die, die vorwiegend leistungsorientiert sind, entscheiden sich für größere Homogenität.“ Die Vorstellung der Eltern: Heterogene Klassen, Streitereien und Unterrichtsunterbrechungen, langsamerer Lernfortschritt.

Eine berechtigte Sorge? Wohl kaum, sagt Coenen, die in den unteren Klassen auch Deutsch-Förderunterricht gibt und bei der sowohl Schüler mit als auch ohne Migrationshintergrund landen. Dies bestätigte bereits vor drei Jahren auch eine Studie dreier Schweizer Forscher zum Zusammenhang zwischen Unterrichtsstörungen und Migrationsanteil, die das Schulministerium NRW im Internet zitiert.

Ergebnis: Unterrichtsstörungen hängen nicht vom Migrationsanteil in einer Klasse ab – was wirklich zählt, sind die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern und die Atmosphäre in der Klasse. Und die sei in den meisten Fällen sehr gut, sagen die Lehrer des Städtischen – nicht trotz, sondern wegen der unterschiedlichen Hintergründe der Schüler. Statt Streitereien gebe es in ihren Klassen sachliche Diskussionen aus verschiedenen Perspektiven heraus, eben weil die Schüler Kontakte zu vielen Kulturen haben. „Das bereichert den Unterricht mehr, als dass es Schwierigkeiten macht“, findet Christian Kraus. Als es in seinem Religionsunterricht zum Beispiel um den Bau von Moscheen in Deutschland ging, argumentierten seine Schüler auch aus der muslimischen Sicht. Zwar wissen Kraus und seine Kollegen, dass „gar keine Reibereien utopisch wären“ und verschiedene kulturelle Hintergründe auch zu Konflikten führen können.

Die betreffen oft aber weniger die Schüler als ihre Eltern. Auch am Städtischen gab es schon Gespräche mit Eltern, die ihre Kinder aus religiösen Gründen nicht zum Schwimmunterricht oder auf die Klassenfahrt lassen wollten. Oder die Hemmungen haben, sich in die Schulgemeinschaft einzubringen.

Einmal, so Schulleiter Grunewald, habe er zum Beispiel eine muslimische Mutter, die Physik und Chemie studiert hatte, für die Hausaufgabenbetreuung gewinnen wollen – ohne Erfolg. Ihre Angst: „Ich habe doch ein Kopftuch, wie reagieren denn die Kinder?“ In solchen Fällen fehlt es oft auch am Austausch anderen Eltern. Um den in Gang zu bringen, denken die Lehrer des Städtischen gerade zum Beispiel über einen Runden Tisch für Eltern nach.

Oft fehlt einfach der Kontakt zu anderen Eltern - und der entsteht fast ausschließlich über die Kinder, wie Mohamad Hamad erzählt. Vor 27 Jahren kam er aus Palästina nach Deutschland, sein Sohn Adam besucht die achte Klasse des Städtischen. Wenn er Adam von Freunden abholt, kommt auch er mit den Eltern ins Gespräch, die dann fragen: Woher kommen Sie? Welche Religion haben Sie? „Solche Besuche finde ich immer toll“, sagt Hamad. Damit es öfter zu solchen Gesprächen kommt, denken die Lehrer des Städtischen jetzt über einen Runden Tisch für Eltern nach, an dem diese sich austauschen können.

Politische Korrektheit

Während es die Eltern manchmal anscheinend Überwindung kostet, aufeinander zuzugehen, ist es für die Schüler ganz normal. Vielleicht hilft es, dass es bei ihnen nicht um oberflächliche politische Korrektheit geht – Witze sind okay, sagt zum Beispiel Nigiena Ali, die dieses Jahr ihr Abitur macht und selbst Muslimin ist. Beim Döner-Essen zum Beispiel witzelten ihre nicht-muslimischen Freunde oft, ob das Fleisch überhaupt Halal sei und sie es als Muslimin essen dürfe. Aber: „Man merkt, dass sie es nicht ernst meinen“, sagt Nigiena.

Am Städtischen Gymnasium fühlt sie sich wohl: „Ich habe sehr guten Anschluss gefunden. Es war nicht so, dass die anderen gefragt haben: ‚Bist du Ausländerin‘?“ So sieht es auch ihre Freundin Halenur Colak, die ebenfalls Muslimin ist und anders als Nigiena ein Kopftuch trägt.

„Ich habe noch nichts Rassistisches erlebt“, sagt sie. „Reibereien kommen nur durch Vorurteile zustande, weil man nicht genug informiert ist.“

Manchmal, hat man das Gefühl, sind die Jugendlichen klüger als die Erwachsenen.

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