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Nicht alle nimmt der Wirtschaftsaufschwung mit

Von: Patrick Nowicki
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Der Industrie- und Gewerbepark
Der Industrie- und Gewerbepark aus der Vogelperspektive: Der Ladenhüter ist inzwischen zum Dauerbrenner geworden. Eine Erweiterung ist geplant. Foto: Günther Paulsen

Eschweiler. Der Euro-Unsicherheit zum Trotz: Deutschlands Wirtschaft brummt, statistisch betrachtet gab es in den vergangenen 20 Jahren nie so viele Arbeitsstellen wie derzeit. Die ebenfalls positive Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Eschweiler trübt jedoch die Tatsache, dass der Aufschwung keineswegs bei allen ankommt.

So sinkt zwar die Arbeitslosenzahl, aber die Summe der Bedarfsgemeinschaften, die von Hartz IV leben, steigt (siehe unten). Und damit wächst auch die Belastung für die Stadt.

Im Rathaus ist man davon überzeugt, dass die ohnehin gute Entwicklung andauert. „Es besteht nach wie vor eine große Nachfrage an Gewerbeflächen”, hat Bürgermeister Rudi Bertram eine klare Tendenz ausgemacht. Begünstigt wird dies durch die gute Verkehrsanbindung mit zwei Autobahnen in unmittelbarer Nähe und der Schienenachse Köln-Aachen. Der Verwaltungschef sieht es darum als eine der wichtigsten Aufgaben an, weitere Flächen auszuweisen. Zwei Gewerbegebiete hat er dafür ins Auge gefasst: das interkommunale Areal mit Inden am Kraftwerk Weisweiler und der zweite Abschnitt des Industrie- und Gewerbeparks. Beide sind schon politisch auf den Weg gebracht.

Die Stärkung der Wirtschaft rechnet sich für die Stadt in Euro und Cent: So kalkuliert die Verwaltung mit steigenden Gewerbesteuereinnahmen. Etwa 24 Millionen Euro sind für dieses Jahr veranschlagt, im nächsten Jahr sollen nach Schätzungen bereits fast 26 Millionen Euro in die Stadtkasse fließen. Und dies, obwohl der Steuersatz konstant bleiben soll. Im Jahr 2014, so prognostiziert der Kämmerer, will die Stadt 30,5 Millionen Euro Gewerbesteuer einnehmen. Auf solche Zahlen können die Nachbarstädte nur neidisch blicken.

Es gibt jedoch auch Verlierer des Wirtschaftsaufschwungs: „Er kommt bei den Menschen unten finanziell nicht an”, weiß Stefan Graaf, Geschäftsführer des Jobcenters der Städteregion. Seit Februar des vergangenen Jahres beobachten er und seine Mitarbeiter, dass die Zahl der sogenannten Aufstocker steigt. Das sind also die Menschen, deren Einkommen nicht ausreicht, um damit ihr Leben und das ihrer Familie zu bezahlen. Zwar teilt Graaf die Meinung, dass die Zahl der Arbeitsstellen zugenommen habe, allerdings blicken vor allem Geringqualifizierte nach wie vor in die Röhre. In Pessimismus will Graaf jedoch nicht verfallen: „Ich gehe davon aus, dass die Wirtschaft stabil bleibt, wobei die Entwicklung des Euro natürlich schwer vorherzusehen ist.”

Eine statistische Größe unterstreicht jedoch die Tatsache, dass das Wirtschaftsjahr zumindest gut begonnen hat. Kein Eschweiler Unternehmen aus der Metallindustrie hat zum Jahresbeginn Kurzarbeit angemeldet. Dies lässt die Skepsis der Gewerkschaft allerdings nicht schrumpfen. Denn IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Georg Moik hat eine wachsende Tendenz zum Billiglohn ausgemacht. „Außerdem stellen wir immer häufiger fest, dass befristete Arbeitsverträge nicht verlängert werden”, berichtet er. Sollte es einen Aufschwung geben, so komme er nicht bei den Menschen unten an, schlägt er in die gleiche Kerbe wie Stefan Graaf.

Moik geht davon aus, dass auch im neuen Jahr der Boom der Leiharbeitsfirmen anhalte. Und die Beschäftigten bei diesen Unternehmen müssen bekanntlich mit weniger Gehalt auskommen. „Allerdings spüren wir, dass immer mehr Arbeitnehmer aus Leiharbeitsfirmen auch den Weg zu uns suchen”, so Moik. Dann prüfe man, welche Tätigkeit der Betroffene ausübe und ob er die entsprechende Vergütung bekomme. Meistens trifft dies nicht zu, sodass oft auch Gerichte entscheiden müssen.

Bürgermeister Rudi Bertram kennt diese Probleme, oft wird er damit in seiner Sprechstunde konfrontiert. Umso mehr gewinnt für ihn Wirtschaftsförderung an Bedeutung. „Wir dürfen nicht die Probleme der Zukunft vergessen, aber wir müssen dafür zunächst einmal Probleme von heute lösen”, ist der Sozialdemokrat überzeugt. Und diese Probleme heißen Arbeitslosigkeit und ein jährliches strukturelles Defizit von zehn Millionen Euro in der Stadtkasse. Neue Gewerbeansiedlungen könnten die Sorgen zumindest etwas mildern.
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