Eschweiler - „Netzwerk Zuhause“: Lieber selbstständig wohnen als im Pflegeheim

„Netzwerk Zuhause“: Lieber selbstständig wohnen als im Pflegeheim

Von: Annika Thee
Letzte Aktualisierung:
14076097.jpg
Wollen möglichst lange eigenständig leben: Älteren Menschen soll das dank einer engen Kooperation zwischen Angehörigen, Ehrenamtlern und Pflegern bald möglich sein. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
14076094.jpg
Sind voll motiviert: Das Projektteam (v.l.) J. Burggraf, J. Funk, K. Thelen, W. Joussen mit Stadtkämmerer Stefan Kaever. Foto: A. Thee

Eschweiler. Die Gesellschaft verändert sich und der demografische Wandel macht auch vor Eschweiler nicht Halt. Traditionelle Familienstrukturen werden zunehmend aufgebrochen und immer mehr Senioren leben alleine. Werden sie dement, anderweitig pflegebedürftig oder benötigen Hilfe bei der Alltagsbewältigung, ist der Umzug ins Heim für sie bisher meist die einzige Alternative.

Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bestätigt, dass ältere Menschen innenstadtnah und so lange wie möglich selbstständig wohnen möchten. Eine Studie der gemeinnützigen Beratungsgruppe EUSOEC-EWIV konnte diese Ergebnisse auch für die Senioren in Eschweiler bestätigen.

„Home statt Heim“ („Zuhause statt Heim“) ist der Slogan für das Pilotprojekt „Netzwerk Zuhause – Gemeinsam Miteinander und Füreinander“, das im Dezember offiziell gestartet ist und diesem Wunsch älterer Menschen gerecht werden will. Dazu soll die pflegerische und soziale Tages- und Nachtbetreuung von hilfsbedürftigen Senioren verbessert werden.

Das Ziel des Modellprojekts: ein Netzwerk aus Pflegediensten, Ehrenamtlern und Angehörigen in Eschweiler aufbauen, um pflegebedürftigen Menschen die Möglichkeit zu bieten, so lange wie möglich im eigenen Haus statt im Pflegeheim zu wohnen. Zur Umsetzung ist ein Angebot an sozialer, medizinischer und pflegerischer Versorgung nötig, das rund um die Uhr verfügbar ist.

Die Pflegedienste in Eschweiler bieten bisher allerdings keinen Nachtdienst an. „Wir haben uns mit allen aktiven Pflegediensten im Quartier Zentrum zusammengesetzt, mit dem Ergebnis, dass sie sich bei Absprache mit den anderen Anbietern durchaus vorstellen können, abwechselnd einen solchen Nachtdienst anzubieten“, sagt Wolfgang Joussen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der EUSOEC-EWIV-Gruppe, die das Projekt zusammen mit dem Gesundheitsministerium trägt und in Kooperation mit dem Seniorenbeauftragten der Stadt Eschweiler und dem Quartiersentwickler Eschweiler-Zentrum durchführt.

„Natürlich lösen wir die Pflegeheime nicht ab. Uns geht es darum, dass Menschen möglichst lange zu Hause wohnen können, bevor der Umzug ins Pflegeheim unvermeidbar ist“, macht Wolfgang Joussen deutlich. Das Projekt richte sich ausschließlich an ältere Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz und dementiellen Erkrankungen, deren Krankheitsstadium einen Verbleib in den eigenen vier Wänden erlaube, wenn eine pflegerische und soziale Betreuung 24 Stunden am Tag bei Bedarf möglich sei.

Auf die Senioren, die an dem Projekt teilnehmen, solle kein zusätzlicher finanzieller Aufwand zukommen, verspricht der Projektträger. „Einzig die normalen Kosten für die Pflegedienste bleiben bestehen“, erklärt Joussen. Die Pflegedienste könnten sich die Senioren nach wie vor selbst aussuchen.

„In einer immer anonymer werdenden Gesellschaft, müssen wir Netzwerke bauen und mehr bürgerschaftliches Engagement schaffen“, sagt Wolfgang Joussen zum Ursprung des Modellprojekts. Zur Entlastung der Pflegedienste und der Angehörigen spielten daher ehrenamtliche Helfer in dem Pilotprojekt eine entscheidende Rolle.

Bisher haben sich bereits fünf Ehrenamtler bereiterklärt, älteren Menschen bei der Alltagsbewältigung unter die Arme zu greifen. Gleichzeitig sollen 20 bis 30 Senioren am ersten Projektdurchlauf teilnehmen. „Wir streben mindestens eine Eins-zu-eins-Betreuung an“, erklärt Wolfgang Joussen.

Daher sei man noch auf der Suche nach zusätzlichen Ehrenamtlern. „Die Ehrenamtler und auch die Angehörigen durchlaufen bei uns vorherige kostenfreie Qualifizierungsmaßnahmen über pflegerische und medizinische Grundlagen, ihre Rechte und Pflichten und das Thema Empathie. Natürlich begleiten wir die Ehrenamtler auch beim Erstkontakt mit den Senioren“, erklärt die examinierte Altenpflegerin Klaudia Thelen, die als Netzwerkkoordinatorin die erste Ansprechpartnerin für die Ehrenamtler ist.

„Die ehrenamtlichen Helfer sollen Ansprechpartner für die Senioren sein, können beim Arztbesuch oder Einkaufen helfen oder einfach nur ein offenes Ohr haben. Sie ersetzen keinesfalls die Pflege, sondern ergänzen sie“, stellt Thelen klar. Wichtig sei besonders, dass die Angehörigen von den Ehrenamtlern ein paar Stunden pro Woche entlastet würden.

Das Modellprojekt soll in der Anfangsphase zunächst in zwei Quartieren in Eschweiler erprobt werden. Im Herbst beginnt der erste Durchlauf im Quartier Zentrum. Sollte sich das Projekt als Erfolg für die betreffenden Senioren herausstellen, ist im nächsten Jahr eine zweite Erprobungsphase im Quartier Hastenrath/Nothberg geplant, einem Versorgungsraum der sich in seiner Infrastruktur absichtlich deutlich von der im Zentrum unterscheidet.

Aufbauend auf den Erkenntnissen aus beiden Erprobungsphasen soll ein sogenannter „Blue Print“ erstellt werden, ein Plan also, wie das Aufbauen eines erforderlichen Netzwerks auf andere Quartiere in Eschweiler, und schließlich auch auf andere Städte und Gemeinden, übertragen werden kann.

Angesichts des demografischen und sozialen Wandels erwarte die Stadt Eschweiler, dass sich die Zielgruppe des Projekts in den nächsten Jahren weiter erhöht, weshalb die Seniorenarbeit neu ausgerichtet werde, erklärt Stadtkämmerer Stefan Kaever. Das Modellprojekt „Netzwerk Zuhause“ sei eines der in diesem Rahmen unterstützen Maßnahmen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert