Netzwerk soll Flüchtlingsfrauen den Start erleichtern

Von: Annika Kasties
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Der Internationale Frauentag widmet sich in diesem Jahr in Eschweiler den Flüchtlingsfrauen. Foto: Stock/wolterfoto

Eschweiler. Das Ziel scheint erreicht. In Deutschland gibt es eine Bundeskanzlerin, drei Ministerpräsidentinnen und eine Verteidigungsministerin, die neben ihrer politischen Karriere sieben Kinder großgezogen hat. 105 Jahre nachdem Clara Zetkin mit der Einführung des internationalen Frauentages das Frauenwahlrecht und die Gleichberechtigung der Geschlechter forderte, wird die deutsche Politik maßgeblich von Frauen geprägt.

Doch obwohl die Gleichstellung von Mann und Frau mittlerweile gelebte Praxis sein sollte, sieht die Realität oftmals anders aus. Deshalb wird auch in Eschweiler der Weltfrauentag am Sonntag zum Anlass genommen, Frauen zu stärken und auf weiterhin bestehende Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft aufmerksam zu machen.

„Es ist wichtig, daran zu erinnern, was Frauen in der Vergangenheit geleistet haben“, betont Sigrid Harzheim, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Eschweiler, die anhaltende Relevanz des Weltfrauentages. „Was für die junge Generation heute selbstverständlich ist, hat sie der älteren Generation zu verdanken.“ Obwohl in den vergangenen 100 Jahren viel durch die Frauenbewegung erreicht worden sei, sei der Weg zur tatsächlichen Gleichberechtigung noch weit. Handlungsbedarf sieht Harzheim an vielen Stellen: beim Frauenanteil in Spitzenpositionen, beim Lohnunterschied, der nach wie vor anhaltenden Gewalt gegen Frauen.

Kind oder Karriere

Auch Mariethres Kaleß, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Eschweiler, sieht in der Gleichstellung von Mann und Frau Nachholbedarf. „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie liegt weiterhin primär auf den Schultern der Frau“, beschreibt Kaleß. Dies sei eine Doppelbelastung, die nicht nur während der jungen Jahre der Kinder zu spüren sei. Nach wie vor sind es vor allem alleinerziehenden Mütter, denen im Alter die Gefahr drohe, in die Armutsfalle zu rutschen. „Kind oder Karriere – mit dieser Fragestellung fühlen sich auch heute primär Frauen konfrontiert“, sagt Kaleß.

In Eschweiler sehe die Ausgangslage für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie prinzipiell sehr gut aus, so Kaleß. In den Ausbau der U3-Betreuung habe die Indestadt viel investiert: „Jeder kriegt seinen Anspruch erfüllt.“ Doch Kaleß fordert auch von Betrieben mehr Flexibilität bei der Kinderbetreuung. „Ein Unternehmen muss nicht gleich einen Kindergarten im eigenen Haus eröffnen“, erklärt Kaleß, „es reicht schon, wenn der Betrieb einen Raum für eine Tagesmutter zur Verfügung stellt.“ Dies erleichtere nicht nur berufstätigen Frauen den Berufsalltag, sondern führe auch zu einer stärkeren Bindung an den Betrieb.

Dass es jedoch häufig auch die inneren Hürden seien, an denen Emanzipation scheitere, weiß Nora Hamidi vom Integrationsrat. Sie fordert, dass Frauen im Berufsleben mehr Mut zeigen und sich bewusst für Führungspositionen bewerben sollten. Hamidi weiß, wovon sie spricht. Auch sie übernahm mit ihrer Wahl zur Vorsitzenden erstmals eine Bastion in Eschweiler, die über Jahrzehnte hinweg von Männern dominiert wurde.

„Speziell zugewanderte Frauen sollten mehr ihre tradierte Rolle als ausschließlich Hausfrau und Mutter überwinden“, findet Hamidi. Hierzu benötigten diese Frauen jedoch eine breit angelegte Unterstützung. „Kulturbedingt ist in vielen Ländern der Erde – auch in Deutschland – die klassische Rollenverteilung zwischen Frau und Mann gerade in bildungsfernen Schichten im ländlichen Bereich immer noch weit verbreitet.“

Ein besonders drängendes Thema sehen Kaleß und Harzheim dieses Jahr in der Integration von Flüchtlingsfrauen. 207 Frauen und Mädchen finden derzeit in Eschweiler Zuflucht vor Verfolgung, Gewalt und Terror in ihren Heimatländern. „Diese Frauen stammen aus anderen Kulturkreisen, sind mit einer anderen Mentalität aufgewachsen, zum Teil traumatisiert und isoliert“, weiß Harzheim. Um zu signalisieren, dass sie in Eschweiler willkommen sind, hat die Stadt den diesjährigen Weltfrauentag ihnen gewidmet.

Integration von Flüchtlingsfrauen

Denn die Aufnahme von Flüchtlingen müsse über das bloße Bereitstellen von einem Dach überm Kopf hinausgehen. „Es ist wichtig, dass die Frauen nicht nur in Eschweiler unter-, sondern auch ankommen“, betont Kaleß. Der erste Schritt hierfür sei das Erlangen der deutschen Sprache. Der Kinderschutzbund bietet Sprachkurse an, die sich speziell an Eltern von Flüchtlingskindern richten und von einer Kinderbetreuung begleitet wird. „Was nützt ein Sprachkurs, an dem Frauen nicht teilnehmen können, weil niemand ihre Kinder betreut?“

Mit Deutschkenntnissen allein sei es laut Harzheim allerdings nicht getan. „Wir müssen Anlässe schaffen, um Flüchtlingsfrauen aus ihrer Isolation zu holen und Kontakt zu anderen Frauen herzustellen“, bekräftigt Harzheim, der dieses Thema auch als stellvertretende Integrationsbeauftragte der Stadt Eschweiler besonders am Herzen liegt. Nur so könnten die Frauen hautnah erfahren, dass sie in einer fremden Stadt, einer ihr fremden Kultur nicht alleingelassen werden, sondern ein Netzwerk von Gleichgesinnten hinter sich haben, die sich ihrer Sorgen und Wünsche annehme.

Einen solchen Anlass bietet der internationale Brunch, den das Frauennetzwerk am Sonntag anlässlich des Frauentages in Kooperation mit dem Integrationsrat, dem multikulturellen Frauenbündnis „Frauenpower“ und dem Verein Begegnungsstätte Eschweiler-Ost veranstaltet. Dieser Brunch richtet sich explizit an Flüchtlingsfrauen und ihre Kinder. Beim gemeinsamen Essen sollen die Frauen auf das Angebot der Bürgerbegegnungsstätte aufmerksam gemacht werden und spüren, dass sie in Eschweiler willkommen geheißen werden.

Auch über den internationalen Brunch hinaus möchte Harzheim ein breitgefächertes Angebot realisieren, um Flüchtlingsfrauen in Eschweiler zu integrieren. Zurzeit laufen die Planungen für einen Begleit- und Übersetzungsservice. Dieser soll die Schutzsuchenden unter anderem bei Behördengängen und Arztbesuchen unterstützen. „Viele Flüchtlingsfrauen sind in unserer Kultur zunächst oft orientierungslos“, sagt Harzheim. „Die helfende Hand einer anderen Frau kann in solch einer Situation viel bewirken.“

Ein gemeinsames Ziel verbindet

Mit einem multikulturellen „Nähkurs“, den Harzheim bewusst in Anführungszeichen setzt, habe man bereits gute Erfahrungen gemacht. Die Fingerarbeit selbst stehe im Hintergrund. Wichtiger sei die Verständigung zwischen Migrantinnen, Flüchtlingen und deutschen Frauen. „Oft sind sich die Frau anfänglich noch etwas fremd“, berichtet Harzheim. „Doch ein gemeinsames Ziel, in diesem Fall das Nähen, verbindet und hilft dabei, kulturelle Unterschiede zu überbrücken.“

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