Nach der Pleite in ein seelisches Loch

Von: Patrick Nowicki
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Moderieren die Treffen „anonymer Insolvenzler“: Carmen Rosendahl-Küpper und Carsten Lange. Foto: P. Nowicki

Eschweiler. Im Mittelpunkt stehen Zahlen, offene Rechnungen, drückende Schulden und unerbittliche Gläubiger. Aber eine Insolvenz besitzt auch eine andere, eine emotionale Seite. Viele Betroffene fühlen sich als Versager, leiden unter Schlafstörungen und finden keine Zukunftsperspektive.

Ein neues Projekt des Sozialdienstes katholischer Frauen und des Aachener Rechtsanwalts Carsten Lange will den Menschen in Kooperation mit den „Anonymen Insolvenzlern“ einen Ausweg zeigen. An jedem ersten Donnerstag im Monat besteht für Betroffene die Möglichkeit, sich in einer Selbsthilfegruppe mit anderen überschuldeten Personen auszutauschen. „Dies zeigt den Menschen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind“, sagt Carmen Rosendahl-Küpper.

Die Diplom-Sozialarbeiterin arbeitet in der Schuldnerberatung des SkF und kennt viele Gedanken und Gefühle der Menschen, denen der Gang zum Insolvenzgericht droht oder die sich bereits in der Insolvenz befinden.Aktuell betreut sie 80 Fälle. Ihre Klienten leben von staatlicher Unterstützung, beziehen Geld nach SGB II („Hartz IV“) oder SGB XII (Hilfe zum Lebensunterhalt und Grundsicherung im Alter). Der Gesprächskreis soll sich allerdings auch an andere Personen richten – „denn die Insolvenz hat viele Gesichter und Geschichten“.

Ihr steht Carsten Lange zur Seite, der als Rechtsanwalt häufig mit der Abwicklung von Insolvenzen betraut ist. In der Selbsthilfegruppe will er sich bewusst nicht als juristischer Berater einbringen. In der Gruppe können die Betroffenen ihren Problemen Luft machen – bewertet werden die Aussagen weder unter juristischen, noch unter sozialen Gesichtspunkten.

„Wir wollen als Moderatoren Ansprechpartner sein und zeigen, dass eine Insolvenz – so merkwürdig das vielleicht klingen mag – auch eine Chance sein kann“, sagt er. Genau diesen Gedanken wollen beide vermitteln. Die sechs Jahre anhaltende Insolvenz gibt in ihren Augen den Betroffenen die Möglichkeit, eine Bestandsaufnahme ihrer Lebenssituation zu machen.

Getrieben von einem immer weiter wachsenden Schuldenberg, seien viele schließlich lange damit beschäftigt gewesen, „Feuer an einer Stelle auszutreten, während an anderer Stelle wieder ein neues Feuer entstand“, meint Lange. Auch unmittelbare Angehörige sind mit der Selbsthilfegruppe angesprochen, denn „sie erleben den Weg in die Insolvenz mit, sind in manchen Fällen ebenfalls Opfer“.

Die Zahl der Verfahren beim Amtsgericht Aachen, das die Insolvenzen für die Stadt Aachen, die Kreise Heinsberg und Düren sowie die Städteregion bearbeitet, sinkt zwar, ist aber nach wie vor hoch. Im Dezember des vergangenen Jahres zählte die Behörde 980 Regelinsolvenzverfahren und 1685 Verbraucherinsolvenzverfahren.

Zum Vergleich: Die Zahl der Regelinsolvenzverfahren betrug vor zwei Jahren noch 996, zudem wurden 1786 Verbraucherinsolvenzverfahren registriert. In dem Zuständigkeitsgebiet des Amtsgerichts Aachen leben etwas mehr als eine Millionen Menschen. Hinter dem Verbraucherinsolvenzverfahren verbergen sich nicht nur Privatpersonen, sondern es wird auch bei Selbstständigen angewandt, wenn deren Vermögensverhältnisse überschaubar sind.

Von den psychischen Folgen einer Insolvenz kann ohnehin jeder betroffen sein – völlig gleich ob Unternehmer oder Privatperson. Darüber zu sprechen, fällt ihnen schwer. Die Gründe liegen auf der Hand: Menschen wollen ihren gesellschaftlichen Status, ihre Freunde nicht verlieren. Darüber hinaus ist Geld ohnehin ein Tabuthema. Oft folgt dem finanziellen Fall auch der sozial-emotionale. Dies muss jedoch nicht sein, wissen Rosendahl-Küpper und Lange.

„Es war vor der Insolvenz ja nicht alles falsch“, berichtet der Jurist und nennt ein Beispiel: „Der gute Handwerker wird nicht schlechter, weil er von Buchhaltung zu wenig versteht und deswegen in die Insolvenz musste.“ Oft helfe es, die Lebensplanung anzupassen. „Es geht darum, Ängste abzubauen und Perspektiven zu eröffnen“, lautet der Leitgedanke der Gesprächsrunde.

In vielen Großstädten finden solche Gruppentreffen schon seit Jahren statt. Vielfach sind die „Anonymen Insolvenzler“ Veranstalter. In Aachen und Eschweiler übernimmt die Insolvenzberatung des Sozialdienstes katholischer Frauen die Organisation und Moderation der Zusammenkünft und kooperiert mit den „Insolvenzlern“.

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