Mobbing ist alles andere als Kinderkram

Von: Sonja Essers
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Mobbing unter Jugendlichen. Das Ausgegrenztsein kann auch Jahre später schwerwiegende Folgen haben. Foto: Imago/Begsteiger

Eschweiler. An ihre Schulzeit erinnert sich Muizzat nicht besonders gerne zurück. Der Grund: Schon in der ersten Klasse wurde die heute 21-Jährige von ihren Mitschülern gemobbt. „Ich war die einzige Dunkelhäutige in der Klasse und die einzige, die ein Kopftuch getragen hat. Ich war nicht sehr willkommen“, sagt sie. Beleidigungen gehörten für sie zum Schulalltag dazu.

Einmal wurde sie von ihren Mitschülern sogar in eine Mülltonne gesteckt und darin über den Schulhof gerollt. „Ich habe mich richtig dreckig gefühlt. Keiner war so wie ich. Aber irgendwann habe ich gelernt mich selbst zu akzeptieren und bin dadurch stärker geworden“, sagt sie.

Die Geschichte von Muizzat ist nur eine von vielen, die sich täglich in deutschen Schulen abspielt. Laut einer Pisa-Studie wird fast jeder sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von teils massivem Mobbing an seiner Schule. Bisher bewertete die Pisa –Studie vor allem die Leistungen deutscher Schüler im internationalen Vergleich. Nun steht jedoch ihr Lernumfeld auf dem Prüfstand. Und auch in diesem Punkt herrscht Nachholbedarf.

Dauerhafte Schäden

Ein ähnliches Ergebnis brachte zuvor die von unserer Zeitung in Auftrag gegebene Studie zur Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen in Aachen, die vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen erarbeitet wurde. Das Ergebnis: Über 40 Prozent von Schülern der neunten Klassen in der Region Aachen wurden bereits Opfer einer Mobbing-Attacke, jeder vierte Schüler erlebte dabei sehr heftige Beleidigungen, Tendenz steigend.

Wie gemein Mitschüler sein können, weiß auch der 19-jährige Sokol. Ein Junge aus seiner Klasse wurde von Mitschülern so lange geschlagen, bis er auf dem Boden lag. Er habe versucht dem Opfer zu helfen, doch dieser habe seine Hilfe abgelehnt. „Er hat alles in sich reingefressen. Ich wollte ihm helfen, aber ich wollte mich auch nicht aufdrängen. Das ging bestimmt über ein oder zwei Jahre so“, sagt er.

Zeit, die bei dem Betroffenen einen enormen Schaden anrichten könnte, sagt Dr. Wolfgang Hagemann. Der Ärztliche Leiter der Röher Parkklinik sagt: „Nach zwei Jahren kann ein Dauerschaden in der Persönlichkeitsentwicklung entstanden sein.“ Hagemann fordert, dass dem Thema Mobbing eine größere Aufmerksamkeit zu kommt, weiß aber auch, dass dies nicht immer erwünscht ist.

Das beste Beispiel dafür: Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, bezweifelte den Wert der Pisa-Studie und forderte, sich daran künftig nicht mehr zu beteiligen. „Ich werde die Kultusministerkonferenz dazu auffordern, sich das Geld für solche Studien künftig zu sparen“, sagte er der Bild-Zeitung.

Solche Studien gehörten ersatzlos gestrichen. Hagemann überrascht diese Reaktion nicht. „Man spricht einfach nicht gerne über schmuddelige Themen und Mobbing gehört dazu.“ Oft stritten Lehrer ab, dass es an ihren Schulen Mobbing gebe. „Auszuschließen, dass es Mobbingtendenzen gibt, beinhaltet ein großes Maß an Verleumdung“, sagt Hagemann.

Auch die 16-jährige Sarah hat in ihrer Grundschulzeit eine ähnliche Erfahrung gemacht. „Ich wurde von anderen Mädchen ausgegrenzt und mit Springseilen geschlagen. Ich zeigte meiner Lehrerin die blauen Flecken, aber sie glaubte mir nicht“, sagt sie. Mittlerweile beginne das Schikanieren sogar schon im Kindergarten, sagt Hagemann.

„Wenn es zu diesem Zeitpunkt schon anfängt, kann der Schaden später immens sein. Die Eltern versagen, die Kindergärtnerinnen versagen, das Kind fühlt sich schutzlos und ausgeliefert. Das hinterlässt einen großen Schatten“, sagt Hagemann.

Das Kind verharre in einer Opferposition, die sich auch im Erwachsenenalter nicht ändern werde. „Wenn Erwachsene da schludern, kommt es später zu einer Opferhaltung. Menschen, die Tabletten nehmen, alkohol- oder drogenabhängig sind, schieben oft anderen die Schuld dafür zu, weil sie sich selbst als Opfer sehen“, sagt Hagemann.

Wo fangt Mobbing an?

Und wann fängt Mobbing eigentlich an? Auch dazu hat Hagemann eine klare Meinung. Wer ausgegrenzt wird, wird gemobbt. Das könne ein Ausschluss aus der Kommunikation oder auch aus Freizeitaktivitäten sein. „Jeder Mensch hat Fähigkeiten, die werden aber gar nicht erst gesehen“, sagt er. Auch für Sokol, Muizzat und Sarah liegt die Grenze niedrig.

„Das fängt schon mit blöden Kommentaren an. Wenn man sich die immer wieder über lange Zeit anhören muss, ist das schlimm. Eigentlich will doch jeder nur in irgendeine Gruppe dazugehören“, sagt Sokol. Und um dieses Ziel zu erreichen, denken sich die Betroffenen verschiedene Strategien aus. „So manches Mobbing-Opfer wird ´krank´, um Schonung zu erfahren. Dann bekommt es Mitleid“, sagt Hagemann.

Doch nicht nur in der Schule können Kinder und Jugendliche Mobbing ausgesetzt sein. „Schule ist nicht der Mobbing-Ort schlechthin“, sagt Nicole Hillemacher-Esser von der Mobilen Jugendarbeit der Stadt Eschweiler. Dort, wo Jugendliche zusammenkämen, könnte so etwas passieren. „Das kann auch in Vereinen oder in der Freizeit passieren“, sagt Hillemacher-Esser.

Bei Konflikten unter Jugendlichen rät sie Außenstehenden dazu vorsichtig zu sein. „Außenstehende können oft schwer unterscheiden, ob Jugendliche sich streiten oder ob sie immer so miteinander reden.“ Aus diesem Grund sollte man vor dem Einschreiten die Situation genau beobachten. Sei es eindeutig, müsse man das Gespräch suchen.

Problem ernstnehmen

Dass Mobbing nicht nur in der Schule ein Thema ist, weiß auch Dr. Wolfgang Hagemann. Ein großes Problem sei beispielsweise das Mobbing in der Familie. „Wenn man aus allem ausgeschlossen wird, ist das auch Mobbing. Das ist tief verletzend, weil es sehr früh anfängt und immer wieder kommt“, sagt Hagemann.

In diesen Situationen seien Lehrer gefordert, wird das Kind in der Schule gemobbt, seien Eltern und Lehrer gefordert. „Sie müssen dem Kind erkennbar machen, dass man es sieht. Das Problem muss ernst genommen werden, aber sollte auch nicht überzogen werden. Da muss man einen konstruktiven Weg finden“, sagt er.

Nicole Hillemache-Esser meint: „Das Wichtigste, das man den jungen Menschen mitgeben kann, ist Selbstvertrauen. Man muss herausfinden, wo ihre Ressourcen sind, die fördern und ihnen zeigen, dass sie auch tolle Sachen machen.“

Und was meinen die Jugendlichen selbst dazu? „Mehr Prävention wäre gut. Vielleicht kann man schon im Unterricht dafür sorgen, dass sich alle kennen lernen müssen und vielleicht entsteht so erst gar kein Mobbing“, sagt Sokol und Sarah ergänzt: „Wichtig ist auch, dass Eltern und Lehrer zuhören. Denn Mobbing ist kein Kinderkram.“

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