Mit Demenz umgehen: Morgen nicht wissen, was gestern war

Von: Katrin Fuhrmann
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Wer an einer Demenz leidet, vergisst häufig einfache Tagesabläufe. Das macht die Betroffen nicht nur traurig, sondern auch wütend. Foto: dpa
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Hannelore Schwade engagiert sich für die Alzheimergesellschaft. Foto: Katrin Fuhrmann

Eschweiler. Wenn jemand an Demenz erkrankt, ist das für viele Angehörige eine niederschmetternde Diagnose, die ihnen von einem auf den anderen Moment den Boden unter den Füßen wegreißt. Angst macht sich breit. Genauso wie Wut, Verzweiflung und Traurigkeit. Die Erkenntnis, hilflos zuzusehen, wie sich die Erinnerung eines geliebten Menschen Stück für Stück aus dem Gedächtnis verabschiedet, ist für die meisten nicht greifbar, nicht real.

Die Eschweilerin Hannelore Schwade (73) hat diese Erfahrung gemacht. Ihr Eltern, die beide nicht mehr leben, hatten Demenz. Damals, so sagt sie heute, hätte sie gespürt, dass etwas nicht stimme. Ihre Eltern hatten sich verändert. Sie stritten häufig. Immer wieder brauchten sie Hilfen im Alltag. Ihr Vater war oft aggressiv. Ihre Mutter wusste morgens nicht mehr, was ihr Mann am Abend erzählt hatte. Die Krankheit schritt langsam voran. Doch sie war da, jeden Tag.

Es gab Tage, da merkte Schwade, wie anders Mutter und Vater plötzlich waren. Die Selbstständigkeit nahm ab, aber die Eltern wirkten wach und aktiv. Und irgendwie noch immer zufrieden „Ich habe viel geholfen und sehr viel mit ihnen gesprochen. Ich hatte das Gefühl, dass sie mit der Situation klarkommen, irgendwie“, sagt Schwade.

Wie schwer die Situation allerdings gewesen sein muss, das zeigt sich an jenem Abend, als Schwades Vater versuchte, sich und seiner Frau das Leben zu nehmen. Das war der Moment, an dem Schwade die Hilflosigkeit ihrer Eltern bemerkte und wusste, dass es das Beste sei, sie in ein Pflegeheim zu bringen. Dort wurde vieles besser. Mutter und Vater waren entspannter und besser gelaunt.

Diese Erfahrungen haben Schwade geprägt und sind ein Grund dafür, warum sie sich für die Alzheimergesellschaft der Städteregion Aachen engagiert. „Ich denke, ich bin es meinen Eltern schuldig, mich mit diesem Thema zu beschäftigen und meine Erfahrung weiterzutragen“, sagt sie. In Deutschland leben geschätzt fast 1,6 Millionen Demenzkranke. Zwei Drittel von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen, wie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auf Anfrage mitteilt. Dies bedeutet rechnerisch, dass in Eschweiler etwas über 1000 Menschen mit der Krankheit leben. Für die Angehörigen ändert sich mit der Diagnose genauso das Leben wie für die Betroffenen selbst. Mit Selbsthilfegruppen, Gesprächsrunden und gemeinsamen Unternehmungen möchte die Alzheimer Gesellschaft der Städteregion Aachen den Angehörigen Gehör verschaffen. „Der Austausch mit anderen betroffenen Familienmitgliedern ist wichtig“, sagt Schwade.

Das weiß auch die 62-Jährige Maria (Name von der Redaktion geändert). Ihre Mutter hat Demenz. Anfangs wollte Marias Mutter das nicht wahrhaben. Bis sie irgendwann zu ihrer Tochter sagte: „Lass uns in die Gedächtnissprechstunde gehen. Mir mir stimmt etwas nicht.“ Zu dem Zeitpunkt hatte Maria schon eine Menge über die Krankheit gelesen. Für sie kam die Diagnose Demenz nicht überraschend. Vielleicht ein Grund, warum sie die Situation schnell akzeptieren konnte.

Anfangs lebte Marias Mutter noch alleine. Auch, wenn sie manchmal nicht mehr den Weg nach Hause zurückfand. „Das Leben besteht nun mal aus Risiken“, sagt sie. Selbst als ihre Mutter die Kaffeekanne in den heißen Backofen gestellt hatte und in Sommerkleidung bei eisigen Temperaturen durch den Ort spazierte, blieb Maria, die nur fünf Minuten von ihrer Mutter entfernt wohnt, optimistisch. „Natürlich ist es mir schwer gefallen zu sehen, dass meine Mutter vieles nicht mehr so konnte wie früher. Aber ich habe das Beste aus der Situation gemacht“, sagt die 62-Jährige. Mittlerweile kommt der Pflegedienst regelmäßig, damit sie entlastet wird. Aber: „Ich bin gerne für meine Mutter da. Wir lachen viel“, sagt Maria. Dass ihre Mutter manchmal am nächsten Tag nicht mehr wüsste, was Maria ihr gestern erzählt hat, das gehöre eben dazu. „Man braucht sehr viel Geduld und Ruhe und eine positive Atmosphäre. Man darf nichts persönlich nehmen“, sagt die 62-Jährige: „Ohne die Krankheit wäre ich meiner Mutter nie so nah gewesen“.

Natürlich erlebt Maria auch die Momente, in denen ihre Mutter bösartig ist und mit ihrer Tochter schimpft und ihr Sätze an den Kopf wirft, die sie lieber nicht gehört hätte. Aber Maria sieht das Positive in der Situation. Einmal im Monat gehen sie mit rund 20 anderen Demenzkranken und ihren Angehörige in der Selbsthilfegruppe spazieren – für beide ein angenehmer Ausgleich. Dort erzählen alle von ihren Erlebnisse mit der Krankheit – und helfen damit anderen Betroffenen. „Wer sagt denn, dass ich nicht einmal selbst in die Situation kommen werde und an Demenz erkranke“, sagt Schwade. Sie leidet an Parkinson. Im Endstadium der Krankheit, kann Demenz auftreten...

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