Mit dem Beitel durchs frische Lindenholz

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Ein kleiner Kursus Holzbildhauerei gehörte mit zum Atelierbesuch bei Gerd Larsen: Hier lernt Tilly Gritzuhn die Handhabung von Klöpfel und Beitel.

Eschweiler. Wenn Gerd Larsen in seiner zur Werkstatt umgebauten offenen Garage steht, fliegen die Späne. Der Beitel gräbt sich ins Zedernholz, aus einem dicken Baumstamm schält sich mehr und mehr eine gedrungene Frauenfigur: Kopf, Schultern, Rücken ... Der Holzbildhauer gluckst vor Lachen, wenn er erzählt, wie manchmal Leute vorbeikommen und erschrocken fragen, was er da denn Unanständiges mache.

Das „Unanständige” ist eine Reproduktion der „Venus von Willendorf”. Diese berühmte Frauenfigur aus der Altsteinzeit, ein Fruchtbarkeitssymbol, ist im Original nur elf Zentimeter groß. Larsen erschafft sie in zehnfacher Größe neu. Eine Auftragsarbeit. Seit sechseinhalb Wochen hämmert und schnitzt der 72-Jährige daran: „Sie können sie ruhig anfassen.”

Kunst für viele Sinne

Anschauen, berühren, die Holzmaserung fühlen, sogar den Duft des frischen Holzes riechen: „Diese Kunst können sie begreifen”, versichert Jürgen von Wolff, „sie ist Kunst für viele Sinne.” Gemeinsam mit seiner Frau Marlene leitet von Wolff den Volkshochschulkreis „Lust auf Kultur” in Eschweiler.

20 Teilnehmer sind diesmal dabei, bewundern die Kunstwerke, fragen nach den Techniken der Holzbildhauerei, staunen über die Schärfe der Werkzeuge und werden dann von Larsens Gattin Elisabeth im Keller-Atelier mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Einige probieren schließlich selbst den Umgang mit Klöpfel und Beitel: „Schlagen Sie nur zu! Es kann gar nichts passieren!” ruft Larsen und strahlt seine neuen Schüler an.

Larsen ist ein guter Pädagoge. Wenn er von seiner Holzbildhauerei erzählt, strömt er über vor Begeisterung. Dieses sinnliche Gefühl, wenn der scharf geschliffene Beitel durch das frische Lindenholz gleitet - schon seine Beschreibung lässt dies nachempfinden. Kein Wunder, dass er inzwischen auch Schnitzkurse anbietet, am liebsten für Kinder und für behinderte Menschen.

Dabei hat er Holzbildhauerei nie studiert, hat sich das Meiste selbst beigebracht. Gerd Larsen ist Autodidakt. Von Beruf war er Krankenpfleger, arbeitete im Klinikum in Aachen. Vor 20 Jahren begann er mit dem Schnitzen. Künstlerisch anspruchslose Motive zunächst: Hufeisen, Blätter, Pilze. Aber Larsen hat einen Blick für Menschen, für Proportionen, für das, was unter der Oberfläche liegt. Er hat den Blick des Künstlers, und zudem: „Ich bin schrecklich neugierig!”

Herausforderung

Und so wird das, was er aus Holzblöcken und Baumstämmen herausholt, immer mehr zur Kunst, und immer wieder neu auch zu einer nicht nur handwerklichen, sondern auch künstlerischen Herausforderung.

Sichtbar wird das vor allem, wenn Gerd Larsen leidende Menschen darstellt - eine Maria Magdalena, einen Christus mit der Dornenkrone, ein blindes Kind als Opfer des Krieges in Afghanistan. Hier wird deutlich, dass zum Können eines Holzbildhauers nicht nur die perfekte Technik gehört, die er unter anderem in einem Lehrgang im tiroler Holzschnitzer-Mekka Elblingen erlernte, sondern Intuition und Einfühlungsvermögen.

Besinnung auf das Wesentliche - dabei helfen ihm Exerzitien in Klöstern. Einen ganz neuen Blick auf Menschen könne man gewinnen, sagt er und beschreibt, wie er dort Anregungen festhält: nicht mit einer Kamera, sondern in Ton. Aus kleinen Tonklumpen formt er schnell Köpfe, Figuren, arbeitet in Sekunden das Prägende dabei heraus.

Ein Blick reicht, um zu erkennen: Auch wenn Gerd Larsen als Bildhauer mit Ton statt Holz arbeiten würde, wäre er ein beeindruckender Künstler.
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