Mickriglohn für Haar-Artisten ist vielen zu viel

Von: Sonja Essers
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„Der neue Mindestlohn ist ein ‚Mickriglohn‘“, sagt Friseurmeister Sascha Peters. Er zahlt seinen Mitarbeitern schon seit Jahren übertarifliche Löhne. Foto: Sonja Essers

Eschweiler. Für Ahmet ist jeder Arbeitstag ein Kampf um seine Existenz. Vor vier Jahren machte sich der aus der Türkei stammende Friseur in Eschweiler selbstständig, doch der Konkurrenzdruck macht ihm zu schaffen. Und das obwohl er seine Kunden zu günstigen Konditionen frisiert.

Einen Herrenhaarschnitt gibt es bereits für zehn Euro. Für nur zwei Euro mehr können sich auch seine Kundinnen frisieren lassen. Ahmet steht zu seinen niedrigen Preisen, auch wenn die von seinen Kollegen und der Friseur-Innung mit Skepsis betrachtet werden. Trotzdem kommt eine Preiserhöhung für den Selbstständigen nicht in Frage. „Ich habe Angst, dass dann keine Kunden mehr kommen“, meint er: „Zwei Straßen weiter wird der Herrenhaarschnitt schon für neun Euro angeboten.“

Drei Stufen zum Mindestlohn

Doch warum können Friseure Haarschnitte zu solchen Preisen anbieten? Ein Grund sind die niedrigen Löhne in der Branche. In den sogenannten Billigketten wird kaum nach Tarif gezahlt. Mit den neu eingeführten Mindestlöhnen soll sich das nun ändern.

Seit dem 1. August gelten im Friseurhandwerk Mindestlöhne. Darauf haben sich im April die Landesverbände sowie die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi geeinigt. Diese sollen in drei Stufen eingeführt werden – bis im August 2015 ein bundesweit einheitlicher Mindestlohn von 8,50 Euro erreicht wird. Derzeit liegen die Stundenlöhne für angestellte ausgebildete Friseure bei 7,50 Euro im Westen und 6,50 Euro im Osten. Laut dem Tarifregister Nordrhein-Westfalen verdienen Gesellen zurzeit zwischen 1358 und 1780 Euro monatlich. Bis 2015 sollen diese Werte auf 1455 beziehungsweise 1833 Euro ansteigen. Friseurmeister verdienen in der niedrigsten Gehaltsstufe 1522 Euro, 2015 sollen es 1583 Euro sein. In der höchsten Vergütungsgruppe erhalten sie maximal 2239 Euro pro Monat – wenn sie als Geschäftsführer tätig sind und zugleich die Ausbildung verantworten. Dieser Wert soll bis 2015 auf 2307 Euro ansteigen.

Doch ist ein Stundenlohn von 8,50 Euro ausreichend? Nein, meint Friseurmeister Sascha Peters, Inhaber des gleichnamigen Salons am Markt. Für ihn ist der neu eingeführte Mindestlohn keiner, der diesen Namen auch verdient. „Das ist doch eher ein ‚Mickriglohn‘“, sagt der Selbstständige. „Wer soll davon leben?“ „Meiner Meinung nach müsste der Stundenlohn bei mindestens zehn Euro liegen“, meint Peters. Den Selbstständigen und seine fünf Mitarbeiter betrifft das Thema nur indirekt; Peters selbst zahlt seit Jahren mehr als den Tariflohn.

Friseurmeisterin Marion Reinhard-Schiffer, Inhaberin des Salons „Szenhaario“, hält die derzeitige öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Mindestlohn im Friseurhandwerk für wichtig. Reinhard-Schiffer ist Mitglied in der Friseur-Innung Aachen Regio und zahlt nach dem vorgegebenen Tarif. Plötzliche Preiserhöhungen müssen die Kunden in ihrem Salon deshalb nicht fürchten.

Die „Geiz-ist-geil-Mentalität“ vieler Kunden sieht Reinhard-Schiffer, die sich vor 15 Jahren selbstständig machte, dennoch mit kritischen Augen. „Früher wurde das bezahlt, was der Friseur verlangte. Da gab es keine Diskussionen.“ Diese traten jedoch vermehrt auf, als sich auch in der Indestadt immer mehr günstige Anbieter ansiedelten.

Auch Sascha Peters kennt diese Preisdiskussionen nur zu gut. Zwar spare man bei den günstigeren Anbietern beim Haarschnitt oder der Farbe, jedoch seien viele Kunden häufig nicht mit dem Resultat zufrieden, meint er. Dann sind Peters und Reinhard-Schiffer gefragt. „Wenn bei einem günstigeren Anbieter etwas schiefgelaufen ist, müssen wir das ausbessern und da reicht ein Besuch oft nicht aus.“

Als Grund für Qualitätsunterschiede nennt sie die mangelnde Weiterbildung des Personals bei den Billigketten, die aufgrund der niedrigen Preise nicht gewährleistet werden kann. Eine Rechnung, die zu Lasten des Verbrauchers geht. Sowohl bei Reinhard-Schiffer als auch bei Peters bilden sich die Chefs und ihr Personal regelmäßig weiter.

Doch nicht nur das obligatorische Waschen, Schneiden, Föhnen gehört zum Handwerk eines jeden Friseurs dazu, sondern auch ein guter Service. Ein Tässchen Kaffee, das Blättern in den neusten Magazinen oder ein kleiner Plausch mit dem Friseur beinhaltet dieser „Rundum-Service“, wie Peters ihn nennt. Dass eine erstklassige Kundenbetreuung jedoch auch ihren Preis hat, scheint für viele nicht selbstverständlich zu sein. „Es gibt Menschen, für die ist der Gang zum Friseur nur ein Mittel zum Zweck“, meint Reinhard-Schiffer. Peters teilt die Auffassung. „Heute wird die Friseurdienstleistung als notwendiges Übel gesehen.“

Die Erfahrung hat auch Friseur Ahmet gemacht. „Manche Kunden kommen mit fünf Euro zu mir und fragen, ob ich ihnen nicht auch für das Geld die Haare schneiden kann.“ Für Ahmet steht fest: „Wenn der Mindestlohn von 8,50 Euro eingeführt wird, muss ich einen meiner zwei Mitarbeiter entlassen.“

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