„Menschen helfen Menschen“: Neue Freiheit durch Mobilität

Von: Annika Kasties
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Mehr private Zeit mit der Mama: Fatima Ghmir-Nasris Kinder Naoual, Yassin und Amal (v.l.) dürfen sich endlich wieder über regelmäßige Besuche ihrer Mutter im Kinderzimmer freuen. Foto: Annika Kasties
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Unendliche Dankbarkeit: Fatima Ghmir-Nasri strahlt im Kreise ihrer zahlreichen Unterstützer.

Eschweiler. Für viele gehört es zum Abendritual dazu: Die Kinder werden vor dem Einschlafen zugedeckt und während Mama oder Papa ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest, schlummern die Kleinen allmählich ein. Was für viele Menschen selbstverständlich ist, war für Fatima Ghmir-Nasri lange Zeit nicht möglich.

Denn der vermeintlich kurze Abstecher in die Schlafzimmer ihrer drei Kinder im ersten Stock, bedeutet für sie einen Kraftakt, von dem sie sich mitunter tagelang erholen muss.

Die 37-Jährige leidet an einer besonders schweren Form von Multiple Sklerose. Es fällt ihr schwer, aufrecht zu sitzen. Ohne Stützkorsett würde sie in sich zusammensacken. Auch das Gehen ist nicht mehr möglich. Die tückische Krankheit brach bei ihr völlig überraschend im Alter von 31 Jahren aus. Damals war sie mit ihrer jüngsten Tochter im 7. Monat schwanger. Wie durch ein Wunder kam die kleine Amal gesund zur Welt.

Seitdem lebt Ghmir-Nasri mit der ständigen Gewissheit, dass der nächste Schub ihr letzter sein könnte: „Ich genieße jeden Tag so, als wäre er mein letzter und denke auch nicht darüber nach, was morgen ist. Ich bin einfach nur glücklich, dass ich gestern den Tag wunderbar verbringen konnte und heute den Tag erlebe.“

Obwohl die fünfköpfige Familie vor drei Jahren in ein Haus ziehen konnte, das zumindest zum Großteil behindertengerecht ist, bleibt Ghmir-Nasris Mobilität in den eigenen vier Wänden weiterhin eingeschränkt. Bis zu eine Stunde brauchte sie mitunter, um in den ersten Stock gelangen. Da sie die Anstrengung so sehr erschöpfte, musste sie zwischendurch immer wieder Pausen einlegen. Im Jahr schaffte sie diesen Akt nur drei bis vier Mal. Jede einzelne Strecke warf sie körperlich zurück. „Ich war erschöpft, hatte Schmerzen und spastische Krämpfe“, beschreibt die gelernte Augenoptikerin.

Das ist nun endlich anders. Seit Anfang März ergänzt ein Treppenlift das Bild im Hausflur von Familie Ghmir-Nasri. Mit diesem ist es für die junge Mutter nun eine Leichtigkeit, zu ihren Kindern zu gelangen. „Heute brauche ich dafür nur noch eine Minute“, strahlt die 37-Jährige über beide Ohren. Zu verdanken hat sie diesen Umstand einer großangelegten Spendenaktion, bei der sich ein ganzes Netz von hilfsbereiten Menschen zusammenschloss.

Der Ausgangspunkt der Spendenaktion findet sich auf der Weihnachtsfeier des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), dessen Eschweiler Ortsverband schon seit vielen Jahren mit der jungen Mutter zusammenarbeitet. Auf der Feier erfuhren Mitglieder des Vereins „Biker für soziales Engagement“ von Ghmir-Nasris Schicksal. „Als wir gehört haben, dass sich die Tochter einfach nur wünscht, von ihrer Mutter abends zugedeckt zu werden, wussten wir, dass wir etwas tun müssen“, sagt Andrea Sauerbier-Stauch vom noch jungen Verein.

Über Monika Medic, die Ghmir-Nasri noch aus der Kindergartenzeit ihres eigenen Kindes kennt, spann sich das Netzwerk, das den Treppenlift ermöglichte. Die Ratsfrau der SPD trommelte eine ganze Fußballmannschaft von Helfern zusammen. Neben den Bikern für soziales Engagement, waren der SkF Eschweiler, der Lion’s Club Eschweiler-Ascvilare und die Hilfsaktion „Menschen helfen Menschen“ unserer Zeitung an der Aktion beteiligt. Die Kosten des Treppenlifts beliefen sich auf 10.600 Euro. Während die Pflegeversicherung AOK 4000 Euro übernahm, hielt die Firma Thyssen Krupp den Preis für den Treppenlift so gering wie möglich.

Auch wenn Medic das Schicksal von Ghmir-Nasri durch die persönliche Bekanntschaft der Frauen natürlich sehr am Herzen lag, galt ihre persönliche Motivation primär anderer Stelle. „In erster Linie ging es mir um die Würde der Frau als Mutter. Auch die Kinder leiden unter der Krankheit ihrer Mutter“, erklärt Medic.

Ghmir-Nasri teilt diese Meinung. Endlich könne sie sich mit ihren Kindern in deren Zimmern zurückziehen. Diese Privatheit sei vorher nur selten möglich gewesen. „Ich fühle mich wieder als Mutter vollständig. Ich kann jederzeit nach oben gehen und für meine Kinder da sein. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.“

Die älteste Tochter war vom ersten Besuch der Mama mit Treppenlift im ersten Stock so berührt, dass sie weinen musste. „Sie war es gewohnt, dass ich mich erst erholen muss, wenn ich oben war“, erklärt Ghmir-Nasri. Einmal durften ihre Kinder mit dem Treppenlift hoch- und herunterfahren. Seitdem ist er ausschließlich der 37-Jährigen vorbehalten.

Der Treppenlift ist für Ghmir-Nasri ein Geschenk, das ihr mehr ermöglicht habe, als „nur“ erweiterte Mobilität. „Der Treppenlift hat mir ganz viel ermöglicht. Ich habe ein Stück Freiheit, ein Stück Leben und neue Selbstständigkeit erhalten“, sagt Ghmir-Nasri sichtlich berührt und ergänzt: „Ich kann all den Menschen, die mir dies ermöglicht haben, gar nicht genug danken!“

Ihr neues Lebensgefühl vergleicht die junge Mutter mit der Fahrt auf einer Achterbahn. Der Moment, in dem die Bahn steil hinabfährt, es überall kribbelt und man die Aufregung tief im Bauch spüre – genau so fühle sich Ghmir-Nasri nun jedes Mal, wenn sie ihre mit ihrem Treppenlift zu ihren Kindern fahre.

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