„Mein Kampf“ sorgt für große Diskussionen

Von: Sonja Essers
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Auch 70 Jahre nach dem Tod seines Verfassers sorgt die Propagandaschrift für Aufsehen. In der Indestadt ist die Nachfrage allerdings eher gering. Foto: Matthias Balk/dpa

Eschweiler. Eigentlich könnte es seit einigen Tagen bereits in den Regalen der Eschweiler Buchhandlungen stehen. Bisher ist dies jedoch reine Theorie. Es geht um Adolf Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“, die 70 Jahre nach dem Tod des Diktators nun wieder frei verkäuflich ist.

Wie die Buchhandlungen und die Stadtbücherei in der Indestadt damit umgehen? Sie richten sich nach den Wünschen ihrer Kunden.

„Einzelne Bestellungen gab es bereits im vergangenen Jahr. Wir haben das Buch auch frühzeitig geordert, da wir mit Nachfragen gerechnet haben“, sagt Jörg Drescher, Inhaber der Buchhandlung Oelrich & Drescher, auf Nachfrage unserer Zeitung. Der Indestädter hat eine ganz besondere Beobachtung gemacht. „Die Nachfrage stieg exakt am 8. Januar sprunghaft an, als in den Medien darüber groß berichtet wurde.“

Derzeit ausverkauft

Zurzeit ist die Propagandaschrift in der gesamten Bundesrepublik ausverkauft. Drescher rechnet damit, dass sie in wenigen Tagen wieder erhältlich sein wird. Zwölf Millionen Mal wurde die Originalfassung des Werks bis 1945 gedruckt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Neuauflagen dann verboten.

Das hat sich nun allerdings geändert. Der Grund: 70 Jahre nach dem Tod des Diktators laufen die Urheberrechte der Propagandaschrift aus. Eine kommentierte Fassung wurde daraufhin vom Institut für Zeitgeschichte in München herausgegeben. In dieser werden kritische Passagen wissenschaftlich analysiert und erläutert.

„Wir werden das Buch auf jeden Fall wieder auf Lager haben“, sagt Drescher und ist mit seiner Meinung nicht alleine. Befürwortet wird der Verkauf auch vom Deutschen Lehrerverband. In einer Presseerklärung sagte Präsident Josef Kraus, dass „eine Behandlung von Auszügen daraus im Schulunterricht empfohlen“ werde.

Auch der Zentralrat der Juden spricht sich auf seiner Internetseite dafür aus, das Buch im Unterricht zu verwenden. Dort heißt es: „Gegen eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“, die den Originaltext kritisch einordnet und der historisch-politischen Bildung dient, ist nichts einzuwenden.“

Hat Drescher beim Verkauf des derzeit stark diskutierten Werks Bedenken? „Es gab natürlich die ein oder andere Nachfrage, ob man jetzt dieses Buch auch ohne Kommentar erwerben könne. Selbstverständlich ist die Originalausgabe weiter verboten, da ein Verkauf den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen würde. Die einzige Ausnahme ist eben die kommentierte Neuausgabe“, so Drescher.

Und wie sieht es in der Eschweiler Stadtbücherei aus? Dort steht noch nicht fest, ob die Propagandaschrift künftig im Regal stehen wird oder nicht. „Wir würden die Neuauflage, sofern sie jetzt nachgedruckt wird, nur anschaffen, wenn es eine kontinuierliche Nachfrage gäbe“, sagt Leiterin Michaele Schmülling-Kosel. Dies sei derzeit nicht der Fall. Nicht nur der Preis von 59 Euro könnte als Argument dagegen sprechen, sondern auch der Umfang des Werks, das fast 2000 Seiten umfasst. „Wir befinden uns noch im Denkprozess“, so Schmülling-Kosel.

„Die Originalausgabe konnte in der Vergangenheit immer mit dem Nachweis, dass wissenschaftlich damit gearbeitet wird, über den Leihverkehr beschafft werden. Viele wissenschaftliche Bibliotheken haben die Neuauflage im Bestellvorgang, das heißt, wir würden unseren Kunden lieber die Fernleihe anbieten, wenn Nachfrage entsteht“, sagt Schmülling-Kosel weiter.

Auch in der Mayerschen Buchhandlung an der Neustraße steht die Propagandaschrift noch nicht in den Regalen, wie Torsten Woywod (Online-Marketing und Presse) bestätigt. „Wir haben die kommentierte, wissenschaftliche Ausgabe im Vorfeld nicht beim Verlag bestellt und haben diese somit auch nicht vorrätig“, sagt Woywod. Das gelte nicht nur für die Eschweiler Niederlassung, sondern für alle Filialen der Kette. Grundsätzlich bestehe die Möglichkeit, den Titel auf Kundenwunsch zu bestellen.

„Lose Neugierde“

Woywod hat eine ähnliche Erfahrung gemacht wie sein Kollege Jörg Drescher. „Von Kundenseite haben wir vor allem durch die große Medienresonanz um den Erscheinungstermin Anfragen zu dem Titel erhalten. Diese waren aber meistens nur in loser Neugierde begründet.“ Verkauft wurde in der Indestadt bisher noch kein Werk. Nur vereinzelt gebe es Vormerkungen von „Kunden aus dem wissenschaftlich interessierten Bereich“, so Woywod. Diese lägen im niedrigen einstelligen Bereich.

Und wie sieht es in der Region aus? In Würselen hat es Nachfragen gegeben und auch in Alsdorf konnten bisher rund 20 Bestellungen entgegengenommen werden. Besonders gespalten sind die Meinungen in der Eifel.

Dass die Propagandaschrift für die Kunden der Simmerather Gemeindebücherei zur Verfügung stehen wird, steht für Leiterin Rita Plum außer Frage. „Wir sind eine Einrichtung, die Dinge mit Diskussionsbedarf zur Verfügung stellt“, macht sie klar.

Claudia Küpper, Mitinhaberin einer Buchhandlung in Roetgen, ist anderer Meinung. „Wir werden es auf keinen Fall in den Bestand aufnehmen.“ Fest steht, dass die Propagandaschrift auch 70 Jahre nach dem Tod ihres Verfassers für Aufsehen sorgt.

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