Medizinforum Schlaganfall: Jedes Jahr 250.000 Betroffene

Von: ran
Letzte Aktualisierung:
5362940.jpg
Informierten über Präventions-, Behandlungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten in Sachen Schlaganfall: Dr. Ludger Kassenberg, Dr. Herbert Wilmsen, Norbert Schallenberg, Thomas Niemann, Dr. Rudolf Müller sowie Moderator Dr. Eberhardt Schneider (v. l.). Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Es ist die Schaltzentrale des menschlichen Körpers, die in jeder Millisekunde unzählige Signale empfängt, einordnet, verarbeitet und weiterleitet. Fällt sie aus oder trägt Schaden davon, wird aus dem Menschen ein mehr oder weniger hilfloses Wesen. Das Gehirn! Mit 100 Milliarden Zellen, von denen jede einzelne über bis zu tausend „Verbindungskabel“ verfügt, ist es ein wahrer Supercomputer, der jedoch sehr empfindlich ist. Und so zählt der Schlaganfall in Deutschland zu den drei häufigsten Todesursachen.

Im Rahmen des „Medizinforums“ unserer Zeitung informierten nun unter der Überschrift „Achtung Notfall: Schlaganfall!“ mit Moderator Dr. Eberhardt Schneider, Chefarzt des Euregio-Reha-Zentrums am St.-Antonius-Hospital, Norbert Schallenberg, Oberarzt des Euregio-Reha-Zentrums, Dr. Herbert Wilmsen, Chefarzt der Neurologie am St.-Augustinus-Krankenhaus in Düren-Lendersdorf, Logopäde Thomas Niemann, Dr. Rudolf Müller, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie, sowie Dr. Ludger Kassenberg, niedergelassener Arzt für Neurologie und Psychologie, sechs Experten im gut besuchten Talbahnhof über Symptome und Ursachen des Hirninfarkts, aber auch über Gegen- beziehungsweise Rehabilitationsmaßnahmen nach einem Schlaganfall.

„Wir behandeln heute ein sehr heikles Thema, denn ein Gehirnschlag reißt Menschen aus für sie heiterem Himmel aus ihrem bisherigen Leben“, begrüßte Dr. Eber-hardt Schneider die Zuhörer. „Rund 20 Prozent der Energie, die wir durch Nahrung unserem Körper zuführen, wird für das Gehirn benötigt“, unterstrich der Mediziner gleich zu Beginn die Bedeutung des Organs, um kurz darauf das Wort an Dr. Herbert Wilmsen weiterzugeben. Und der Neurologe nannte zunächst einen weiteren besorgniserregenden Aspekt: „Der Schlaganfall ist nicht nur die dritthäufigste Todesursache, sondern auch der häufigste Grund für bleibende Behinderungen.“

Insgesamt seien 250.000 Schlaganfälle pro Jahr in Deutschland zu verzeichnen, wobei 80 Prozent auf Mangeldurchblutung zurückzuführen seien. Warnsymptome wie die eingeschlafene Hand, Sprachstörungen, bei denen Silben vertauscht werden, Störungen des Handelns, bei denen zum Beispiel die Zeitung falsch herum gehalten wird, eine Halbseitensehstörung, die sich oft durch eine schmerzende Schulter bemerkbar macht, oder Schwindel seien oft nur flüchtig auftretende Erscheinungen. „Bemerken sie solche Dinge, lassen sie sich untersuchen“, richtete Dr. Herbert Wilmsen einen eindringlichen Appell an seine Zuhörer.

Klar müsse auch sein, dass selbst kleine Infarktzonen großen Schaden anrichten könnten. „Ein hängender Mundwinkel ist genauso ein Alarmzeichen wie eine Lähmungserscheinung. Das müssen sie begreifen“, betonte der Chefarzt des St.-Augustinus-Krankenhauses. Ganz entscheidend sei im Falle des Falles, schnellstmöglich zu handeln. „Ein Schlaganfall ist ein Notfall. Also wählen sie im Verdachtsmoment die Telefonnummer 112.“ Werde ein Patient innerhalb von drei bis vier Stunden in eine Spezialklinik eingeliefert, verbessere sich die Prognose eindeutig.

„Das Potenzial von Rehabilitationsbehandlungen ist inzwischen groß. Die Zahl der Patienten, die die Klinik gehend verlassen, ist in der jüngeren Vergangenheit deutlich größer geworden“, so Dr. Herbert Wilmsen. Dies bestätigte auch Norbert Schallenberg: „Heutzutage ist es Standard, die Patienten mit der Lyse, also der medikamentösen Auflösung eines Blutgerinsels, aggressiv zu behandeln.“ Für die Rehabilitation sei entscheidend, ob der Schlaganfall die Folge einer Mangelversorgung oder einer Einblutung (mit einer oft schlechteren Prognose) gewesen sei. Weitere Fragen seien Ort und Größe des Infarkts sowie die „Vorher-Situation“. Rehabilitationsmaßnahmen lohnten sich. Oft erfolge eine Kompensation der in Mitleidenschaft gezogenen Hirnbereiche durch benachbarte Regionen. Ebenso habe sich der frühzeitige Beginn der Rehamaßnahmen wenige Tage nach dem Schlaganfall bewährt.

„Klar ist, dass wir nicht alles wiederherstellen können“, so der Oberarzt. Mit der Hilfe der Ergotherapie, der Neuropsychologie oder der Logopädie sei jedoch vieles möglich. „Die Verbindung von Akut- und Rehamedizin hat sich bewährt“, stellte Dr. Eberhardt Schneider fest.

Seine Arbeit als Logopäde, also Sprach- und Schlucktherapeut, brachte Thomas Niemann den Gästen näher: „Schlucken ist ein hochkomplexer Vorgang, den fünf Hirnnerven vorbereiten und bei dem 50 Muskeln beansprucht werden.“ Fast die Hälfte aller Mensch über 75 Jahren litten unter Schluckbeschwerden, die sich durch häufiges Verschlucken, erschwertes Kauen und erschwerte Zungenbewegungen sowie Speichelausfluss bemerkbar machten. Bei der Reorganisation eines gestörten Sprachsystems bei einem Patienten könne ein Logopäde in der Regel auf einer Sprachwissensstruktur aufbauen und müsse nicht bei Null beginnen.

Wie wichtig der interdisziplinäre Austausch sei, betonte Chirurg Dr. Rudolf Müller: „Ein Schlaganfall steht häufig in Verbindung mit Grunderkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck, aber auch mit familiärer Vorbelastung.“ Die prophylaktische Untersuchung der Halsschlagader sollte deshalb bei jedem Menschen auf dem Programm stehen. Sei früher auf Veränderungen der Halsschlagader grundsätzlich mit einer Operation reagiert worden, werde heute in enger Zusammenarbeit mit den Neurologen individuell entschieden. Und: „Operationen werden heute nur noch in spezialisierten Zentren vorgenommen.“

Als gefährlichsten Risikofaktor nannte Dr. Ludger Kassenberg den Bluthochdruck. Doch auch Diabetes, Herzrhythmusstörungen und das Rauchen stellten beträchtliche Risiken dar. Nicht vergessen werden dürften auch die häufig bei Schlaganfallpatienten auftretenden Depressionen. „Diese müssen unbedingt behandelt werden, da sonst die Ergebnisse der Rehabilitation häufig wesentlich schlechter ausfallen als bei anderen Patienten“, so der Arzt für Neurologie und Psychologie.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert