Eschweiler - Medizinforum: Jede Prothese ist schlechter als jedes Bein

Medizinforum: Jede Prothese ist schlechter als jedes Bein

Von: ran
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Standen unseren Lesern im Talbahnhof Rede und Antwort: Dr. Rudolf Müller, Norbert Schallenberg, Sigrun Rist und Dr. Eberhardt Schneider (von links). Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Der Startschuss war ein Alarmsignal: Zum Auftakt des von unserer Zeitung in enger Kooperation mit dem St.-Antonius-Hospital veranstalteten Medizinforums präsentierte Moderator Dr. Eberhardt Schneider den zahlreichen Gästen am Dienstagabend im Talbahnhof „Hightech“ im Wert von 20.000 Euro. Doch von Begeisterung konnte in keiner Weise die Rede sein.

„So weit soll es auf keinen Fall kommen. Denn jede Prothese ist schlechter als jedes Bein“, erklärte der Forumsleiter unmissverständlich.

„Arterien verkalkt, verstopft, zu ... was tun?“ lautete die Überschrift der Veranstaltung, bei der Dr. Rudolf Müller, Chefarzt der Gefäßchirurgie im St.-Antonius-Hospital, Oberärztin Sigrun Rist, Fachärztin für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Angiologie, sowie Norbert Schallenberg, Oberarzt des Euregio-Rehazentrums Eschweiler, über Vorbeugung sowie Behandlungen mit und ohne Skalpell informierten und anschließend den Fragen der Zuhörer Rede und Antwort standen.

„Es kommt vor allem auf sie an“, appellierte Dr. Eberhardt Schneider direkt an das Auditorium. „Denn es gibt kaum eine Erkrankung, bei der der Patient sowohl im Vorfeld als auch nach der Diagnose so viel zum positiven Verlauf beitragen könnte und kann“, so der Chefarzt und ärztliche Leiter des Euregio-Rehazentrums.

Dr. Rudolf Müller unterstrich, einerseits aufrütteln, andererseits aber auch Ängste nehmen zu wollen. Die Arterien, die das Blut vom Herz weg in alle Bereiche des Körpers leiteten, seien Hohlräume, die durch Ablagerungen von Schadstoffen häufig von Verengungen, die zu Durchblutungsstörungen führen könnten, betroffen seien. Dabei ließen sich die Peripheren Arteriellen Verschlusserkrankungen (PAVK) in vier Stadien aufteilen.

„Stadium I verläuft asymptomisch. Das bedeutet, dass der Patient die Veränderungen innerhalb seiner Gefäße nicht bemerkt, obwohl die Krankheit vorhanden und zum Teil auch bereits fortgeschritten ist“, so der Gefäßchirurg. Eine Verengung (Stenose) werde oft erst bemerkt, wenn das Gefäß bereits zu 50 bis 70 Prozent verschlossen sei.

Stadium II mache sich dann oft durch die sogenannte „Schaufensterkrankheit“ bemerkbar. „Der Patient hat Schmerzen beim Gehen und muss etwa alle 100 Meter stehenbleiben, um abzuwarten, bis sich der Blutstrom wieder beruhigt hat.“

Im Stadium III seien dann Schmerzen auch im Ruhezustand, häufig nachts, zu verzeichnen, während in Stadium IV schwerste Durchblutungsstörungen mit abgestorbenem Gewebe vorlägen, die Amputationen unumgänglich machten.

„Entscheidend ist, eine Therapie möglichst bereits in Stadium I zu beginnen. Es gehört zu den Aufgaben des Hausarztes, Risikofaktoren auszuschalten und den Patienten medikamentös einzustellen“, erklärte Dr. Rudolf Müller.

Für eine Diagnose spielten unter anderem die Faktoren Familienanamnese, Alter, Raucherstatus, Diabetes, Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen (Cholesterin) oder auch rheumatische Grunderkrankungen eine wichtige Rolle.

Laute die Diagnose „Gefäßerkrankung“ stehe zunächst eine konservative Therapie auf dem Programm. Stoße diese an ihre Grenzen, folgten die minimalinvasive Therapie (Katheter/Stents) oder eine Operation (Bypass).

„Können wir eine Operation umgehen, entscheiden wir uns stets für den minimalinvasiven Eingriff. Dabei wird entweder ein Führungsdraht in das betroffene Gefäß eingeführt, durch den ein Ballonkatheter vorgeschoben wird, der die Enge aufdehnt. Reicht dies nicht aus, wird ein Stent gesetzt, der mit maximalem Durchmesser an die Gefäßwand andockt, das Gefäß weitet und den Blutstrom wieder ausreichend fließen lässt“, machte der Chefarzt deutlich.

Zur modernen Gefäßchirurgie, wie sie das Euregio-Gefäß-Zentrum am St.-Antonius-Hospital anbiete, gehörten, dass alle Techniken unter einem Dach vereint seien und interdisziplinäre Absprachen mit Radiologen, Angiologen, Neurologen und plastischen Chirurgen möglich seien. „Auch in der Gefäßchirurgie gibt es Kliniken, in denen zu viele Operationen anberaumt werden.

An unserem Zentrum agieren wir in dieser Hinsicht defensiv und operieren nur, was notwendig, und nicht, was möglich ist. Manche Operationen bringen dem Patienten nämlich nur kurzfristige Linderung, während sie langfristig eher Schaden anrichten“, schloss Dr. Rudolf Müller seine Ausführungen.

Norbert Schallenberg widmete sich anschließend der primären (vor Erkrankung) sowie sekundären (nach Diagnose) Vorbeugung von Gefäßerkrankungen. „Die Behandlung der Risikofaktoren hat entscheidende Bedeutung. Ein Gefäßpatient, der raucht, vergibt ganz einfach Chancen“, so der Oberarzt, der nicht zuletzt den Bewegungsmangel als weiteren Faktor betrachtet. „Eine Erhöhung der Alltagsaktivitäten hilft jedem Patienten.“

Das Ziel der Therapien für Patienten, die an einer Gefäßerkrankung im Stadium II litten, müsse lauten, die Gehleistung zu verbessern. Für Patienten der Stadien III und IV stünde die Schmerzreduktion und der Erhalt der Extremitäten sowie der Lebensqualität im Vordergrund. Sei Gehtraining nicht möglich, könnten auch Schwimmen, Aqua-Jogging oder auch Oberkörper-Ergometertraining zur Verbesserung der allgemeinen Fitness des Patienten beitragen.

„Ist aber ein strukturiertes Gehtraining unter gezielter Anleitung in einer Gefäßsportgruppe möglich, dann gilt es, sich so zu belasten, dass eine Übersäuerung des Blutes vermieden wird“, betonte Norbert Schallenberg.

Bei Patienten, die wenig belastbar seien, müsse zunächst die schmerzfrei zurückzulegende Gehstrecke ermittelt werden. „Zwei Drittel dieser Strecke mehrfach täglich zu gehen, ist möglich!“ Für stärker belastbare Patienten laute die Faustregel, drei bis fünf Mal pro Woche jeweils 30 bis 60 Minuten gehen und dabei rund 80 Prozent der maximal schmerzfreien Strecke zu absolvieren.

Dass der Bewegungsmangel heutzutage immer häufiger erschreckende Ausmaße annehme, unterstrich Oberärztin Sigrun Rist: „Im Jahr 1960 betrug die durchschnittliche Gehstrecke eines erwachsenen Menschen in Deutschland noch rund acht Kilometer.

Aktuell ist dieser Wert auf 500 Meter zurückgegangen“, nannte die Medizinerin Zahlen. Unabänderlich sei aber die Tatsache, dass sich die Flexibilität der Gefäße mit zunehmendem Alter verschlechtere.

„Deshalb ist es ganz wichtig, dass sie in sich hineinhorchen, Veränderungen im Wohlbefinden wahrnehmen und diese ihrem Hausarzt mitteilen“, appellierte die Fachärztin für Innere Medizin ebenfalls an ihre Zuhörer, bevor Dr. Eberhardt Schneider nochmals auf den Beginn des Medizinforums zurückkam. „Natürlich muss alles getan werden, um eine Prothese zu verhindern. Doch auch mit Prothese ist das Leben keinesfalls zu Ende!“

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