Medizinforum: Eine Operaion ist nicht immer nötig

Von: Andreas Röchter
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Dr. Wolfgang Steffens, Dr. Eberhardt Schneider, Dr. Rudolf Müller und Dr. Henning Lichtenstein (von links) referierten beim Medizinforum unserer Zeitung. Foto: Andreas Röchter
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Dr. Eberhardt Schneider zeigte beim Medizinforum seine gesunden Beine. Er erklärte, dass vor allem die Unterschenkel von Krampfadern betroffen sind

Eschweiler. Tag für Tag zirkulieren 6.000 bis 7.000 Liter Blut – das sind mehr als zehn Regentonnen – durch die Venen und Arterien des menschlichen Körpers. Vor allem die Venen, durch die das Blut zurück zum Herzen, größtenteils also „bergauf“, fließt, sind großen Belastungen ausgesetzt. „Das Problem ist, dass Blut nach unten sackt.

Als der Mensch sich vor einigen Millionen Jahren aufrichtete und zum Zweibeiner wurde, hat er es seinem Blutkreislauf schwierig gemacht. Ein Dackel zum Beispiel hat es viel leichter“, begrüßte Dr. Eberhardt Schneider, Chefarzt der Klinik für fachübergreifende Frührehabilitation am St.-Antonius-Hospital und des Euregio-Reha-Zentrums Eschweiler, am Dienstagabend gewohnt humorvoll mehr als 100 Gäste im Kulturzentrum Talbahnhof zum Medizinforum, das diesmal unter der Überschrift „Krampfadern, Thrombosen, offene Beine ... was tun?“ stand.

Neben dem Forumsleiter saßen mit Dr. Rudolf Müller, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am St.-Antonius-Hospital, Dr. Henning Lichtenstein, niedergelassener Hautarzt in der Inde-stadt, sowie Dr. Wolfgang Steffens, niedergelassener Chirurg in Herzogenrath-Kohlscheid, drei ausgewiesene Fachleute auf dem Podium, die nach ihren Referaten auch zahlreiche Fragen der Zuhörer beantworteten.

„Probleme und Erkrankungen der Arterien, aber vor allem der Venen, stellen innerhalb der Medizin ein riesiges Thema dar“, betonte Dr. Rudolf Müller zu Beginn seines Vortrags. Neben dem Herz und der Lunge, die eine Sogwirkung ausübten, seien es die Venenklappen, die dafür sorgten, dass sauerstoffarmes Blut zurück zum Herzen fließe. Dabei verfüge der Mensch über ein oberflächliches (Hautvenen) und ein tiefes Venensystem. Beide Systeme würden durch 50 bis 70 Verbindungsvenen gespeist. „Bei einer Venenthrombose verstopft ein Gerinnsel oder auch Pfropf ein Blutgefäß und verhindert die Durchblutung. Die große Gefahr ist, dass ein solches Gerinnsel durch die rechte Herzkammer in Richtung Lunge wandern und eine Lungenembolie verursachen kann. Dies geschieht in Deutschland etwa 100.000 Mal pro Jahr.

Die sogenannte tiefe Venenthrombose fordert damit mehr Todesopfer als es Unfälle im Straßenverkehr tun“, so der Chefarzt. Zu den Risikofaktoren zählten neben Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel durch langes Sitzen auch das Geschlecht und das Alter. „Es ist kein Zufall, dass heute Abend mehr Frauen als Männer und mehr ältere als jüngere Menschen vor Ort sind“, hatte Dr. Eber-hardt Schneider bereits zu Beginn des Forums erklärt. „Frauen, nicht zuletzt während der Schwangerschaft, und ältere Menschen haben ein gesteigertes Risiko, eine Venenthrombose zu bekommen“, bestätigte Dr. Rudolf Müller, der jedoch ausdrücklich vor überstürzten Operationen warnte.

„Kompressionstherapie“

„Es gilt, ausschließlich Venen und Krampfadern zu entfernen, die wirklich krank sind. Viel zu oft werden Operationen durchgeführt, obwohl gar keine wirklichen Krampfadern vorliegen. Das ist eine Katastrophe“, sprach der Mediziner deutliche Worte. Eine farbcodierte Ultraschalluntersuchung gebe in der Regel Aufschluss, ob Krampfadern vorlägen. Die anschließende Therapie sei meistens konservativ. „Zahlreiche Thrombosen sind im Gegensatz zu früher inzwischen mit einer Tablette pro Tag gut zu behandeln.“ Unverzichtbar sei aber definitiv die „Kompressionstherapie“, für die das Gegenargument „zu eng“ nicht gelten könne. „Für jeden Patienten ist der passende Kompressionsstrumpf vorhanden“, unterstrich Dr. Rudolf Müller. In puncto Vorbeugung gelte der Grundsatz „lieber laufen und liegen statt sitzen und stehen“. Als aktive Venenpflege empfahl Dr. Eberhardt Schneider bei längeren Sitzphasen die Übung „abwechselnd Ferse und Vorderfuß hoch“.

In manchen Fällen seien Operationen dennoch unumgänglich. „Diese Operationen werden aber minimalinvasiv und damit ohne größere Schnitte vorgenommen“, erklärte Chirurg Dr. Wolfgang Steffens. „Klassisch ist die sogenannte ‚Stripping-Methode‘, bei der von der Leiste ausgehend ein Draht in die kranke Vene eingeführt wird, um sie dann herauszuziehen.“ In den zurückliegenden acht bis zehn Jahren habe sich jedoch das endoluminale Verfahren durchgesetzt. „Hierbei wird eine Lasersonde eingeführt, die die Vene von innen erhitzt. Die Folge ist das Schrumpfen und der dauerhafte Verschluss der Vene“, so Dr. Wolfgang Steffens.

Ein solcher Eingriff sei mit lokaler Betäubung möglich und verlaufe sowohl schmerz- als auch blutarm. „Generell muss aber gesagt werden, dass jedes Verfahren nur so gut ist wie der Operateur. Dieser benötigt Erfahrung. Darüber hinaus ist auch nicht jede Krampfader für das endoluminale Verfahren geeignet, so zum Beispiel Krampfadern, deren Volumen überdurchschnittlich groß ist“, schloss der Chirurg seine Ausführungen.

Dem „hässlichen“ Thema „offene Beine“ widmete sich abschließend Dr. Henning Lichtenstein. Der Hautarzt betonte, dass es für Beinschmerzen allerdings die unterschiedlichsten Gründe geben könne. Diese hätten in vielen Fällen nichts mit Krampfadern zu tun. „Nicht selten liegt die Ursache im Rücken, wobei die Schmerzen bis ins Bein ausstrahlen.“ Ein deutliches Indiz für ein Krampfaderleiden sei, wenn ein Patient am Abend „dicke Beine“ zu beklagen habe und nur noch den Wunsch verspüre, die Beine hoch zu legen. Klar sei auch, dass nicht das Aussehen des Beines, sondern die Funktion der Venen das entscheidende Kriterium sei, ob eine Operation oder eine andere Therapie notwendig sei.

Der Stützstrumpf

„Es ist möglich, dass ein Bein schlecht aussieht, dessen Hauptvenen aber trotzdem gut funktionieren“, so der Mediziner. Für die Therapie sei die Ursachenforschung entscheidend. „In der frühen Phase sind hydroaktive Wundauflagen zu empfehlen, in speziellen Fällen auch nach wie vor Salben.“ Unumstößlich sei: „Ohne Kompression geht es nicht! Menschen, die einen gut sitzenden Kompressionsstrumpf tragen, wollen diesen häufig nicht mehr ausziehen.“ Dabei sei es für den Patienten wichtig zu wissen, dass ein Stützstrumpf nichts mit einem medizinischen Kompressionsstrumpf zu tun habe.

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