Medizinforum: Die Hüfte lässt einen niemals in Ruhe

Von: ran
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Experten des 45. Medizinforums: Dr. Oliver Heiber, Dr. Klaus Geller, Dr. Kathrin Bellen, Dr. Eberhardt Schneider, Dr. Ture Wahner und Anja Thoma (v. l.) informierten vor zahlreichen Gästen über Hüftgelenkserkrankungen und deren Therapieformen. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Vor rund vier Millionen Jahren begannen die Vorfahren des Homo sapiens, sich aufzurichten. Und bei allen Vorteilen, die der aufrechte Gang mit sich bringt, brockten sie ihren Nachfahren damit ein ganz schönes Süppchen ein, welches diese noch heute auslöffeln müssen: Probleme mit den Hüftgelenken!

Und so lautete die Überschrift des 45. Medizinforums, zu dem unsere Zeitung in Kooperation mit dem St.-Antonius-Hospital am Dienstagabend in den Talbahnhof eingeladen hatte, auch folgerichtig „Hüftgelenkserkrankungen... was tun?“.

Unter der Moderation von Forumsleiter Dr. Eberhardt Schneider, Ärztlicher Leiter des Euregio-Reha-Zentrums und Leiter der ambulanten orthopädischen Rehabilitation, informierten die Chefärzte Dr. Oliver Heiber und Dr. Ture Wahner, die Fachärztin Dr. Kathrin Bellen sowie der niedergelassene Orthopäde Dr. Klaus Geller die zahlreichen Zuhörer über Krankheitsbilder und Therapieformen. Zuletzt demonstrierte die Physiotherapeutin Anja Thoma am „lebenden Objekt“, der angehenden Physiotherapeutin Ulrike Burk, wie erste Gehversuche nach einer Hüftgelenksoperation aussehen sollten.

100.000 Kilometer zu Fuß

„Das Hüftgelenk ist das meist benutzte Gelenk des menschlichen Körpers. Die Hüfte lässt uns unser ganzes Leben lang nicht in Ruhe. Deshalb ist von größter Bedeutung, dieses Gelenk über Jahrzehnte hinweg zu beobachten und sich der Risiken bewusst zu sein“, eröffnete Dr. Eberhardt Schneider, bevor Dr. Kathrin Bellen über Hüftgelenkserkrankungen referierte.

„In unserem Leben gehen wir bis zu 50 Millionen Schritte, legen dabei rund 100.000 Kilometer zurück und umrunden somit zweieinhalb Mal die Erde“, verdeutlichte sie die Größenordnung der Belastung, die das Hüftgelenk im Laufe eines Lebens ausgesetzt ist. Doch Hüfterkrankungen können in Form von Hüftreifungsstörungen bereits Neugeborene betreffen. „Mit Ultraschall-Untersuchungen sind Fehlbildungen der Gelenkpfanne relativ gut festzustellen. Eine Spreizhose oder ein Beckenbeingips stellen gängige Gegenmaßnahmen dar“, so die Fachärztin für Orthopädie.

Ein weiteres Problem im Kindesalter sind Durchblutungsstörungen, die am ehesten Jungen im Alter von vier bis neun Jahren betreffen. „Ein Symptom sind häufig Knieschmerzen, die aber durch Hüftgelenksprobleme ausgelöst werden.“ Ein ernsthafter Notfall, der zwingend eine Operation nach sich ziehe, liege beim Abrutschen des Hüftkopfes vor.

„Darüber hinaus können grippale oder andere Infekte eine Mitreaktion der Hüftgelenke herbeiführen. Der sogenannte Hüftschnupfen ist aber eine Krankheit, die spontan ausheilt“, erklärte Dr. Kathrin Bellen. Erwachsene Menschen litten häufig an der Hüftdysplasie, also der Fehlform der Gelenkpfanne, der „einklemmenden Hüfte“ (Hüftimpingement), bei der eine Enge zwischen dem Hüftkopf und der Hüftpfanne ursächlich sei, sowie der Gelenkarthrose.

„In einem gesunden Gelenk puffert der nicht durchblutete Knorpel die Bewegungen ab, wobei die reibungsarme Gelenkschmiere den Knorpel ernährt. Im Falle einer Arthrose befindet sich der Patient aber in einem Teufelskreis. Durch einen bereits vorhandenen Knorpelschaden läuft er nämlich unrund. Dies führt zu Entzündungen, die Schmerzen auslösen und den Patienten zu einer Schonhaltung quasi auffordern. Bewegungsarmut des Patienten führt aber dann wiederum zur Ernährungsarmut des Knorpels, das Spiel beginnt von vorne“, schloss die Medizinerin ihre Ausführungen.

Den konservativen Behandlungsformen, also ohne Operation, widmete sich anschließend Dr. Klaus Geller. „Hüftschmerzen können die unterschiedlichsten Ursachen haben. Behandlungsformen sind unter anderem die Gangschulung, physikalische Therapien durch Kälte oder Wärme, Schuheinlagen, Akkupunktur, Stosswellentherapie, auch Schmerzmittel, in seltenen Fällen Cortison“, so der niedergelassene Orthopäde.

Generell müssten auch Verhaltensveränderungen beim Patienten in Betracht gezogen werden. „Die Verringerung des Gewichts, wobei jedes Kilo zählt, steht in der Prioritätenliste weit oben. Weiterhin gilt: Nicht dauerhaft stehen, das Tragen schwerer Lasten vermeiden, als Sportarten empfehlen sich Schwimmen und Radfahren“, erläuterte Dr. Klaus Geller den Zuhörern. Klar müsse sein, dass eine Arthrose mit einer konservativen Behandlung nicht heilbar, das Fortschreiten der Krankheit aber zu verlangsamen sei. „Die Therapie muss individuell den Erwartungen des Patienten, dessen Alter und dem Zustand des Gelenks angepasst werden.“

„Kunstgelenke“

Mit Dr. Oliver Heiber und Dr. Ture Wahner brachten dann die beiden Chefärzte des Endoprothetik-Zentrums am St.-Antonius-Hospital Eschweiler den Forumsgästen die unterschiedlichen Methoden der Hüftgelenksoperationen näher, wobei zunächst die minimalinvasive Hüftgelenksarthroskopie, also die Spiegelung des Hüftgelenks, im Mittelpunkt stand.

„Ein nicht unkomplizierter Eingriff, da der Weg zum Gelenk lang ist. Generell ist zu betonen, dass der Patient bei diesem Eingriff Stabilität dank Bewegungsabnahme einkauft“, betonte Dr. Oliver Heiber. Vor dem Eingriff stünden zunächst das Gespräch mit dem Patienten, das Röntgen sowie die Kernspintomographie, bei der der Gelenkknorpel extrem gut zu sehen sei, auf dem Programm. Dem Thema „Kunstgelenke“ nahm sich Dr. Ture Wahner an.

Er unterstrich, die häufigste Ursache, die einen endoprothetischen Ersatz des Hüftgelenks notwendig mache, sei die sogenannte Koxarthrose, die die Abnutzung des Knorpels im Gelenk beschreibe. „Der richtige Zeitpunkt für eine Prothese ist aber erst dann erreicht, wenn die konservativen Maßnahmen erschöpft sind, da eine Prothese eine Einbahnstraße darstellt. Weitere Indikatoren sind die Abnahme der Lebensqualität, die Verkürzung der Gehstrecke, eine gestörte Nachtruhe sowie grundsätzliche Bewegungseinschränkungen.“

Zu beachten sei ebenso, dass die Haltbarkeit eines künstlichen Gelenks nicht unendlich ist. „Deshalb werden bei jüngeren Patienten oft zementfreie, bei älteren dagegen zementierte Modelle benutzt. Generell gilt es, bei einem Eingriff wenig Knochenmaterial zu verschwenden, da bei jedem Wechsel Knochenmaterial verloren geht“, so Dr. Ture Wahner, bevor Physiotherapeutin Anja Thoma kurz in die Therapiepraxis einführte.

„Das höchste Gut im Alter ist die Mobilität. Leidet diese, droht die Gefahr von Folgeerkrankungen“, appellierte Dr. Eberhardt Schneider zum Abschluss. „Um die Hüfte muss sich gekümmert werden. Doch der Schlüssel liegt nicht nur bei der Medizin. Zu mindestens 50 Prozent kommt es auf den Patienten an!“

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