Medizinforum: Die eigenen Füße werden oft vernachlässigt

Von: Andreas Röchter
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Die Ärzte Dr. Ture Wahner, Abbas Shahhossini, Markus Schlächter, Dr. Oliver Heiber und Dr. Eberhard Schneider informierten anschaulich über die Füße und deren mögliche Erkrankungen, beleuchteten aber auch wirksame Gegenmittel von der Vorbeugung über konservative Therapiemethoden bis hin zu manchmal unumgänglichen Operationen. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Ob sie den attraktivsten Körperbereich des Menschen darstellen, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass die Füße im Laufe eines hoffentlich langen Lebens außerordentliches leisten (müssen): Auf dem untersten Abschnitt des Beins umrunden wir im Laufe von Jahrzehnten mehrfach die Erde und tun dies, obwohl wir die Füße täglich mit tausenden Tonnen Gewicht belasten.

Diese extremen Anstrengungen fordern ihren Tribut. Neben angeborenen krankhaften Veränderungen, etwa dem Klumpfuß, sowie systemischen Schädigungen durch die arterielle Verschlusskrankheit oder Diabetes müssen Mediziner auch häufig vom Menschen selbst erworbene Deformitäten wie den Senk- oder Spreizfuß feststellen.

Schuhwerk des Patienten

Eine alles andere als seltene Ursache ist dabei im Schuhwerk des Patienten zu suchen. Was zur Schlussfolgerung führt: „Wir kümmern uns nicht genügend um unsere Füße!“ Mit dieser Feststellung eröffnete Dr. Eberhard Schneider am Dienstagabend im gut besuchten Talbahnhof als Moderator das von unserer Zeitung in Zusammenarbeit mit dem St.-Antonius-Hospital präsentierte Medizinforum, das diesmal unter der Überschrift „Zeigt her eure Füße! ...kranke Füße, was tun?“ stand.

Der Ärztliche Leiter des Euregio-Rehazentrums Eschweiler beleuchtete gemeinsam mit den Experten Markus Schlächter, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Fußchirurg im Medizinischen Versorgungszentrum des St.-Antonius-Hospitals, Abbas Shahhossini, Oberarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädische Chirurgie, sowie den Chefärzten Dr. Oliver Heiber und Dr. Ture Wahner Erkrankungen der Füße, aber auch wirksame Gegenmittel von der Vorbeugung über konservative Behandlungsmethoden bis hin zur manchmal unumgänglichen Operation.

28 Knochen, 20 Muskeln

„Der Fuß hat eine herausragende Bedeutung für die Entwicklung des Menschen“, führte Markus Schlächter den zahlreichen Zuhörern zunächst biologische Komponenten des untersten Körperteils, das aus 28 Knochen, 20 Muskeln und 114 Bändern besteht, vor Augen. Durch den „bipeden“ Gang, also das Fortbewegen auf zwei Füßen, habe der Mensch die Hände für feinmotorische Handlungen frei. Außerdem spare er Energie, da das gesamte Gewicht über dem Körperschwerpunkt liege.

„Wobei nicht außer Acht zu lassen ist, dass bei Verlust der oberen Extremitäten, also der Arme, die Füße auch in der Lage sind, Greiffunktionen zu übernehmen“, so der Orthopäde. Das knöcherne Gerüst bestehe aus dem Rückfuß mit dem Fußwurzelknochen sowie dem Fersen-, Sprung- und Kahnbein und dem Vorfuß mit dem Mittelfußknochen und den Zehen.

Das obere und untere Sprunggelenk sei für die Gelenkigkeit des Fußes verantwortlich, „gehalten“ werde der Fuß von einem feingliedrigen Kapsel-Band-Apparat, die Waden- und die innere Fußmuskulatur sorgten für die Bewegung. Dieses Zusammenspiel werde jedoch leider allzu oft von aus medizinischer Sicht schlechtem Schuhwerk, etwa hohe Absätze, gefährdet.

„Der Vorfußraum wird eingeengt, die Muskulatur verändert als Folge ihre Zugrichtung“, erklärte Markus Schlächter. Das schmerzhafte Ergebnis sei oftmals der „Hallux valgus“, der Schiefstand des Großzehs. Der Behandlung von Fußkrankheiten müsse aber generell eine ausführliche Diagnostik vorausgehen. „Das heißt für den Arzt, den Fuß mit eigenen Augen auch unter Belastung anzuschauen. Aus dieser Beobachtung lässt sich häufig viel ablesen“, unterstrich der Facharzt. Das Röntgen und eine Kernspintomographie seien weitere Diagnoseinstrumente, ein CT dagegen nicht die Regel.

„In vielen Fällen sind konservative Therapien in Form von Einlagen, verfeinertem Schuhwerk oder Physiotherapie, zum Beispiel mit der Spiraldynamik, hilfreich. Teilweise sind Operationen allerdings unausweichlich“, machte Markus Schlächter deutlich, um abschließend das Vorbeugen mit vernünftiger Bewegung, Vitamin D- und kalziumreicher Ernährung, Gewichtsreduzierung und Schuhwerk in den Blickpunkt zu rücken.

Stichworte für Dr. Eberhard Schneider, der umgehend betonte, dass für jeden Menschen das selbstständige Kümmern um die Füße im Vordergrund stehen sollte. „Die Frage lautet: Schmerzen oder keine Schmerzen? Davon hängt unsere Fortbewegung, unsere Mobilität ab!“ Das Schuhwerk sei maßgeblich verantwortlich für die Bewegung und habe somit Auswirkung auf den ganzen Körper. „Bei hohen Absätzen liegt unser gesamtes Gewicht auf dem vorderen Fußteil“, nannte er ein leicht verständliches negatives Beispiel. Wobei die Betonung klar auf dem Wort „Gewicht“ liege.

„Dessen Reduktion ist ein Merkmal konsequenter Fußbehandlung und kommt vor Einlagen oder dem Anpassen des Schuhwerks“, ließ der Moderator und Experte wissen. „Die Grundsätze lauten: a) Machen sie ihre Fußgesundheit selber. b) Tragen sie richtiges Schuhwerk. c) Benutzen sie Hilfsmittel, falls Hilfsmittel erforderlich sind. d) Ziehen sie Experten zu Rate und nicht das Internet.“

Die aus modischen Gründen nach wie vor weit verbreitete Angst vor orthopädischen Schuhen sei unbegründet, die Zeit der „schweren Treter“ längst vorbei. Zu den Grundlagen gehörten aber auch selbstverständlich eine gründliche Fuß- und Nagelhygiene sowie die Abhärtung des Fußes durch möglichst häufiges Barfußgehen. Eine Anmerkung, der auch Dr. Ture Wahner viel abgewinnen konnte.

„Der moderne Mensch hat das Barfußgehen quasi verlernt. Wahrscheinlich würde es niemandem von uns gelingen, barfuß unverletzt vom Talbahnhof zum St.-Antonius-Hospital zu gelangen. Doch dafür sind die Füße eigentlich da, denn theoretisch benötigt der Mensch keine Schuhe“, so der Chefarzt. Abbas Shahhossini wies in seinem Vortrag darauf hin, dass 50 bis 60 Prozent der Westeuropäer unter Deformationen der Füße litten. „Bei 90 Prozent dieser Patienten ist der Vorfuß betroffen, wobei der Hallux valgus die häufigste Komplikation ist, der bei Frauen vier Mal häufiger vorkommt als bei Männern“, nannte der Chirurg Zahlen.

Bezeichnend: Sind zwölf Prozent der gesamten Weltbevölkerung vom Hallux valgus betroffen, leiden lediglich zwei Prozent der Barfußläufer unter diesem Phänomen. Operative Therapien, die sich in dutzende OP-Verfahren unterteilen ließen, seien aber erst angezeigt, wenn alle konservativen Möglichkeiten ausgeschöpft seien, Geschwüre oder dauerhafte Entzündungen drohten sowie Schmerzen in andere Gelenke ausstrahlten.

„Tibialis-posterior-Syndrom“

„Die Zielsetzung lautet, Schmerzen zu beseitigen oder zumindest zu reduzieren und mögliche Zehfehlstellungen zu korrigieren“, so der Oberarzt. „Dabei ist eine Operation niemals der alleinige Heilsbringer. Eine konsequente Nachbehandlung ist grundsätzlich notwendig“, verdeutlichte Chefarzt Dr. Oliver Heiber, der sich abschließend der komplizierten operativen Therapie des Rückfußes widmete und dabei das „Tibialis-posterior-Syndrom“ unter die Lupe nahm.

Diese schwere Erkrankung einer Sehne der Unterschenkel-Fuß-Region führt in vier Stadien von der Verdickung der Sehne über die rigide Fehlstellung des Fußes bis hin zur Schädigung des Sprunggelenks und häufig zum Plattfuß. „Bei fortgeschrittener Ausprägung ist die Operation die einzige Therapieform, die die Erhaltung der Mobilität ermöglicht“, betonte der Mediziner.

„Allerdings handelt es sich dabei um einen aufwendigen Eingriff in mehreren Schritten.“ Die chronische Instabilität der Bänder oder die Verdickung der Achillessehne ließen sich dagegen durch relative kleine Operationen beheben. In manchen Situationen sei auch die Gelenkversteifung ratsam, nach der es dem Patienten dennoch möglich sei, den Fuß über das obere Sprunggelenk abzurollen.

Intensive Fragerunde

Den Vorträgen schloss sich eine intensive Fragerunde an. So kam zur Sprache, ob Bestrahlungen bei Arthrose wirksam seien? „Im sehr frühen Stadium ist dies durchaus möglich, bei einem fortgeschrittenen Krankheitsverlauf ist diese Therapieform jedoch nicht mehr erfolgversprechend“, antwortete Dr. Oliver Heiber, bevor Dr. Eberhard Schneider das Schlusswort an die Zuhörer richtete und dabei einen Blick in die Historie warf: „Schon die alten Griechen wussten, was gutes Schuhwerk bedeutet: offen, breit und wenige Riemchen!“

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