Medizinforum: Der Körper verteidigt seine Fettreserven

Von: Andreas Röchter
Letzte Aktualisierung:
8597505.jpg
Viele Menschen möchten ihr Fett gerne loswerden. Wie das geht, war unter anderem Thema beim Medizinforum unserer Zeitung. Foto: stock/Science Photo Library
8597461.jpg
Dr. Alexander Bach, Forumsleiter Dr. Eberhardt Schneider, Selbsthilfegruppenleiterin Angelika Gummel, Dr. Magid Salama, Dr. Mario Dellanna, Ökotrophologin Sonja Denner, Norbert Schallenberg und Dr. Nick Butz (v. r. ) standen Rede und Antwort. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Viele Menschen schauen beim Blick auf die Waage in den Abgrund. Denn krankhaftes Übergewicht, medizinisch Adipositas, kann unter anderem zu Diabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen, Depressionen, Gelenkkrankheiten an der Hüfte oder den Knien und nicht zuletzt zu Krebserkrankungen führen.

Ein weites Feld also, das während des 44. Medizinforums unserer Zeitung unter der Überschrift „Krankhaftes Übergewicht – was tun?“ vor zahlreichen Zuhörern am Dienstagabend im Talbahnhof besprochen wurde. Auch deshalb begrüßte Forumsleiter und Moderator Dr. Eberhardt Schneider, Chefarzt der Klinik für fachübergreifende Frührehabilitation am St.-Antonius-Hospital, gleich sechs Experten auf dem Podium: Dr. Magid Salama, niedergelassener Facharzt für Allgemein- und Ernährungsmedizin, Norbert Schallenberg, Oberarzt im Euregio-Rehazentrum Eschweiler, Dr. Mario Dellanna, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am St.-Antonius-Hospital, Dr. Alexander Bach, Chefarzt der Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Wiederherstellungschirurgie sowie Ärztlicher Direktor des St.-Antonius-Hospitals, Angelika Gummel, Leiterin der Adipositas-Selbsthilfegruppe Eschweiler, und Ökotrophologin Sonja Denner, Ernährungswissenschaftlerin am St.-Antonius-Hospital.

Dr. Magid Salama übernahm zunächst die Aufgabe, den Zuhörern Grundsätzliches zum Thema „Übergewicht“ näherzubringen. Dabei betonte er, das Fett keinesfalls ausschließlich negativ sei. Im Gegenteil: „Fett übernimmt im Körper die wichtige Funktion eines Energiespeichers. Und bei einem knappen Nahrungsangebot ist ein gefüllter Speicher von großem Vorteil“, so der Allgemeinmediziner. Allerdings gelte auch hier: Zu viel ist schlecht! So sollte bei Männern der Bauchumfang nicht mehr als 102 Zentimeter, bei Frauen nicht mehr als 88 Zentimeter betragen. Die Hauptgründe für hohes Übergewicht lägen im Bewegungsmangel und der Zufuhr von zu vielen Kalorien.

Doch auch die Einnahme von Medikamenten, etwa Kortison oder Antidepressiva, sowie genetische Faktoren spielten eine Rolle. „Stoffwechselstörungen kommen dagegen eigentlich recht selten vor“, ließ Dr. Magid Salama wissen. Als Richtzahl gelte der „Body-Mass-Index“ (BMI), der das Gewicht in Relation zur Körpergröße zum Quadrat stelle. Ein BMI-Wert von über 30 sei als kritisch zu bewerten. „Folgen können Bluthochdruck, Insulinresistenz, also Zucker, ein zu hoher Cholesterinspiegel, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Verschleißerscheinungen an den Hüft- oder Kniegelenken, aber auch Depressionen, die nach neuesten Erkenntnissen auch ein Risikofaktor für Demenz darstellen, sein“, schloss der Facharzt seinen Vortrag.

Norbert Schallenberg unterstrich, dass viele Menschen eine Initialzündung bräuchten, um abzunehmen: „Gewichtsreduktion bei Adipositas ist eine Herausforderung, da der Körper seine Energiespeicher, also Fett, verteidigt. Um sinnvoll abzunehmen, ist daher ein Gesamtkonzept notwendig!“ Tatsache sei auch, dass Menschen mit zunehmendem Alter weniger Energie benötigten. „Wer sich viel bewegt, darf viel essen. Wer sich wenig bis kaum bewegt, braucht eine wesentlich geringere Energiezufuhr. Eigentlich eine Binsenweisheit, aber dennoch wahr“, sagte der Oberarzt.

Ernährung und Bewegung

Diäten sei dabei mit größter Vorsicht zu begegnen. „Versprechungen von sehr schneller Gewichtsabnahme sind gefährlich. Sie führen nahezu immer zum sogenannten Jo-Jo-Effekt, da sich der Körper nicht so schnell auf den veränderten Stoffwechsel einstellen kann“, erklärte Schallenberg. Zu empfehlen sei, nicht mehr als 500 Gramm pro Woche abzunehmen. „Ein Hüngerchen auch einmal mit Wasser zu überbrücken, ist keinesfalls schädlich!“ Zielführend sei in der Regel ein „Gewichtsreduktionsprogramm“, in dem Ernährung und Bewegung vereint sind. In Sachen „Bewegung für Übergewichtige“ sei jedoch auch der Grundsatz „weniger ist häufig mehr“ gültig. „Fangen Sie ruhig an. Die Devise lautet: ‚Laufen ohne zu schnaufen‘. Beginnen Sie mit kleinen Belastungen, die langsam gesteigert werden. Ein dosiertes Krafttraining zusätzlich unterstützt die Bemühungen positiv. Der Grundsatz lautet, mit Belastungen keine zusätzlichen Probleme zu erzeugen. Bei der Ernährung ist zu empfehlen, ein tägliches Defizit von 500 Kilokalorien anzustreben“, so die Ratschläge des Mediziners.

Verkleinerung des Magens

„Es gibt viele Wege, dem Übergewicht zu begegnen. Keiner davon ist leicht zu beschreiten“, leitete Dr. Eberhardt Schneider zu Dr. Mario Dellanna über, der seit dem 1. Juli als Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am St.-Antonius-Hospital fungiert und am Dienstagabend die Möglichkeiten der Adipositaschirurgie vorstellte. „Leider müssen wir feststellen, dass die konservativen Therapieformen mit Ernährungsumstellung und Bewegung alleine häufig nicht zielführend sind“, sagte er. Adipositas-chirurgie beinhalte die operative Verkleinerung des Magens. „Dadurch wird erreicht, dass der Mensch nicht mehr so viel Nahrung aufnehmen kann, sich aber dennoch wohlfühlt. Schließlich möchte kein Mensch ein ständiges Hungergefühl mit sich herumtragen.“

Ein weiterer positiver Aspekt eines chirurgischen Eingriffs sei, dass sich der zuvor krankhafte Stoffwechsel reguliere. „Bei einer konservativen Therapie gilt eine Reduktion von zehn Prozent des Gewichts als Erfolg. Bei einem Patienten, der 150 Kilogramm wiegt, ist eine solche Gewichtsverringerung jedoch irrelevant“, begründete Dr. Mario Dellanna einen in manchen Fällen notwendigen chirurgischen Eingriff. Die chirurgischen Maßnahmen beinhalteten den Magen-Bypass, bei dem der natürliche Weg der Nahrung durch den Magen-Darm-Trakt verändert werde, den „Schlauchmagen“, bei dem das Magenvolumen um 80 bis 90 Prozent verringert werde, sowie das Einsetzen eines Magenbandes, mit dem der Magendurchmesser eingeengt werde. „Natürlich ist mit einem chirurgischen Eingriff nicht alles getan. So ist eine lebenslange Nachsorge unumgänglich“, so der Chefarzt.

Nicht selten geraten nach einem chirurgischen Eingriff aber auch ästhetische Aspekte in den Blickpunkt: „Eine extreme Gewichtsabnahme hat oftmals die Überdehnung und Erschlaffung des Hautmantels zur Folge. Daraus resultieren möglicherweise Hautirritationen oder Entzündungen, die bis zur Pilsbildung führen können“, beschrieb Dr. Alexander Bach eine mögliche unerfreuliche Entwicklung. Dann sei das Ziel der plastischen Chirurgie, den Patienten mit kosmetischen Eingriffen und der Wiederherstellung der Körpersilhouette die Möglichkeit zu geben, wieder ein „normales“ Leben führen zu können. Denn: „Haut kann nicht trainiert werden. Sie ist nach einem chirurgischen Eingriff, der eine deutliche Gewichtsreduzierung zum Ziel hatte, irreversibel geschädigt.“ Ein kosmetischer Eingriff erfolge in der Regel ein bis zwei Jahre, nachdem das angestrebte Endgewicht erreicht worden sei.

Mit Angelika Gummel trat dann eine ehemalige Adipositas-Patientin an das Mikrofon. „Ich habe drei Viertel meines Lebens gegen Adipositas gekämpft. Mein Gewicht betrug 178 Kilogramm, der BMI-Wert lag bei 59, ich litt unter anderem an Bluthochdruck und Diabetes, als mir Dr. Mario Dellanna mit deutlichen Worten klar machte, dass es für mich fünf Minuten vor zwölf sei und meine Lebenserwartung noch fünf Jahre betrage. Da ich meine Tochter noch weiter aufwachsen sehen wollte, habe ich mich entschlossen, zunächst ein Programm mit Ernährungsberatung und Bewegung, in meinem Fall Wassergymnastik, zu durchlaufen und mir anschließend einen Magen-Bypass legen zu lassen. Inzwischen habe ich 88 Kilogramm abgenommen und mein Blutdruck ist wieder normal. In Sachen Lebensqualität kann ich sagen: Mir geht es gut!“, betonte die zukünftige Leiterin der Adipositas-Selbsthilfegruppe Eschweiler unter dem Applaus der Medizinforumsgäste.

Während der Frage- und Antwortrunde wurde Ökotrophologin Sonja Denner gebeten, ihre Meinung zur Adipositaschirurgie kund zu tun: „Entscheidend muss immer das Wunschziel des Patienten und dessen Entwicklung sein. Schlägt bei einem Patienten die konservative Therapie gut an, dann rate ich ihm, dabei zu bleiben. Ist dies nicht der Fall, ist eine Operation eine Alternative.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert