„Medium zwischen Flügel und Pianist“: Daniel Brech stimmt Flügel

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Daniel Brech stimmt einen Flügel im Konzertsaal der Alten Oper Frankfurt. Foto: M.Hübner, Daniel Brech
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Er hat schon mit Künstlern wie Grigori Sokolov ... Foto: M. Hübner, Daniel Brech
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... und Lang Lang zusammen gearbeitet. Foto: M.Hübner, Daniel Brech

Stolberg/Eschweiler. Daniel Brech ist der Mann fürs Feine. Er weiß, wie er aus einem Konzertflügel den perfekten Klang herausholt. Der gebürtige Aachener betreibt in Eschweiler eine eigene Werkstatt für Reparaturen an Flügeln und arbeitet außerdem für die Alte Oper Frankfurt.

Beim 2. Stolberger Klassik-Festival stellt er den Flügel für die Musiker. Wir haben ihn getroffen und über seine Leidenschaft, den Job und die Liebe zur Musik gesprochen.

Herr Brech, Sie arbeiten seit vielen Jahren als Konzerttechniker. Ihre Arbeit findet im Verborgenen statt. Was sind Ihre Aufgaben?

Brech: Ich beschäftige mich ausschließlich mit Flügeln. Manchmal sind es historische Instrumente, aber hauptsächlich Konzertflügel. Das Stimmen, also das klangliche Einstellen der Saiten, ist hierbei der Schwerpunkt meiner Arbeit. Ich optimiere die Spannung der Saiten, wie ein Gitarrist das auch bei seiner Gitarre machen muss. Mit dem Unterschied, dass ein Konzertflügel 230 Saiten hat. Die müssen alle aufeinander abgestimmt werden.

Bei einem üblichen Klavier reicht es aus, es ein bis zwei Mal im Jahr zu überholen. Sie stimmen ein Konzertflügel vor jedem Auftritt. Warum?

Brech: Das muss man sich vorstellen, wie bei der Formel 1 – da schraubt auch dauernd jemand am Auto herum, um das Maximale herauszuholen. Es geht um Feinheiten. Ein Flügel ist ein sehr abstraktes Instrument, das je nach räumlichen Gegebenheiten eines Konzertsaals einen anderen Klang entfaltet. Dabei muss ich auch beachten, an welcher Stelle es steht. Ein guter Anhaltspunkt ist die Symmetrie eines Raumes.

Das heißt, der Klang hängt von verschiedenen Faktoren ab und ändert sich möglicherweise schnell?

Brech: Ja. Diesen Fall habe ich erst letzte Woche auf dem Moselfestival erlebt. Das Klima war den Tag über konstant, aber zwei Stunden vor dem Konzert hat es angefangen zu regnen. Dadurch wurde die Luft im Raum feucht. Das geht dann sofort in die Mechanik, weil alles aus Holz ist. Wenn das Instrument schwergängiger wird, muss ich das schnell anpassen, damit der Pianist das vorfindet, was er erwartet.

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag bei Ihnen aus?

Brech: Den gibt es so nicht. Wenn ich für das Orchester arbeite, ist es ein 24-Stunden-Job: Ich muss um sechs Uhr auf der Bühne stehen, um bis acht Uhr den Flügel zu stimmen. Danach kommt schon das Orchester zum Proben. Damit ist die erforderliche Ruhe weg. An einem Konzerttag fängt der Tag also morgens um sechs an und endet nach Konzertende um 23 Uhr. Zwischendurch habe ich zwar Pause, aber der Tag ist blockiert. Nach der Generalprobe spreche nochmal mit dem Pianisten ab, ob alles in Ordnung ist.

Bleibt da Zeit für andere Hobbys?

Brech: Nicht viel, aber der Job ist mein Hobby. Ich brenne für den Beruf – jeden Tag.

Und wann bekommt ihre Familie Sie zu Gesicht?

Brech: Dafür muss auch unbedingt Zeit sein, sobald ich in Eschweiler bin. Aber es ist immer ein Spagat. Meine Frau arbeitet Vollzeit als Lehrerin an der Liebfrauenschule. Sie ist 120 Tage alleine für unsere Tochter da, weil ich unterwegs bin.

Das Klingt anstrengend. Gibt es auch Kompromisse?

Brech: Ja, wir haben eine Vereinbarung: Maximal bin ich sieben Tage am Stück weg von Zuhause. Und das nicht öfter als zwei Mal im Jahr. Wenn ich also eine Anfrage für eine zweiwöchige Tournee bekäme, würde ich sie ablehnen. Ohne Regelwerk funktioniert das eben nicht.

Man braucht sicher ein gutes Gehör für einen Job wie Ihren?

Brech: Das stimmt. Es gibt zwar auch für Flügel eine Stimmsoftware, aber diese bekommt bei der Einstellung nicht mit, welche akustischen Voraussetzungen der Saal bietet. Da muss ich mich schon auf mein Gehör verlassen. Ich habe aber kein absolutes Gehör – das heißt, einzelne Töne kann ich nicht auf Anhieb bestimmen. Wichtiger ist aber auch das relative Gehör. Damit kann ich Intervalle, Schwebungen und Schwingungen wahrnehmen.

Nimmt ein Laie überhaupt den Unterschied wahr?

Brech: Wahrscheinlich nicht. Aber mir geht es auch primär darum, dass der Künstler ein optimales Arbeitsinstrument vorfindet. Dafür bin ich da, als Medium zwischen Flügel und Pianist. Und wenn da alles stimmt, dann kriegt das letztlich auch das Publikum mit.

Was ist, ausgenommen der Musik, Ihre Leidenschaft?

Brech: Norwegen. Ich bin häufig da, auch weil ich für kleine Tourneen dort Arbeite. Besonders Nordnorwegen ist traumhaft – die Landschaft ist bizarr.

Welche Pianisten bewundern Sie?

Brech: Von den lebenden Alfred Brendel – mit ihm durfte ich auch zusammen arbeiten. Er ist ein ganz toller Mensch und ein großartiger Pianist.

Für welchen Künstler würden Sie gerne arbeiten?

Brech: Da habe ich mir meinen Traum erfüllt, ich habe sie wirklich alle durch: Grigori Sokolow, Radu Lupu – er ist ein toller Schubert-Spieler, Maria João Pires. Ich könnte noch viele aufzählen.

Gibt es Dinge, die Sie an Ihrem Beruf nicht mögen?

Brech: Ignoranz. Wenn beispielsweise die Reinigung ihren Job durchführt, ohne Rücksicht zu nehmen. Aber das kommt selten vor.

Und wie sind die Künstler?

Brech: Künstler sind Freigeister, das macht es interessant, wenn ich mit ihnen zusammen arbeite. Ich hatte aber nie Probleme mit jemandem.

Warten Sie auch Flügel, die nicht mehr zu retten sind?

Brech: Es gibt mal Instrumente, bei denen die beste Zeit vorbei ist. Oft steckt bei Kunden aber eine emotionale Bindung dahinter, das respektiere ich dann auch. Ein Instrument ist ja keine Waschmaschine.

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