Matthias Egersdörfer: Proll-Miesepeter in Hochform

Von: vr
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Er ist die Ausgeburt des unsympathischen, paranoiden, rassistischen, chauvinistischen, hypochondrischen Deutschen: Kabarettist Matthias Egersdörfer mit seinem Programm „Vom Ding her!“. Foto: Volker Rüttgers

Eschweiler. Selbst schuld, wer sich bei ihm in die erste Reihe traut. Von „bebrillter Hexn“, „penetranter Lachsack“ bis hin zum „Nazi-Tisch“ reicht die Kaskade der Beschimpfungen, die der Kabarettist Matthias Egersdörfer Abend für Abend auf sein Publikum abfeuert.

Bleibt die Frage, weshalb auch am Samstag wieder viele Menschen für derartige Pöbeleien sogar Eintritt in den Talbahnhof zahlten. Ganz einfach: Weil Egersdörfer mit seiner unverhohlenen fränkischen Proll-Miesepeterei das Übelste im Deutschen auf die Bühne holt und so pointiert karikiert, dass man nicht genug davon bekommen kann.

„I brauch mei Kaffee“, der dickliche Mann mit den wuchtigen Koteletten hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten wie einer höflichen Begrüßung seines Publikums auf, obwohl: „I freu mich, dass Sie kommen sind. Des erleichtert des Ganze ungemein!“ Schließlich darf der gebürtige Nürnberger seine Paranoia nun mit den Zuschauern teilen, wenn er hinter dem komisch schmeckenden Morgenkaffee eine von langer Hand durch die italienische Müllmafia geplante Vergiftung vermutet.

Auf dem Weg ins Krankenhaus kommen ihm dann prägende Episoden seiner Kindheit in Erinnerung mit dem „Schlangenfraß der Mutter“, den „bitterbösen Schwestern“ und seinem Vater, von dem er den Mittagsschlaf und das Wegrennen als Talent auf den Lebensweg mitbekommen habe.

Ob Sucht des Kleinbürgers nach dem nervenkitzelnden Kick – bei Egersdörfer ist es der Diebstahl einer kompletten Ausgabe der Werke von Thomas Bernhard bei Hugendubel – oder die selbstgefällig-träge Schlafmützigkeit unserer Verfassungsschutz-Beamten, denen das tägliche „Nutella-Brot“ wichtiger ist als der Schutz von Bürgern und Minderheiten, der Kabarettist macht das, was Kabarett bewirken soll: Es muss weh tun, das Lachen muss kurz im Halse stecken bleiben, wenn sich der Geist einschaltet und man sich und sein Umfeld in dieser wirklich unsympathischen Person auf der Bühne dort erkennt.

So fühlt sich Matthias Egersdörfer wohl, wenn er sein Publikum bestens unterhält und ab und zu auch seine „Ohrwatscheln“ verteilt. „Der Mann is a Depp!“, und alle Frauen sind Hexen – klar, die Welt von Egersdörfer ist „Vom Ding her“, so der Titel des aktuellen Programms, denkbar einfach gestrickt. Doch in dieser Klischee-überladenden Welt zwischen beschwerter Kindheit in braunen Strumpfhosen und gelben Hemden und Wellness-Alptraum in der Sauna-Badeanstalt Fürth läuft der mehrfach prämierte Kabarettist zur Hochform auf. Hier ist das Biotop, in dem Egersdörfers Mundwinkel immer tiefer wandern und seine wohl dosierten Obszönitäten immer kräftiger in die Magengrube treffen.

Matthias Egersdörfer hat am Samstag seinem Ruf als „Auskotzer der Nation“, wie er treffend vom Deutschlandradio Kultur betitelt wurde, im Talbahnhof alle Ehre gemacht und blieb sogar nach der Zugabe stur am Klavier kleben, bis ihm einer eine DVD abkaufte. „Vom Ding her“ ist er wie seine Leibspeise: Ein „spundiger Kuchen“. Wer sich fragt, was das ist, der sollte sich beim nächsten Besuch Egersdörfers in den Talbahnhof wagen, wenn auch nicht unbedingt in die erste Reihe.

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