Eschweiler - „Manche Dinge kann man nicht verzeihen”

„Manche Dinge kann man nicht verzeihen”

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Die Behandlung traumatisierter
Die Behandlung traumatisierter Menschen: Das ist das Thema der Eschweiler Therapeutin und Heilpraktikerin Marieta Häfner in ihrem autobiografisch geprägten Buch „Die Heilung des zerstörten Kindes”.

Eschweiler. Lässt sich etwas, das zerstört ist, wirklich heilen? „Die Heilung des zerstörten Kindes” hat Marieta Häfner ihr Buch genannt. Darin beschreibt die in Belgien lebende und in Eschweiler praktizierende Therapeutin und Heilpraktikerin, was sich kaum in Worte fassen lässt: Den sexuellen Missbrauch eines Kindes durch den eigenen Vater.

Sie beschreibt ihr eigenes Schicksal. Und sie erzählt, wie sie sich diesem Schicksal gestellt hat, wie sie sich innerlich befreit hat und einen Weg nicht nur für sich selber, sondern auch für andere seelisch leidende Menschen gefunden hat. „Befreiung aus der Macht der Verdrängung” ist der Untertitel ihres Buchs.

Distanziert und betroffen

Was Marieta Häfner in der ersten Hälfte ihres Buchs wie eine Art Roman beschreibt, der gleichzeitig Distanz und Betroffenheit zulässt, ist das Leiden eines ungeliebten, missachteten, missbrauchten und misshandelten Kindes. Sie erzählt von seelischen Grausamkeiten, die kaum fassbar sind.

Wie das geliebte Kätzchen, einziger Freund und Trost des einsamen Kindes, plötzlich verschwunden ist - es sei tot, wird ihr gesagt. Sie erzählt von Erniedrigungen und Demütigungen: „Die Mutter befahl ihr, allmorgendlich den Nachttopf des Vaters auszuleeren”, in dessen „gelb-trüber Flüssigkeit sich noch eine andere, weißlich schleimige Substanz mischte”.

Sie erzählt von Prügeln und Misshandlungen: „Das Kind sah noch sein wutverzerrtes Gesicht, wie er sich langsam, wie genüsslich, den braunen Lederriemen aus dem Hosenbund zog, ihn faltete, so dass die Metallschnalle ans untere Ende kam. Er befahl dem Kind, sich über sein Knie zu legen, dann zog er ihm das rosa Unterhöschen herunter - die Mutter stand und schaute zu.” Und sie erzählt von sexuellem Missbrauch: „Das Kind ahnte, dass man dem kleinen Körper etwas angetan hatte, über das man nicht sprechen durfte, das man als Geheimnis in sich tragen musste.”

Als Therapeutin hat Marieta Häfner später immer wieder Menschen kennen gelernt, die ein solches dunkles Geheimnis in sich trugen, oft tief verschlossen, verdrängt, nur im Unterbewusstsein noch existent. Aber das Unterbewusstsein vergisst nicht. „Man schafft es eine Weile, das gut unter Verschluss zu halten”, erzählt sie im Gespräch. Doch dann wird „der Körper zum Prügelknaben der Seele”: Panikattacken, Muskelverspannungen, Depressionen, Ängste, unerklärliche Krankheiten - 80 Prozent aller Krankheiten seien psychosomatischer Natur, versichert die Autorin.

Wie wird man mit einem solchen Schicksal fertig? Und kann man das, was einem als Kind angetan wurde, jemals verzeihen? „Manche Dinge kann man nicht verzeihen”, schreibt Marieta Häfner. Man könne nur heil in die Zukunft gehen, wenn man sich vom Unheil der Vergangenheit befreit hat, und zwar, indem man die Wahrheit ausspricht.

Wut nach Jahrzehnten

Wenn sie ihren Vater „das Ungeheuer” nennt, einen „Teufel in Menschengestalt”, und ihre Mutter „eine Frau, die sie geboren, verraten und im Stich gelassen hat”, dann ist viel Wut zu spüren und hinter dieser Wut auch Jahrzehnte später noch das Entsetzen und die Verzweiflung des Kindes, dem man nicht glauben wollte, was ihm angetan wurde, ja, das im Gegenteil selber bezichtigt worden war, ein böses, ein verdorbenes, ein verlogenes Kind zu sein.

Eine Therapie stand am Anfang des Weges, der die Autorin weg von der Zerstörung und hin zur Heilung führte. Auf diesem Weg wurde Marieta Häfner vor gut 30 Jahren schließlich selber zur Therapeutin. Sie setzt in ihrer Arbeit vor allem auf Hypnosetherapie und Autogenes Training.

Die Hypnosetherapie stellt sie im zweiten Teil ihres Buches „Die Heilung des zerstörten Kindes” ausführlich und mit vielen Beispielen aus ihrer Praxis vor. In der tiefen Entspannung, so Marieta Häfner, sei es möglich, den Patienten zurück in seine Kindheit zu führen. „Dann kommen Dinge zurück, die er sonst nie sagen würde. Es kommen Erinnerungen, die sich im Unterbewusstsein abgelegt hatten”, erläutert sie im Gespräch.

Wenn die Vergangenheit erkannt und benannt worden ist, könne der Patient „das Schreckliche loslassen”, er könne die Tür zum Weg in die Vergangenheit schließen, sich umdrehen und einen neuen Weg sehen, „und dieser Weg ist frei, freundlich, hell, warm, einladend. Dann sage ich ihm, dass er ab heute einen neuen Weg antreten kann, und er jetzt fähig ist, diesen Weg erwachsen selbst zu prägen, zu gestalten, mit neuen Gedanken, neuen Gefühlen.” Dann sei nur noch eines nötig: Dass der Patient das „Kind in sich selbst annimmt”. Sich sozusagen selber als Kind in den Arm nimmt, denn „ich kann nicht als Erwachsener agieren, wenn ein ungetröstetes Kind in mir rumort”.

Mit ihrem Buch, das „schon seit langem in mir gebrodelt hat”, möchte Häfner einerseits „anderen Betroffenen den Mut geben, das Schweigen zu brechen”. Zugleich möchte sie Erwachsene sensibel machen für die Macht, die sie als Eltern haben, und dafür, welche Folgen der Missbrauch dieser Macht hat, weil ein Kind allein keine Chance hat, zu seinem Recht zu kommen. Und schließlich möchte sie zeigen, dass auch aus der völligen Verzweiflung noch Wege hinaus führen, hin zu einem neuen Leben.
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