Malmsheimer spielt lyrisches Kabarett ohne eine einzige Note

Von: vr
Letzte Aktualisierung:
malmsheimerfo
Dieser Mann macht keine Kompromisse: Jochen Malmsheimer sezierte wortgewaltig und höchst amüsant den alltäglichen Wahnsinn. Foto: Volker Rüttgers

Eschweiler. Er ist der Buchhändler zwischen all den Lehrern unter den Kabarettisten, obwohl der Name schon nicht stimmt, denn „gehandelt wird nicht”. Das tat Jochen Malmsheimer auch nicht am Freitag im Talbahnhof, als er kompromisslos, episch und sehr wortreich über den alltäglichen Wahnsinn, dem wir uns immer wieder bereitwillig hingeben, sprach und sein Programm „Flieg Fisch, lies und gesunde” präsentierte.

„Die heutige Musik ist die Krone der Schöpfung, also dentistisch gesehen” und das Aquarium sei ja schließlich, wie der Name es schon ausdrücke, eine Wasserausstellung, weshalb der geneigte Betrachter sich nicht wundern müsse, wenn er keine bunten Fische oder Krebse darin beim Zoobesuch entdecke. Der Mann schaut genau hin und bohrt mit seiner peniblen Sezierung des Alltags „auf der nördlichen Halbkugel” seinen Zuhörer im Zwerchfell herum -Êalso nicht dentistisch gesehen.

Für das politische Kabarett sei er nicht intelligent genug und das schon gar nicht im Wahlkampf. Satire, Klamauk oder gar Slapstick ist es auch nicht, was Malmsheimer dort auf der Bühne veranstaltet. Am ehesten handelt es sich noch um das lyrische Kabarett, nur ohne Lieder, denn zu Musik in Röcken und Strapsen herumspringen, das sei schließlich das „Cabaret ohne T!” wie der gebürtige Essener ein für alle Male am Freitag Abend im Talbahnhof klarstellte. Nein, dies alles sind nicht die Dinge des Mannes, der laut eigener Aussage das Germanistik- und Geschichtsstudium im achten Semester „erfolgreich abgebrochen hat” und sich nun eher philosophischen Fragen hingibt: „Wie geht ein Wurstbrot?”

Klar, natürlich mit viel Butter und daumendicker Wurstscheibe. Genau so wie seine Hommage an das alte Radio, das noch ohne Bedienfeld und mit Wippschaltern ausgestattet und mehr als nur ein einziges vor sich hin dudelndes Werbejingle mit Musik als Klebzeug zwischen den Werbeblöcken war. Früher habe man Radio gehört, heute werde man permanent zum Mitmachen animiert. Dies präsentierte Malmsheimer eindrucksvoll in seiner äußerst amüsanten Darstellung einer zweiköpfigen Expertenrunde zu „Hebe-Kipp-Fenstern und Schiebe-Drehtüren”.

Ob bei seinem Appell zur „Befreiung der Helmpflicht durch lila Dauerwellen bei Senioren” oder dem faustchen anmutenden Betrachten seines Antlitzes im morgendlichen Badezimmerspiegel -ÊJochen Malmsheimer merkte schnell, dass er am Freitag einen „mental hochalerten Haufen” vor sich sitzen hatte.

So scheute er sich auch nicht, in seinem epischen Kabarett die „langweiligste aller Textformen” herauszukramen, das Reise-gähn-tagebuch, um dann seine nächtliche Exkursion in die Hausbibliothek und das Beiwohnen der Konfrontation zwischen Taschenbuch „Alexanderplatz 1” und der gebundenen Thomas-Mann-Ausgabe des „Zauberbergs” mitzuteilen.

Sogar ein Gedicht findet sich in dem Repertoire des Prix-Pantheon-Trägers wieder, wenn auch ein „äußerst schwaches”: „Glück, wo ist dein Stachel?” fragt Jochen Malmsheimer und entlässt sein Publikum mit der Aufforderung, sich mal wieder um die eigene Bibliothek zu kümmern.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert