Lothar Hirsch: Erst Top-Athlet, dann erfolgreicher Bundestrainer

Von: Hubert Meisen
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Früh erfolgreich: Sieg mit 18 Jahren im 800-Meter-Lauf der Junioren in Stockholm. Repro: ZVA
Lothar Hirsch
Beim 75. Geburtstag von Männ Dohmen vor sechs Jahren trafen sich Hirsch, Klostermann, Dohmen und Weber (von links) wieder. Repro: ZVA
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Schnelles Quartett: Im Jahr 1963 trat diese 4x100-Meter-Staffel für die ESG an: Männ Dohmen, Lothar Hirsch, Hans Weber und der spätere Fußball-Bundesligaspieler Hans-Gerd Klostermann (von links). Repro: ZVA
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Zeitnahme beim Training mit Karl Fleschen (vielfacher Deutscher Meister über 5000 Meter und 10 000 Meter, Hallen-Europameister 1977 und 1980 über 3000 Meter). Repro: ZVA
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Wahl-Koblenzer: Lothar Hirsch heute im Garten seines Hauses. Foto: Hubert Meisen

Eschweiler. In unserer Serie über Sportler aus Eschweiler, die über die Grenzen hinaus bekannt geworden sind, möchten wir heute über einen Mann aus der Leichtathletik berichten. Im Dezember wird Lothar Hirsch 74 Jahre alt. Wir haben ihn in seiner Wahlheimat Koblenz besucht.

Von 1973 bis 2004, also 31 Jahre lang war er als hauptamtlicher Trainer beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) tätig. Davon fünf Jahre als Cheftrainer Lauf und Gehen und zum Schluss als Teamleiter Lauf. In diese Zeit fielen große Erfolge deutscher Athleten im Laufbereich, von denen man heute aus verschiedenen Gründen nur noch träumen kann. Gerade im Mittel- und Langstreckenlauf gehörten deutsche Läufer zur absoluten Weltklasse.

Dieter Baumann und Nils Schumann wurden sogar Olympiasieger über 5000 Meter beziehungsweise 800 Meter. Willi Wülbeck (800 Meter) und Patriz Ilg (3000 Meter Hindernis) wurden Weltmeister. Klaus-Peter Hildenbrand, Detlef Uhlemann, Brigitte Kraus gewannen zu Zeiten Lothar Hirsch’s Silber- und Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften. Die Aufzählung dieser Namen ist natürlich nicht vollständig. Aber wie hatte alles begonnen?

Zunächst hatte er bei der Eschweiler SG Fußball gespielt. Im Jahr 1960 nahm er eher zufällig an einem kleinen Leichtathletiksportfest teil, bei dem er in der Altersklasse Jugend B als Neuling einen akzeptablen 1000-Meter-Lauf hinlegte. Dadurch wurden die Verantwortlichen der ESG-Leichtathletikabteilung auf ihn aufmerksam. So kam es, dass Cornel „Männ“ Dohmen, der damals selbst noch aktiv war, ihn zur Leichtathletik brachte. Dies erwies sich als Glücksgriff. Lothar Hirsch war talentiert, ohne ein Supertalent zu sein.

Sein konsequentes Trainingspensum führte aber dazu, dass er schnell erfolgreich war. Schon 1962 gehörte er zu einem Team von fünf Athleten aus dem Kreis Aachen, die eine Wettkampfreise nach Schweden unternahm. Seitens der ESG gehörte außer Hirsch und Dohmen noch der Speerwerfer Manfred Schönen dazu. Das war ein einschneidendes Erlebnis, schon mit 18 Jahren bei Veranstaltungen zu starten, an denen Weltklasseathleten aus den USA und Skandinavien teilnahmen.

Lieblingsstrecke: 800 Meter

Zu dieser Zeit zeigte sich, dass Lothar Hirsch die 800 Meter als seine Lieblingsstrecke auserkoren hatte. Als er am 1. Januar 1964 zur Bundeswehr einberufen wurde, ergab sich quasi automatisch ein Vereinswechsel als logische Konsequenz. Deswegen startete er ab diesem Jahr für seinen neuen Verein Rot-Weiß Koblenz. Die Verbindung zu Eschweiler im Allgemeinen und zur ESG im Besonderen riss aber nie ab. Nach eigener Aussage verdankt er Männ Dohmen, dass sein Leben so verlaufen ist. Weil er sein Hobby zum Beruf machen konnte.

Als aktiver Sportler begann seine Karriere 1965, als er zum ersten Mal an den Deutschen Meisterschaften teilnahm und über 800 Meter Siebter wurde. Seine besten Ergebnisse bei den „Deutschen“ gelangen ihm 1969 mit dem 5. Platz, in der Halle 1970 sogar mit dem 3. Platz. Deswegen wurde er auch 1970 bei den Hallen-Europameisterschaften in der deutschen Rundenstaffel eingesetzt, die die Bronzemedaille gewann.

Bei Länderkämpfen startete er von 1967 bis 1970 vier Mal in der deutschen Nationalmannschaft. Seine persönlichen Bestzeiten von 1:47,9 Minuten über 800 Meter und 2:22,4 Minuten über 1000 Meter erzielte er 1971 in Koblenz beziehungsweise 1970 in Aachen. Nach der Saison 1973 beendete er seine aktive Laufbahn als Leichtathlet.

Lothar Hirsch wuchs in Eschweiler auf, wo er mit seinen Eltern in der Fischerstraße wohnte. Er besuchte die Volksschule Eschweiler-Röthgen und wollte ursprünglich Elektroingenieur werden. Die Fachhochschulreife erwarb er an der Gewerblichen Schule in Düren.

Dadurch schuf er die Voraussetzung für ein Sportstudium an der Universität Mainz, das er als Diplom-Sportlehrer abschloss. Von 1969 bis 1972 arbeitete er zunächst im Schuldienst am Johannes-Gymnasium in Lahnstein. Am 1. August 1973 begann dann seine lange Zeit als hauptamtlicher Trainer beim DLV.

Kein „Schleudersitz“

Allein schon die Länge der Tätigkeit zeigt, wie sehr Lothar Hirsch in seiner Arbeit aufging. Auch wenn Leichtathletiktrainer nicht auf so einem „Schleudersitz“ sitzen wie Fußballtrainer, so ist dieser Beruf doch von ständigem Leistungsdruck geprägt. In jeder neuen Saison gibt es Veränderungen, die sowohl positiv wie negativ sind. Das liegt in der Natur der Sache. Spitzenathleten fallen nicht wie reife Früchte vom Himmel. Ständig müssen sie neu gefunden, gefördert und geprägt werden.

Wenn das gelungen ist, gilt es, sie so lange wie möglich auf dem hohen Niveau zu halten. Lothar Hirsch hat dauerhaft Verantwortung übernommen bei sieben Olympischen Spielen, neun Weltmeisterschaften und acht Europameisterschaften. Was so alles an einem Trainerjob in leitender Funktion „hängt“, wird deutlich, wenn man einen Auszug aus einem Bericht liest, den Lothar Hirsch einmal für ein Buch geschrieben hat. Dieser Bericht bezog sich ausschließlich auf die Olympischen Spiele. Das Buch hat den Titel „Träume, Tränen und Triumphe“ (Herausgeber LSB Rheinland-Pfalz e.V. & Lotto Rhl.-Pfalz GmbH, Knecht Verlag).

„Einzelkämpfer“ Vorkommando

Hier zitieren wir Teile daraus, zunächst bezogen auf eine Begebenheit in Montreal 1976: „Als junger Trainer, seit zwei Jahren hauptamtlich für den Langstreckenlauf im Amt, wagte es der DLV, mich für die gesamte Mannschaft als ‚Einzelkämpfer‘ Vorkommando, also der Leichtathletik-Mannschaft vorauseilend und organisierend, zu entsenden.

Ganz schnell lernte ich die Dimension Olympischer Spiele kennen. Obwohl ich in den ersten Tagen das Büro des NOK Deutschlands als ‚Such- und Findbörse‘ empfand, aufgrund der ungewohnten, neuen Aufgabenstellungen einige unruhige Nächte verbrachte, begriff ich schnell den Kampf der einzelnen Fachverbände um die besten Pfründe, wobei die Quartierfrage in der bei allen Olympischen Spielen vorherrschenden Überbelegung die Hauptrolle spielte.

Da meine Anstellung beim DLV noch weitere 29 Jahre lief, muss es halbwegs zufriedenstellend gewesen sein. Diesem stressigen Einstieg, mit dem dann aus Anpassungsgründen angeschlossenen ruhigerem Abschlusstrainingslager 100 Meilen weg von Montreal, folgte mit den Vorläufen über 5000 Meter der Männer die Steigerung von Stress.

Klaus-Peter Hildenbrand, bis 1976 ein Nobody der internationalen Langstreckenszene, steigerte sich in diesem Jahr derart, dass er als Zweiter der Weltbestenliste und somit als plötzlicher Medaillenkandidat nach Montreal anreiste. Seinen Vorlauf absolvierte er souverän als Dritter, Vier kamen ins Finale. Der Puls schnellte in ungeahnte Höhen, zumindest bei mir, als plötzlich auf der Anzeigetafel die Disqualifikation von Hildenbrand und einem belgischen Läufer angezeigt wurde.

Es gab zwar einige, in einem 5000-Meter-Lauf übliche Rempeleien, aber dem Protest der kanadischen Teamführung hatte das rein kanadische Laufgericht stattgegeben, so dass bei zwei Disqualifikationen plötzlich der Vorlaufsechste, ein Kanadier, das Finale erreichte. Erst der Gegenprotest der deutschen und belgischen Mannschaft vor einem internationalen Laufgericht stellte die ursprüngliche Rangordnung wieder her.

Das Ergebnis der Bronzemedaille im Finale durch Klaus-Dieter Hildenbrand verdeutlicht die Dimension dieses Vorgangs, wobei allerdings nur wir beide beurteilen können, welche Höllenqualen bis zur endgültigen Entscheidung in den Abendstunden Begleiter waren. Selten habe ich die verschiedenen Stressauswirkungen extremer erleben können, als in diesen beiden Vorgängen. Disqualifikation – Bronzemedaille, innerhalb von zwei Tagen. Geblieben ist allerdings der Positivstress der Bronzemedaille als Erinnerung an die Olympischen Spiele Montreal 1976.“

„Enorme Drucksituation“

Ein anderes Beispiel stammt von den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona bezüglich des Olympiasieges von Dieter Baumann beim 5000-Meter-Lauf. Hier beschreibt Lothar Hirsch auch auf interessante Weise die Empfindungen eines Trainers im Zusammenhang mit dem Erlebten folgendermaßen: „Eigentlich ist der Wert einer Goldmedaille gleich. Allerdings welch enorme Drucksituation der Goldmedaillenfavorit im Vorfeld bis zum Sieg bewältigen muss, habe ich im Umfeld von Dieter Baumann erleben und mitfühlen können.

Seine Siegerrolle vorwärts nach dem Zieleinlauf und das verharrende Liegenbleiben auf der Bahn symbolisiert die totale Befreiung, die Höchstspannung hat den Körper verlassen.

Die Planung und Umsetzung eines solch außergewöhnlichen Vorhabens von der ersten Minute bis zum Zieleinlauf lebt von vielen organisatorischen Details, der Bewältigung vieler kurzfristiger Probleme, dem Fingerspitzengefühl des Umfeldes in Betreuungsfragen, der Steuerung und Bewältigung von sich stetig steigerndem Spannungsgefühl bis hin zum letzten Countdown am Einlaufplatz, wo das Betreuerumfeld verschwindet und der psychisch endlos scheinende Weg in einer fast erdrückenden Einsamkeit beginnt, sich ins spannungsgeladene Stadion fortsetzt, umgeben von den Konkurrenten, bis mit dem Start die alles entscheidende Frage des Athleten, des Umfeldes, der Freunde, der Fans, der ganzen Nation der Beantwortung entgegenfiebert, habe ich, haben wir alles richtig gemacht?

Oftmals hätte ich mir einen Wettbewerb in Sekundenentscheidung gewünscht, denn die Qualen eines solchen Finales über rund 13 Minuten bewegen sich unweit der Bewusstlosigkeit.“

So etwas kann nur einer denken und dann auch schreiben, der sich äußerst intensiv mit allen wichtigen Kleinigkeiten dieser Materie befasst. Das zeigt aber auch, dass der Job des Trainers im Hochleistungssport nur von solchen Personen erfolgreich ausgeübt werden kann, die in diesem Beruf eine Berufung sehen. Lothar Hirsch muss wohl einer von denen gewesen sein.

Nach den Olympischen Spielen 2004 in Athen ist er in Rente gegangen. Bei aller Begeisterung über das Erlebte und Erreichte war er damals froh, dass es vorbei war. Er fühlte sich zu diesem Zeitpunkt ausgebrannt, zumal diese Spiele nicht so erfolgreich verliefen wie die davor. Wie wir heute wissen, haben die Afrikaner auf den Mittel- und Langstrecken eine enorme Dominanz erobert. Der letzte deutsche Olympiasieger in einer Laufdisziplin war der 800-Meter-Läufer Nils Schumann vor 17 Jahren – damals war Lothar Hirsch noch im Amt…

Heute lebt er mit seiner Frau noch immer in Koblenz, wo er in der Nähe des Rheins in einem schönen Bungalow im Grünen wohnt. Natürlich interessiert ihn der Sport nach wie vor sehr. Vor allem aber ist er selbst noch sehr fit. Fünfmal in der Woche ist er sportlich aktiv. Zweimal joggen, zweimal Rad fahren und einmal Golf stehen regelmäßig auf dem Programm. Im vergangenen Jahr hat er sogar noch an einem Straßenlauf in Japan in der Stadt Ome teilgenommen. Dabei hat er die Strecke über zehn Kilometer noch in einer Zeit unter einer Stunde zurückgelegt. Das ist ausgezeichnet für einen über Siebzigjährigen.

Gelegentlich führt ihn sein Weg auch noch nach Eschweiler, wenn er seinen Bruder besucht. Der war auch ein guter Läufer der ESG. Heute ist Professor Dr. Hans-Günter Hirsch Vorsitzender der Leichtathletik-Gemeinschaft Eschweiler, dem Nachfolgeverein der früheren Leichtathletikabteilung der ESG.

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