Liebe und Leidenschaft sind oft ein Tabu

Von: Nicola Gottfroh
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Liebe trotz Behinderung:  Lena
Liebe trotz Behinderung: Lena Graf und Christof Mergelsberg haben sich gefunden. Foto: Nicola Gottfroh

Eschweiler. Lena Graf und Christof Mergelsberg haben sich gefunden. Seit über zwei Jahren sind die beiden nun schon ein Paar. Dass Christof 30 Jahre älter ist als Lena, das stört die beiden nicht. Und tatsächlich ist der Altersunterschied auch nicht das, was dem unabhängigen Betrachter als allererstes auffällt, wenn er dem Paar begegnet.

Denn auch ohne den Altersunterschied wären beide ein ungewöhnliches Paar: Denn Lena und Christof haben geistige Behinderungen. Kennen gelernt haben sie sich bei ihrer Arbeit in den Caritas-Werkstätten in Eschweiler.

Denn wie in der Realität nicht behinderter Menschen machen die Gefühle auch am Arbeitsplatz von Menschen mit Behinderung nicht halt - ganz im Gegenteil. An Orten wie den Werkstätten bekommen sie jede Menge Raum.

Denn die Werkstätten sind für viele der Beschäftigten der Ort, an dem sich ein Großteil ihres sozialen Lebens abspielt: Dort wird gearbeitet, dort trifft man Freunde und auch Liebesbeziehungen werden dort geknüpft.

Und diese Liebesbeziehungen laufen auch nicht anders ab als bei nicht behinderten Verliebten. Das Handicap macht sie jedoch nicht zu sexuellen Neutren, sagt Fredi Gärtner, Diplomsozialpädagoge in den Caritas-Werkstätten: „Trotz Behinderung verspüren auch Menschen mit Behinderung so wie jeder andere Mensch in der Gesellschaft auch, das Bedürfnis nach Liebe und Sexualität.”

Problematisch wird eine Liebe jedoch dann, wenn die Umwelt kein Verständnis dafür zeigt. Diplomsozialpädagoge Fredi Gärtner kennt dieses Problem aus seiner beruflichen Praxis. „Viele Eltern fallen erst einmal aus allen Wolken, wenn ihre erwachsenen Kinder erzählen, dass sie verliebt sind oder sogar einen Partner haben”, sagt Gärtner. Dann sind die Sozialpädagogen in den Werkstätten gefragt.

Sie vermitteln zwischen „Kindern” und Eltern, und bringen auch das Thema Sex zur Sprache. Weil jeder Mensch das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat, müssen auch Eltern den Wunsch ihrer Kinder nach Sexualität respektieren. Und die Eltern müssen beachten, dass ihre Kinder Beziehungen eingehen, bei entsprechender Geschäftsfähigkeit heiraten und auch Sex haben dürfen, auch wenn Eltern und Betreuende dagegen sind.

Dennoch: Oft ist es den Beschäftigten der Werkstätten nicht möglich, sich in privatem Raum zu treffen - die Lust jedoch bleibt. „Und dann suchen sich die Paare dort Nischen, wo sie sich sehen: auf der Arbeit”, spricht Gärtner ein Problem an. Gelegentlich ertappen die Caritas-Mitarbeiter die Beschäftigten im Gebüsch oder an anderen vermeintlich ungestörten Orten beim Austausch von Intimitäten.

Sozialdienst gefragt

An diesem Punkt ist der Sozialdienst der Werkstätten gefordert. „Wir finden es positiv, wenn sich Paare finden - solange es eine Liebe auf Augenhöhe ist. Ganz klar ist: Die Liebe ist in den Werkstätten nicht verboten”, so Gärtner. Was über Küssen und Händchenhalten hinausgehe, das müsse man aber am Arbeitsplatz unterbinden. „Wir müssen die Beschäftigten trotz aller ?Selbstbestimmung auch schützen”, sagt Gärtner. Denn manchmal wolle ein Partner etwas anderes als der andere.

„Die Wünsche sind da natürlich ganz individuell. Während die einen schon allein mit Händchenhalten und Küsschen zufrieden sind, wollen andere mit dem Partner schlafen”, sagt Gärtner. Die persönlichen Wünsche, aber auch Grenzen zu definieren, das falle vielen Beschäftigten in den Werkstätten schwer. Dass die Beschäftigten dies zu kommunizieren lernen, liegt den Verantwortlichen in den Werkstätten am Herzen.

Deshalb veranstaltet die Caritas regelmäßig Workshops zum Thema Liebe-Partnerschaft-Sexualität in Zusammenarbeit mit Pro Familia. Die Sexualpädagogen Ina Biermann und Walter Oreschkowitsch von Pro Familia wissen aus ihrer langen Zusammenarbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung was sie bewegt. „Natürlich haben Menschen mit Handicap die gleichen Grundbedürfnisse wie andere Menschen auch: Freundschaft, Liebe, Partnerschaft, Zärtlichkeit, Geborgenheit aber auch Leidenschaft”, sagt Ina Biermann und fügt hinzu: „Aber oft fehlt ihnen dabei auch die Beziehung zum eigenen Körper.”

Mit den Beschäftigten wird deshalb erarbeitet, was jeder Einzelne im Bereich der Sexualität mag und was nicht gefällt, wo die eigenen Grenzen liegen und wie man sie dem Partner gegenüber kommuniziert. „Natürlich spielt auch das Thema Verhütung eine große Rolle”, sagt Ina Biermann. Bei den Workshops können die Frauen anhand eines Modells noch einmal überprüfen, wie man ein Kondom überstreift und wie man sich auf andere Weise vor Schwangerschaft und Krankheiten schützt.

In der Gruppe der männlichen Workshopteilnehmer geht es dagegen eher darum herauszufinden, wie man sich für das andere Geschlecht attraktiv macht. Damit es auch klappt mit der Partnerschaft. So wie bei Lena und Christof. „Ich finde Christof super, und meine Eltern finden Christof auch super. Und wenn man sich gern hat, dann macht sogar ein Altersunterschied wie bei uns nichts aus”, sagt die 22-Jährige.
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