Eschweiler - Lesung: Revolutionärer Auftritt, konservative Werte

Lesung: Revolutionärer Auftritt, konservative Werte

Von: ran
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„Fremdelt“ in mancher Hinsicht mit Papst Franziskus: Der indestädtische Vatikanexperte Ulrich Nersinger äußerte im Rahmen der Reihe „Leseprofi live“ in der Buchhandlung „Oelrich & Drescher“ seine Ansichten zu aktuellen Entwicklungen innerhalb der katholischen Kirche sowie des Kirchenstaates.

Eschweiler. Eigentlich hatte sich Ulrich Nersinger auf ein relativ ruhiges Wochenende eingestellt. Der Startschuss fiel wie geplant am Freitagabend, an dem der inde-städtische Vatikanexperte und Buchautor im Rahmen der Reihe „Leseprofi live“ zu Gast in der Buchhandlung „Oelrich & Drescher“ war.

Er präsentierte Auszüge aus seinem neuen Werk „Die Arche Petri. Kleine und große Tiere im Vatikan“ und gab Einschätzungen zu Entwicklungen innerhalb der Katholischen Kirche und des Kirchenstaates ab.

Stimmungswechsel

Doch darüber hinaus wurden die Pläne des Publizisten über den Haufen geworfen: „Ich habe die Rechnung ohne den Papst gemacht“, eröffnete der Journalist den überraschten Zuhörern. Denn wenige Stunden vor der Lesung in der Eschweiler Buchhandlung hatte Papst Franziskus vollkommen unerwartet angekündigt, am Sonntag nach Ostern ein außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit zu proklamieren. „Nun möchte unter anderem die Deutsche Bischofskonferenz eine Stellungnahme von mir. Und dies am besten gestern“, schmunzelte Ulrich Nersinger im Vorfeld einer wahrscheinlich kurzen Nacht.

Diese Aussicht hielt ihn jedoch nicht davon ab, im Gespräch mit den Gästen ausführlich Stellung zu beziehen. Wobei der 57-Jährige Meinungen vertritt, die so manchem Katholiken vor Ort Bauchschmerzen bereiten dürften.

„Im Hinblick auf Papst Franziskus ist ein gewisser Stimmungswechsel zu bemerken. Es mehren sich kritische Stimmen, die Jubelstürme sind verstummt. Dies war noch vor einigen Monaten so nicht zu erwarten. Und ich befürchte, dass sich die kritischen Stimmen, die inzwischen nicht mehr nur aus konservativen, sondern auch aus progressiven Kreisen der Katholischen Kirche kommen, in naher Zukunft weiter hochschaukeln werden“, so die Einschätzung von Ulrich Nersinger.

„Die generellen Intentionen des Papstes sind zwar gut. Doch die Meinung, Franziskus müsse als Hoffnungsträger der fortschrittlichen und progressiven Katholiken angesehen werden, teile ich nicht“, so der Autor. Dies liege nicht zuletzt an den täglichen Predigten des Papstes. „Jeden zweiten oder dritten Tag erwähnt er Dämonen und Teufel. Hätte Papst Benedikt XVI. ähnliches getan, wäre er mit Sicherheit schärfstens angegriffen worden.“ Der aktuelle Papst moralisiere sehr. „Sein bescheidenes Auftreten ist geradezu revolutionär, theologisch ist Franziskus jedoch eher konservativ einzuschätzen.“

Ähnlich wie sein Vorgänger Benedikt passe Franziskus nicht in das übliche Schema und sei mit der römischen Kurie nicht vertraut. „Gott sei Dank“, lautete die Reaktion des Publikums. Die überraschende Ankündigung eines außerordentlichen Heiligen Jahres sei typisch für Franziskus. „Er ist spontan, entscheidet aber autokratisch.“ Durchaus fortschrittliche Ideen stünden im Gegensatz zu sehr strikten Predigten und Moralvorstellungen. „Eines der Probleme ist, dass Franziskus einerseits die Konservativen verärgert, andererseits die Erwartungen der Progressiven wohl kaum erfüllen können wird“, erklärte Ulrich Nersinger und erntete nicht nur Zustimmung bei seinen Zuhörern.

Gemischte Gefühle

Auch auf den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. blickt der Vatikankenner mit gemischten Gefühlen. „Ich kann das Handeln Benedikts nachvollziehen, glaube jedoch nicht, dass ausschließlich sein Alter der Grund für den Rücktritt war, sondern auch die Vatileaks-Affäre.“ Zwei Päpste nebeneinander stellten eine schwierige Situation dar. „Benedikt hat Besucher, die teilweise versuchen, ihn für bestimmte Zwecke zu instrumentalisieren.“ In Sachen „Vatileaks“ beurteilt Ulrich Nersinger das Verhalten der Kurie kritisch: „Es wäre besser gewesen, gleich alles zu veröffentlichen. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!“

Die Frage einer Zuhörerin, ob die Katholische Kirche wiederverheiratete Geschiedene nicht alleine lasse, beantwortete der gebürtige Eschweiler, der Philosophie und Theologie in Bonn, St. Augustin, Wien und Rom studierte, eher zurückhaltend: „Es gilt, jeden Einzelfall individuell anzuschauen, ohne das Prinzip der Ehe aufzugeben.“

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