Lesermeinung: Viel Druck bei der U3-Betreuung

Von: Isabelle Hennes
Letzte Aktualisierung:
In einer Kindertagesstätte vo
In einer Kindertagesstätte von heute wird Kindern viel mehr geboten, als das früher der Fall war. De Erzieherinnen wollen jeder Familie und jedem Kind gerecht werden. Foto: dpa

Eschweiler. Bundesweit wurde die Forderung nach Betreuungsplätzen für Kleinkinder in der vergangenen Zeit immer lauter. Ab August 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf eine Betreuung für ein- bis zweijährige Kinder. Nur: Reichen die Plätze aus? Wohl kaum. Und: Bekommen Kleinkinder in einer U3-Betreuung wirklich das, was sie in ihrer ersten Lebenszeit brauchen?

Dr. Wolfgang Hagemann von der Röher Parkklinik sagte vor einigen Wochen: „Wenn ich diesen Schwachsinn lese, dass Kinder mit einem Jahr in die Kita sollen, dann weiß ich nicht, wie groß meine Klinik noch werden soll. Kleinkinder sind damit total überfordert und gestresst.” Kinder, die heute mit der Situation in einer Kita nicht klar kommen, würden seine Burn-Out-Patienten von morgen werden.

Ist das so? Ab wann dürfen Kinder dann in eine Kita? Sollte es ein Mindestalter geben? Was machen Eltern, die auf zwei Gehälter angewiesen sind?

Keine Frage, beim Thema Kinderbetreuung gehen die Meinungen auseinander. Damit ein Austausch stattfinden kann, veranstaltet unsere Zeitung am Dienstag, 23. Oktober, ab 19 Uhr im Talbahnhof eine Podiumsdiskussion zum Thema U3-Betreuung, zu der Sie, liebe Leser, herzlich eingeladen sind. Teilnehmen werden unter anderem Edith Platau, sozialpädagogische Fachberaterin der Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche der Stadt Eschweiler, Dr. Wolfgang Hagemann und Anita Permantier, Leiterin des Kinder- und Familienzentrums Sankt Marien in Eschweiler.

Eltern stehen unter Druck

Anita Permantier erlebt täglich Eltern, die unter Druck stehen. Einerseits ist da ihr Kind, für das sie eine Bleibe suchen. Andererseits gibt es den Arbeitgeber, und viele Eltern wollen in ihren Beruf zurückkehren. Manche müssen es sogar. Da könnte ihnen der gesetzliche Anspruch auf einen Betreuungsplatz gerade recht kommen. Aber: Wegen des gesetzlich festgelegten Betreuungsplatzes steigt nun auch noch der Druck auf Erzieherinnen wie Anita Permantier. Sie und ihre Kollegen wollen einerseits keine Eltern wegschicken, andererseits aber auch eine gute Betreuung garantieren.

Auch in Eschweiler ist die Nachfrage an Plätzen für Kleinkinderbetreuung in den vergangenen Monaten stark gestiegen. „Aber ich glaube, dass wir das in Eschweiler schon gut im Blick halten”, sagt Permantier. Regelmäßig finden Treffen zwischen Trägern, dem Jugendamt und den Kitaleitungen statt.

In Kindertagesstätten wie Köln oder Berlin gibt es aufgrund zu weniger Plätze schon jetzt regelrechte Casting-Veranstaltungen für Eltern und Kind. Familien werden dazu gedrängt, persönliche Dinge offen zu legen und manchmal gilt das Einkommen als Gradmesser, ob das Kind in die Kita passt oder nicht. Anita Permantier sind solche Fälle in Eschweiler nicht bekannt. Aber sie sagt auch: „Eine Kindertagesstätte ist heute kaum noch vergleichbar mit einer Kita vor einigen Jahren.” Eine Erzieherin ist nicht mehr nur die Frau, die sich mit den Kindern hinsetzt und etwas bastelt. Längt umfasst die Ausbildung auch wissenschaftliche Aspekte. Seit 2008 das Kinderbildungsgesetz (Kibiz) in Kraft getreten ist, wurde von einer Pauschalfinanzierung auf eine Pro-Kopf-Finanzierung umgestellt. Das heißt, Eltern buchen in Kitas Stundenbudgets. „Wenn Eltern ihr Kind hier anmelden, müssen sie mir beispielsweise zum Jahresende schon sagen, welchen Bedarf sie nächstes Jahr ab 1. August bis zum 31. Juli des Folgejahres haben”, erklärt Anita Permantier. Auf der einen Seite ist Handlungsflexibilität für die Kitas wichtig, auf der anderen Seite brauchen Eltern Planungssicherheit.

Kita ist eine „Basis”

Eine Kindertagesstätte ist die erste Bildungsinstitution, mit der eine Familie in Kontakt kommt. Sie ist eine Art „Basis”. Die Erzieherinnen erhalten Einblicke in die familiäre Konstellation, erfahren etwas über die berufliche Situation, setzen sich mit den Ängsten und den Wünschen auseinander. Sie schauen sozusagen in die Familien hinein. „Und jede Familie tickt anders”, sagt Anita Permantier. Sie würde sich freuen, wenn sie allen Wünschen der Eltern gerecht werden könnte. Sie weiß aber auch, dass das fast nicht mehr zu leisten ist. Es sei denn, Erzieherinnen und ihre Leistungen würden in Deutschland eine breitere Unterstützung erfahren. Und eine bessere Lobby würde auch bedeuten, mehr Geld für eine gute Versorgung der Kinder zur Verfügung zu stellen. „Als Institutionen sollten wir die Familien heute dabei unterstützen, ihre vielfältigen Herausforderungen zu bewältigen”, sagt Permantier.

Andere Herausforderungen

Die Herausforderungen, denen sich Familien heute stellen müssen, sind andere als vor 20 Jahren. Oft müssen beide Elternteile arbeiten gehen. Die Kinder, die heute in eine Kita gehen, werden nicht bis zu ihrem Renteneintritt nur einen Job haben. Mehr Möglichkeiten bedeutet aber auch ein steigendes Risiko. Wer sich zwischen all diesen Möglichkeiten und dem schnellen Leben nicht zurecht findet, bleibt auf der Strecke. Um sich orientieren zu können, braucht es Strukturen, klare Bezugspersonen und Kontinuität. Das fängt bei kleinen Gruppen in der U3-Betreuung an, geht über gemeinsame Mahlzeiten und hört bei qualifiziertem Personal auf. „Menschen brauchen Bezugspersonen, egal, in welchem Alter”, sagt Permantier.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert