Leser blicken hinter die Kulissen der Stromproduktion

Von: Patrick Nowicki
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Das Innenleben einer Turbine:
Das Innenleben einer Turbine: Unsere Leser erhielten gestern im Weisweiler Kraftwerk viele Einblicke in die Stromproduktion aus Braunkohle. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Stromgewinnung in einem Kraftwerk funktioniert fast wie bei einem Fahrrad. Ein Generator, in diesem Fall ein Dynamo, wird angetrieben und lässt die Lampe leuchten. Naja, ganz so einfach ist es dann doch nicht, aber das Prinzip bleibt das gleiche.

Braunkohle wird verbrannt und erhitzt Wasser. Der dabei entstehende Wasserdampf treibt eine Turbine an, die an einem Generator angeschlossen ist. Weiterer Unterschied zum Fahrrad: Alles ist größer. Viel größer. Davon überzeugten sich gestern Morgen auch unsere Leser, die sich auf eine beeindruckende Infotour durchs Kraftwerk machten.

Warum die meisten Mitarbeiter im Kraftwerk viel Zeit im Fahrradsattel verbringen, wird schnell deutlich. Die Wege zwischen den einzelnen Produktionsstätten sind lang. Die Lesergruppe muss die Strecke zu Fuß in Angriff nehmen und wird dafür mit allerlei spannenden Details entschädigt. Warum es früher Karpfen im Becken unter den Kühltürmen gab zum Beispiel. Und warum diese inzwischen verschwunden sind. Nun, Bernd Blümmert, der durchs Kraftwerk führt und anschaulich die Prozesse erläutert, lässt die Antworten schnell folgen: Die Karpfen sollten den Algenwuchs im Becken auf natürlich Arte eindämmen. Allerdings vermehrten sich die Tiere rasant. „Als dann immer wieder Rohre mit Karpfen verstopft waren, schaffte man sie kurzerhand ab”, berichtet Blümmert.

Eine überraschende Anekdote. Eine von vielen. Wasser nimmt im Kraftwerk eine zentrale Rolle ein. Die Kesselwand des 600-Megawatt-Blockes, die einen Umfang von 84 Metern hat und 125 Meter hoch ist, ist von 850 Kilometer Rohr durchzogen. „Es muss reiner als rein sein”, betont Blümmert. Es ist entmineralisiert und Kleinste Verunreinigungen könnten nämlich zu extremen Schäden führen. Deswegen bleibt das Wasser in einem geschlossenen Kreislauf.

Die Leser schreiten den Produktionsweg des Stromes ab. Von den Kohlebunkern geht es über die Kaminstraße an den Kühltürmen vorbei ins Kesselhaus von Block Heinrich. Dort werden die Leser Zeuge, wie die riesigen Mühlen die Kohlestücke zu Mehl - und dies ist wörtlich zu nehmen - zerkleinern. Beim Weg in 120 Metern Höhe hilft ein Aufzug. Mulmig wird es einigen, als sie die Stahlgitterbrücke in das Kesselhaus überqueren. Der Nebel verhindert diesmal allerdings den sonst dort möglichen Panoramablick auf die Voreifel. Schade. Ein Gespür für die unglaubliche Höhe bekommt die Gruppe dann am Kessel. Die Stege sind mit Gitterplatten versehen, die einen bis zum Boden schauen lassen. Der Kessel selbst hängt in einem riesigen Gerüst aus Stahlträgern, beide zusammen schwerer als der Eiffelturm. Warum? „Weil er sich bei Hitze bis zu 55 Zentimeter nach unten ausdehnt”, sagt Blümmert. Temperaturen von bis zu 1000 Grad werden innen erreicht. Die etwa 40 Grad Celsius im Kesselhaus sind angesichts des frischen Windes draußen jedoch diesmal ausgesprochen angenehm.

Neues Herzstück

110 Meter tiefer geht es schließlich zum neuen Herzstück der Anlage, dem Leitstand. Dort zeigen zahlreiche Monitore, wie viel Strom das Weisweiler Kraftwerk ins Netz gibt. Diesmal liefert Block Heinrich volle 670 Watt - eine Folge der Revision im vergangenen Juli, die auch eine Leistungssteigerung mit sich brachte. Der wichtigste Aspekt der neuen Technik ist der aktuellen Energiepolitik zu verdanken: Die Braunkohlekraftwerke müssen wesentlich flexibler sein. Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, gehen sie in Volllast. Aber ebenso häufig müssen sie die Leistung drosseln. Ganz ausschalten will die RWE Power AG keinen Block freiwillig, denn das Anheizen ist ausgesprochen teuer: Bis zu 100.000 Liter Heizöl sind dann erforderlich. Jährlich benötigt man in Weisweiler 1,7 Millionen Liter, also so viel wie etwa 567 Einfamilienhäuser.

Die Turbinenhalle bildet die letzte Station der Rundreise: Dort drehen sich die Räder mit 3000 Umdrehungen pro Minute. Warum das so ist? Der Wechselstrom wird mit 50 Hertz ins Netz gegeben. Ansonsten würde das äußerst empfindliche Stromnetz nämlich zusammenbrechen. „Inzwischen muss die Strombehörde zig Mal ins Netz eingreifen, früher war das etwa 50 Mal pro Jahr”, sieht Blümmert auch schlechte Seiten der Öffnung des Strommarktes.

Der Spaziergang durchs Kraftwerk wirft auch einige Fragen auf. Sowohl vor der Runde als auch danach beantwortet Kraftwerksleiter Gerhard Hofmann die Fragen der Leser - und die zeigen sich ebenso interessiert wie kritisch. So will ein Leser wissen, wie hoch die Menge an Feinstaub und Schadstoffen ist, die im Kraftwerk Weisweiler verursacht werden. „Wir liegen deutlich unter den Grenzwerten”, hebt Hofmann hervor. Ganz sauber sind die Abgase natürlich nicht. Am Beispiel der Entschwefelungsanlage zeigt der Kraftwerksleiter aber, wie effektiv die Filter inzwischen arbeiten: Von den ursprünglich 800 Milligramm Schwefeldioxid, die sich in einem Kubikmeter Rauchgas befinden, bleiben letztlich bis zu 40 Milligramm übrig, die in die Luft geblasen werden.

Auch der Strompreis ist natürlich ein Thema. Hofmann wirbt um Verständnis für die Industrie: „Wir müssen zwei Systeme parallel aufrecht erhalten.” Die herkömmlichen Energieträger müssen nämlich bereitstehen, wenn die regenerativen Energien wie Wind und Sonne ausfallen. Das koste eben Geld, so Hofmann.

Bleibt die Frage nach der Zukunft des Standorts Weisweiler. Denn im Jahr 2030 soll der Tagebau Inden ausgekohlt sein. „Das ist der Blick in eine Glaskugel, das kann heute keiner beantworten.” Wie schnelllebig das Energiegeschäft inzwischen ist, unterstreicht die millionenteure Gasvorschaltturbine im Weisweiler Kraftwerk, die in diesem Jahr lediglich an zwei Tagen angeschaltet wurde. Sie rechnen sich nicht: Stromgewinnung aus Gas kostet aktuell einfach zu viel Geld.
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