„Leseprofi live“: Christiane Laudage Über das Ende des „schändlichen Treibens“

Von: ran
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Neuer Blick auf ein System, das jahrhundertelang gesellschaftlich akzeptiert wurde, aber nicht zuletzt seit Martin Luther als Beispiel für die Verderbtheit der katholischen Kirche gilt: Autorin Christiane Laudage referierte im Rahmen der Reihe „Leseprofi live“ in der Buchhandlung Oelrich & Drescher über das Ablasswesen. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Es gilt als unumstößliche Tatsache: Im Mittelalter konnten sich die Menschen mit Geld von ihren Sünden freikaufen. Profiteure dieses „Systems“ waren die katholische Kirche und ihre Repräsentanten, die Dank des Ablasshandels unermessliche Reichtümer anhäuften.

Das Ende dieses „schändlichen“ Treibens leitete schließlich Martin Luther am 31. Oktober 1517 mit dem Anschlag seiner 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg ein. Aber war das wirklich so? Ist dies die ganze Wahrheit? Fragen, denen sich am Freitagabend die Autorin Dr. Christiane Laudage im Rahmen der Reihe „Leseprofi live“ in der Buchhandlung Oelrich & Drescher widmete.

Die Autorin warf unter der Überschrift „Das Geschäft mit der Sünde“ einen für die heutige Zeit durchaus ungewöhnlichen Blick auf eine Institution, die fest im Bewusstsein des mittelalterlichen Menschen verankert war, im 16 Jahrhundert „aus dem Ruder lief“ und damit als Handelsware auch ihr Ende fand.

Angehender Reformator

„Als der angehende Reformator Martin Luther mit seiner Kritik am Ablasswesen in erster Linie eine Diskussion unter Gelehrten anstoßen wollte, war der Ablass in der Gesellschaft omnipräsent“, brachte Dr. Christiane Laudage den Zuhörern zu Beginn ihrer Ausführungen die Lebenswirklichkeit der vor einem halben Jahrtausend lebenden Menschen näher. Jedes „Werk der Frömmigkeit“ sei zur damaligen Zeit mit einem Ablass, auch Indulgenz genannt, verbunden gewesen.

Dies habe für den Besuch der Heiligen Messe genauso gegolten, wie für Spenden für den Bau von Brücken, Straßen oder Deichen. „Letzteres stand für eine Handlung im Dienst am Nächsten“, so die promovierte Historikerin, die Geschichte und Anglistik an der Universität Köln studierte. Auch mit dem Kniebeugen während des Glockenläutens, dem Sprechen eines Gebets, der Armenspeisung oder einer Pilgerfahrt seien Ablässe „zu gewinnen“ gewesen. „Der Ablass war ein gesellschaftlich akzeptiertes Mittel der Schwarmfinanzierung wie auch gleichzeitig die Maßeinheit auf dem Weg zur ewigen Seligkeit“, erklärte die Referentin. „Mit einem Ablass erlangten die Menschen einen Nachlass der ihnen auferlegten Bußstrafen, die nicht selten ausgesprochen üppig ausfielen“, fuhr Dr. Christiane Laudage fort.

Dabei dürfe nicht außer Acht gelassen werden, dass Reue und Beichte die Voraussetzung für den Erhalt eines Ablasses gewesen seien. Damals habe der unumstößliche Grundsatz gegolten: Vor Gott darf keine Sünde ungestraft bleiben! Andererseits sei die Überzeugung groß gewesen, dass gute Taten den Menschen im Himmel „angerechnet“ würden. „Den Ablass kann man auch als Konzept für ein gottgefälliges Leben auf dem Weg zum Seelenheil bezeichnen.

Ablässe wurden in erster Linie für gute Taten vergeben und absolut nicht ausschließlich für Geld“, so die Buchautorin, die im Archiv der katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn tätig ist, bevor sie auf die Historie des Ablasswesens einging, das wohl im Jahr 1035 im nordspanischen Katalonien (erster nachgewiesener Ablass) seinen Anfang nahm, im Verlauf des 13. Jahrhunderts erheblich an Bedeutung gewann und immer weiter Eingang in den Alltag der Menschen fand. Bis in die Gegenwart hinein würden Protagonisten des Ablasswesens sehr unterschiedlich bewertet:

So gelte der französische Kardinal Raimond Perault (1435 bis 1505), in Deutschland als Raimund Peraudi bekannt, im durchaus positiven Sinne als ein „Mastermind“ des vorreformatorischen Ablasswesens. Als nämlich um 1470 kein Geld für den Neubau der baufälligen Kathedrale im westfranzösischen Saintes vorhanden war, verband der Kardinal, der später zu einem ernsthaften Anwärter auf den Stuhl Petri wurde, die Ablasskampagne mit einem vollkommen neuen Konzept, das als Konzept der vier Gnaden Einzug in die Kirchengeschichte gehalten hat.

Teilhabe am Gebet

„Diese vier Gnaden waren der vollständige Ablass für die Lebenden, der Ablass für die Verstorbenen, ein Ablassbrief für die Todesstunde sowie die Teilhabe am Gebet der ganzen Kirche. Eine solche Kampagne kann also ohne weiteres als eine Art Vollkasko-Versicherung für das Jenseits mit einer Eigenbeteiligung in Form eines Beitrags bezeichnet werden“, ließ Dr. Christiane Laudage wissen. Eine ganz andere Meinung herrsche weitläufig über den Dominikaner und Ablassprediger Johann Tetztel (um 1460 bis 1519), dessen Predigten letztlich Martin Luther als Anlass zum Anschlag seiner Thesen dienten.

Sei der Ablasshandel bis zum Ende des 15. Jahrhunderts streng geregelt gewesen, so dass nur bestimmte Sünden durch Geld und keinesfalls ohne tätige Reue erlassen wurden, habe das „Geschäft mit der Sünde“ nun weit übertriebene Formen angenommen, wie der Johann Tetzel zugeschriebene Satz „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ zeige. Allerdings: „Die uns bekannten Bilder, die Johann Tetzel als kleinen, feisten und verschlagenen Mönch zeigen, sind alle erst lange nach dessen Tod entstanden.

Es gibt kein zeitgenössisches Bild von dem Mann, den manche Quellen als intelligenten und tüchtigen, jedoch auch durchaus eitlen Dominikaner beschreiben“, berichtete die Referentin. Eine Folge des aus den Fugen geratenen Ablasshandels sei gewesen, dass die Menschen schlicht und ergreifend die Nase voll von Ablässen gehabt hätten.

Die Beschlüsse des Konzils von Trient (1545 bis 1563) hätten schließlich das Ende des Ablasswesens bedeutet. Bei allem heute bestehenden Unverständnis dieser jahrhundertelang existierenden Praxis gegenüber, müsse jedoch folgendes konstatiert werden: „Viele Bauwerke, die heute zum Weltkulturerbe gehören, wären ohne den Ablass nicht erbaut worden!“, schloss Dr. Christiane Laudage ihren Vortrag.

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