Eschweiler - Lehrerin, Pfarrerin und auch noch Seelsorgerin

Lehrerin, Pfarrerin und auch noch Seelsorgerin

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Drei Jobs: Dorothee Neubert ist unter anderem Seelsorgerin am Berufskolleg. Foto: Sonja Essers

Eschweiler. Seit 2006 ist Dorothee Neubert am Berufskolleg Eschweiler tätig. Sie unterrichtet evangelische Religion und steht Schülern und Lehrern als Seelsorgerin zur Verfügung. Neubert hat noch zwei weitere Jobs.

Sie arbeitet als Pfarrerin und ist für den Kirchenkreis Jülich als Notfallseelsorgerin unterwegs. Im Interview erzählt die 51-Jährige von ihrer Arbeit mit den Jugendlichen und erklärt, wie sie es schafft abzuschalten.

Frau Neubert, seit 2006 arbeiten Sie am Berufskolleg in Eschweiler. Sie unterrichten nicht nur, sondern sind auch Seelsorgerin und als Pfarrerin tätig. Wollten Sie von Anfang an diesen Weg einschlagen?

Neubert: Ich habe immer überlegt, ob ich Lehrerin oder Pfarrerin werden will und jetzt habe ich eine super Kombination. Ich bin Pfarrerin und unterrichte evangelische Religion.

Wie kam es dazu?

Neubert: Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und habe 1982 in Duisburg mein Abitur gemacht. Danach habe ich ein sogenanntes diakonisches Jahr gemacht, das von der Kirche organisiert wurde. Ich war dann in Cuxhaven und habe dort mit behinderten Kindern gearbeitet und die Erzieher unterstützt, indem ich mich um die Freizeitgestaltung, aber auch um die Pflege der Kinder gekümmert habe. Nach dieser Zeit habe ich mich dann dazu entschieden, Theologie zu studieren. Nach meinem ersten theologischen Examen kam dann eine zweijährige praktische Ausbildung, das war das sogenannte Vikariat. Das hat mich dann zuerst nach Wuppertal und später nach Magdeburg geführt. Dort war es besonders spannend.

Was genau war daran so spannend?

Neubert: Das war im Jahr 1991, also zwei Jahre nach der Wende und für mich war es spannend zu sehen, wie sich die Kirche in der ehemaligen DDR verändert hatte. Mein Schwerpunkt dort lag auf der Jugendarbeit, und danach bin ich für drei Jahre nach Essen gegangen und habe dort die klassische Gemeindearbeit ausgeübt. Danach hatte ich fünf Jahre lang eine Sonderdienststelle und habe in einem Heim für Erziehungshilfe gearbeitet. Dort war ich in der Seelsorge tätig und habe auch Konfirmandenunterricht gegeben. Im Februar 2006 wurde mir dann die Stelle in Eschweiler angeboten.

Welche Aufgaben haben Sie dort?

Neubert: Ich habe am Berufskolleg eine volle Stelle, gebe Unterricht und nehme an Konferenzen teil. Aber ich bin und bleibe auch Pfarrerin. Ich leite also Gottesdienste und das mache ich sehr gerne.

Ist es nicht schwierig, die Jugendlichen für das Thema Religion zu begeistern?

Neubert: Die Jugendlichen tauchen heutzutage nicht aus eigenem Antrieb in der Kirche auf. In meinem Beruf gehe ich dahin, wo die Jugendlichen sind und warte nicht darauf, dass sie zu mir kommen. Das Besondere am Berufskolleg ist, dass wir in Klassenverbänden unterrichten. Das heißt, dort sitzen Schüler aus allen Konfessionen zusammen und das ist eine sehr spannende Sache. So entstehen gemeinsame Gespräche über Themen des Alltags, und die Jugendlichen sehen, wie die verschiedenen Konfessionen mit Themen umgehen. Die Schüler haben die Möglichkeit, sich die verschiedenen Religionen anzuschauen und kennenzulernen.

Welche Themen behandeln Sie mit den Schülern im Unterricht?

Neubert: In dieser Woche haben wir über Ostern gesprochen. Ich habe dann einen Schokoladenhasen mit in die Klasse genommen und die Schüler gefragt: „Wer kann mir sagen, was der Hase mit Ostern zu tun hat?“ In meinem Unterricht lernen die Schüler die Basics der eigenen und der anderen Religionen kennen. Das ist zwar ein sehr spannender Prozess, aber es braucht auch seine Zeit, gerade am Schuljahresanfang, wenn man in einen neuen Klassenverband kommt. Ich sage den Schülern immer, dass ich nicht von ihnen erwarte, dass sie dasselbe glauben wie ich und wenn sie merken, dass es mir damit ernst ist, dann klappt es ganz gut. Wir beschäftigen uns im Unterricht auch mit ethischen Fragen. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir über das Thema Sterbehilfe gesprochen. Ich habe die Schüler gefragt, was sie tun würden, wenn eines ihrer Familienmitglieder betroffen wäre. Wir haben auch darüber geredet, wie man mit Trauer umgeht. In meinem Unterricht haben die Schüler eine große Wahlfreiheit. Ich greife auch gerne aktuelle Themen auf, aber rund die Hälfte der Themen, die wir im Unterricht behandeln, können die Schüler selbst bestimmen.

Sie sind aber nicht nur als Lehrerin am Berufskolleg tätig.

Neubert: Ich bin auch als Seelsorgerin tätig. Das ist von der Schulleitung und vom Kollegium so gewollt und akzeptiert. Ich biete sowohl Beratungsstunden für Schüler als auch für Lehrer an, und ich arbeite eng mit den beiden Schulsozialarbeiterinnen zusammen.

Fällt es den Schülern schwer, sich mit ihren Problemen an Sie zu wenden, da Sie sowohl Seelsorgerin als auch Lehrerin sind?

Neubert: Mir ist es wichtig, dass es nicht nur um Bildung im Sinne von Wissensvermittlung geht, sondern auch um die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen. Der Schüler, der im Unterricht sitzt und seine Leistung bringt, ist das Eine, der Mensch, der zu mir kommt, weil er Redebedarf hat, ist das Andere. Die Hemmschwelle bei den Schülern ist nicht so riesig. Vielleicht auch, weil ich als Pfarrerin immer mehr den Menschen im Blick habe.

Sie haben auch viele Projekte, die Sie gemeinsam mit den Schülern anpacken.

Neubert: Genau. Wir haben eine Weihnachtskistenaktion und dann noch zwei Mal im Jahr die sogenannte Auszeit in der Schule. Dann gestalten wir Schulstunden der besonderen Art. Das findet immer vor den Sommerferien und vor Weihnachten statt.

Was kann man sich unter dieser Auszeit vorstellen?

Neubert: Wir haben uns zum Beispiel mit dem Thema Engel auseinandergesetzt. Diese Auszeit soll die Schüler zum Nachdenken anregen und auch dazu, sich selbst mit dem Thema zu identifizieren. Am Ende geben wir dann jedem Schüler noch eine Kleinigkeit mit auf den Weg. Zu diesem Thema hatten wir Spiegelfolie auf eine Karte geklebt und darauf geschrieben „Mehr Engel bitte“. Sobald der Schüler sich die Karte angeschaut hat, sah er sich selbst und so konnte er auch ein Engel sein. Im vorigen Sommer hatten wir verschiedene Stationen. Wir haben Karten in einen Apfelbaum gehängt. Auf denen standen gute Wünsche für die Zukunft. Ich versuche immer mit Symbolen zu arbeiten und die Veranstaltungen werden auch sehr gut angenommen. Im vergangenen Jahr hatten wir vor Weihnachten sogar zwei Veranstaltungen, an denen jeweils rund 200 Schüler teilnahmen. Auf diese Weise versuche ich den Schulalltag mitzugestalten.

Wie sieht Ihre Arbeit in der Gemeinde aus?

Neubert: Dass ich ab und zu noch Gottesdienste in der Gemeinde machen kann, finde ich toll. Ich sage meinen Schülern immer, dass da Menschen hinkommen, die brav sitzen bleiben und interessiert zuhören (lacht). Ab und zu mache ich auch Beerdigungen oder Trauungen, aber nur in den Ferien.

Sie haben allerdings noch einen weiteren Beruf.

Neubert: Ich bin auch ausgebildete Notfallseelsorgerin für den Kirchenkreis Jülich. Ich habe über das Jahr verteilt zwei Wochen, die ich abdecken muss. Dann arbeite ich auf Rufbereitschaft und bin für die Stadt und den Kreis Düren zuständig. Aber das geht auch nur in den Ferien. Wenn man Rufbereitschaft hat, dann ist die Anspannung schon sehr groß. Und es ist nicht gut, wenn ich das länger als fünf Tage am Stück mache.

Wie schafft man es abzuschalten?

Neubert: Ich habe in meiner Ausbildung gelernt abzuschalten. Als Notfallseelsorgerin kenne ich die Menschen, um die ich mich kümmern muss, in der Regel nicht und sehe sie danach auch nicht wieder. Manchmal gehen einem die Dinge zwar nach, aber es ist nicht so, dass sie belastend sind. Das wäre auch schlimm, denn dann könnte man den Job nicht machen. Für mich ist der Einsatzbericht, den ich schreiben muss, immer der erste Bewältigungsschritt. Und in meiner Freizeit versuche ich bewusst Kontrapunkte zu setzen.

Tauschen Sie sich auch mit anderen Kollegen aus?

Neubert: Es gibt eine Arbeitsgemeinschaft der Berufsschulpfarrer des Kirchenkreises Jülich. Dort treffen wir uns regelmäßig zu Fortbildungen oder zum Austausch. Die Arbeit am Berufskolleg ist ja eine Sache für sich. Dort sind viele Schulen unter einem Dach, es ist nicht eine in sich geschlossene klassische Schule. Und der Austausch mit Leuten aus demselben Berufsfeld ist wichtig.

Gibt es diesen Austausch auch in Eschweiler?

Neubert: In Eschweiler bin ich vernetzt über die Schulsozialarbeiter. Da haben wir in den vergangenen Jahren mit den Jugendlichen verschiedene Aktionen gestartet, unter anderem gegen den Nazi-Aufmarsch. Auch im Kollegenkreis in der Schule bin ich sehr eng vernetzt und wir unterstützen uns gegenseitig. Gerade am Anfang habe ich von meinen Kollegen sehr profitiert. Ich habe schnell gemerkt, dass eine Gemeinde anders funktioniert, als ein Berufskolleg. Das musste ich erstmal entdecken und kennenlernen.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf besonders gut?

Neubert: Mein Job bietet eine tolle Bandbreite und beinhaltet alle Facetten dessen, was mir Spaß macht. Ich habe das Privileg, nicht jeden Tag dasselbe machen zu müssen. Es ist immer neu, spannend, je nachdem, was gerade dran ist. Ich finde es schön, dass es so abwechslungsreich ist. Allerdings muss ich manchmal aufpassen, dass ich auf mich achte. Man muss sich Grenzen setzen, denn meine Arbeitsfelder haben nicht viel miteinander zu tun. Wenn man so will, habe ich nicht einen, sondern drei Jobs.

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