Laute Raucher: Wirt erhält Kündigung

Von: Christina Handschuhmacher
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„Ich habe absolutes Verständnis für das Ruhebedürfnis der Anwohner. Aber was soll ich denn machen?“, fragt Wirt Mike Sauerbier. Seine Vermieter haben ihm nun fristgerecht gekündigt. Derzeit sucht er nach einem neuen Ladenlokal. Foto: Christina Handschuhmacher

Eschweiler. Als die Briefträgerin am Dienstag vergangener Woche an der Tür von Mike Sauerbier klingelt, ahnt der Eschweiler Kneipier bereits, dass nun keine guten Neuigkeiten auf ihn zukommen. Seine Vorahnung bestätigt sich: „Sehr geehrter Herr Sauerbier, hiermit kündigen wir unser Pachtverhältnis im Rahmen des im Betreff genannten Vertrages fristgerecht (laut § 2 Absatz 1) zum 28. Februar 2014“, steht in dem Einschreiben.

Dem ersten Satz folgt noch eine knappe Dankesfloskel samt guten Wünschen für die Zukunft. Mehr steht nicht auf dem DIN-A4-Blatt. Nur diese zwei dürren Sätze. Für Sauerbier bedeuten sie das Ende seiner Eckkneipe „Mike‘s Pub.“

Die Kündigung kommt für den 41-Jährigen unerwartet. „Es gab keine Vorwarnung, keine Abmahnung oder Ähnliches“, sagt er. „Ich habe immer pünktlich meine Miete gezahlt und die Kneipe läuft.“ Was also ist der Grund für die Kündigung? „Die Anwohner fühlen sich vom Lärm der draußen rauchenden Menschen belästigt“, sagt Sauerbier. Geschätzte 80 Prozent seiner Stammkunden seien Raucher.

Und aufgrund des Nichtraucherschutzgesetzes, das seit dem 1. Mai in Nordrhein-Westfalen gilt, müssen diese nun draußen rauchen. So drängen sich nun an manchen Abenden 15 bis 20 Raucher und nach Gesellschaft suchende Nichtraucher auf dem schmalen Bordstein.

Sauerbier sitzt an diesem Vormittag in seiner Kneipe an der Ecke Talstraße/Bourscheidtstraße. Es ist 11.30 Uhr – der Laden ist leer. Eigentlich öffnet Sauerbier die Türe zu „Mike‘s Pub“ erst heute Abend. Die Augen des Wirts sind klein. Es ist spät geworden am Vorabend. Erst um drei Uhr war er im Bett – Alltag für den Gastronom. Im abgedunkelten Hinterraum der Kneipe stehen mehrere Dartscheiben. Im Vorderraum lassen die Fenster nur wenig Sonnenlicht ins Innere fallen. Auf der massiven dunklen Holztheke stehen Fußballpokale. An der Wand hängt ein Schal vom FC Preussen Hastenrath 1912, daneben ein Fan-Schal von Schalke 04.

Seit Februar 2009 betreibt Sauerbier mit seinem siebenköpfigen Team die Kneipe an der Talstraße. Seit zwölf Jahren ist er in der Gastronomie-Branche tätig. Vorher hat er eine Ausbildung zum Maler gemacht; mal hier, mal dort gejobbt – als Kneipier hat er, wie er selbst sagt, nun seine „Berufung“ gefunden. „Das hier ist mein Leben“, sagt Sauerbier und sein Blick wandert in der Kneipe umher.

Sauerbier ist wütend – gar nicht so sehr auf seine Vermieter, denn für das Ruhebedürfnis der Nachbarn hat er Verständnis. Vielmehr ist es das Gefühl von Machtlosigkeit, das ihm zu schaffen macht.„Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass die Anwohner sich in ihrer Nachtruhe gestört fühlen“, sagt der Gastronom. „Aber was soll ich denn machen? Wenn viele Leute da sind und viel rauchen, stört es die Anwohner und mir wird gekündigt. Kommen kaum Leute und damit auch weniger Raucher, kann ich die Kneipe dicht machen, weil ich die Miete nicht mehr zahlen kann.“

Die Schuld an diesem Dilemma gibt der Gastwirt der rot-grünen Landesregierung und dem Nichtraucherschutzgesetz. „Von den Politikern kommen immer nur Verbote, aber keine Lösungsvorschläge“, sagt Sauerbier. „Niemand kann den Leuten das Rauchen verbieten. Und genauso wenig kann ich ihnen verbieten zu lachen und zu reden.“ Eine Sperrstunde hat seine Kneipe nicht – Schluss ist, wenn der letzte Gast ins Bett will. Das kann auch während der Woche erst um halb drei oder halb vier nachts sein.

Immer wieder hätten die Anwohner sich wegen des Lärms beschwert, Polizei und Ordnungsamt hätten jedoch nie vor der Tür gestanden. Juristische Schritte gegen die Kündigung kann Sauerbier nicht einleiten – diese ist innerhalb der sechsmonatigen Frist absolut rechtens. Die Eigentümergemeinschaft war am Mittwoch nicht für eine Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung erreichbar.

„Ein derartiger Fall, dass ein Gastwirt wegen des Lärms der draußen rauchenden Menschen eine Kündigung erhalten hat, ist mir nicht bekannt“, sagt Rainer Spenke, Geschäftsführer des Deuschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Nordrhein und unter anderem für Aachen und die Städteregion zuständig. „Leider können die Gastwirte in dieser Hinsicht wenig tun. Sie können Schilder aufhängen und die Leute immer wieder bitten, leise zu sein, aber bei steigendem Pegel kommen diese Ermahnungen kaum an“, sagt Spenke.

Auch einem weiteren Eschweiler Gastronomen stehen wegen des Nichtraucherschutzgesetzes und dem Lärm der Raucher Veränderungen bevor. Seit über 30 Jahren betreibt Willi Meier die Eschweiler Kultkneipe „Schneckes“ am oberen Ende der Grabenstraße. Meier sagt: „Schon bevor das Nichtraucherschutzgesetz in Kraft getreten ist, war mir klar, dass es Probleme mit den Anwohnern geben wird, wenn nun alle draußen rauchen.“

Schon vorher sei die Situation angespannt gewesen, erinnert sich Meier. „Ich bin immer wieder rausgegangen und habe die Leute gebeten, zurück ins Haus zu kommen. Aber seit die nun drinnen nicht mehr rauchen dürfen, habe ich keine Argumente mehr.

Immer wieder beschweren sich die Anwohner. Immer wieder stehen spätabends Ordnungsamt und Polizei vor seiner Kneipe. Und selbst die Geduld der Anwohner, die sich viele Jahre tolerant gegenüber der Kneipe zeigten, ist nun am Ende. „Die sagten dann zu mir: ‚Willi, ich weiß, du kannst da wenig für, aber ich kann nachts nicht mehr schlafen‘“, erzählt der 62-Jährige.

Meier weiß, dass seine Gäste Lärm machen: „Wenn man zehn Bier und fünf Korn intus hat, dann ist man eben nicht mehr leise. Auch wenn man sich das vornimmt“, sagt er. Der Kneipier will nicht, dass es noch mehr Ärger gibt. Und er will die Nerven seiner Nachbarn schonen. Deshalb hat er sich nun nach einem neuen Standpunkt für seine Kneipe umgesehen. „Ich kann in die Räume des ehemaligen Anno Tobak an der Schnellengasse ziehen“, sagt Meier. „Da ist direkt vor der Tür ein Taxistand. Da wird man meine Gäste kaum hören.“

Fraglich ist nur, wann das so weit sein wird. Der nächstmögliche Kündigungstermin für Meier ist der 30. Juni 2014. Und – im Gegensatz zu Mike Sauerbier – hat Meiers Vermieter kein Interesse daran, den Kneipier früher los zu werden.

Und wie wird es mit Mike Sauerbier weitergehen? „Ich bin zuversichtlich, dass ich eine neue Kneipe finden werde“, sagt er. Seinen Mitarbeitern und den Stammkunden will er bald eine neue Perpektive bieten können. „Aber es tut weh. Ich habe viel Herzblut hier reingesteckt und an einem anderen Ort wird es nicht wieder so werden.“

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