Lange Jahre Kampf um Anerkennung als Nazi-Opfer

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Toraufschrift am Eingangstor der Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen: Dort war Kurt Dietz inhaftiert. Foto: Stock/Martin Müller
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Vom Lager Sandbostel sind noch einige Barracken erhalten. Heute erinnert die Gedenkstätte an die Ermordung tausender Gefangener. Dort starb auch Kurt Dietz. Foto: Stock/epd

Eschweiler. Zum vierten Mal werden am kommenden Donnerstag Stolpersteine in Eschweiler verlegt. Diese Gedenksteine, die in den Bürgersteig eingelassen werden, erinnern an Eschweiler Bürger, die in der Zeit von 1933 bis 1945 von den Nationalsozialisten umgebracht wurden.

Eines dieser Opfer ist der Sozialdemokrat und Gewerkschafter Kurt Dietz. Ohne die intensiven Nachforschungen seines Ur-Urenkels Michael Hambloch und die Bemühungen des Arbeitskreises „Stolpersteine gegen das Vergessen“ wäre das Andenken dieses Nazi-Gegners in Vergessenheit geraten.

Witwe ringt um Rente

Anfang der 1930er Jahre kannten viele Eschweiler den Namen Dietz. Seine Witwe Johanna schrieb Jahre nach Ende der NS-Herrschaft im Rentenantrag: „Der Verstorbene war seit 1922 Angestellter des Alten Bergarbeiter-Verbandes und bis 1933 in Eschweiler als solcher tätig und tausenden heute noch lebenden Bergarbeitern bekannt.“ Die Witwe des ermordeten Sozialdemokraten lebte damals in bitterster Armut und kämpfte um minimale Geldsummen, um zu überleben. Es dauerte Jahre, bis ihr Mann als Nazi-Opfer anerkannt wurde.

Kurt Dietz, Sohn einer Fabrikarbeiterin, stammte aus Dresden, wo er am 27. August 1888 zur Welt kam. Seine Frau Johanna geborene Weller stammte ebenfalls aus Sachsen, aus dem kleinen Dorf Culitzsch am Fuß des Erzgebirges. Auch sie kam aus einer Arbeiterfamilie. Dietz war Bergmann. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs zog die Familie – Kurt und Johanna Dietz hatten 1911 geheiratet – ins Ruhrgebiet. In Marl wurde Kurt Dietz Gewerkschaftssekretär, er arbeitete für die Gewerkschaft Alter Bergarbeiter-Verband, einem Vorläufer der heutigen IG Bergbau-Chemie-Energie. 1928 kam die auf sieben Personen angewachsene Familie nach Eschweiler, wo Dietz als Funktionär der Bergarbeiter-Gewerkschaft und engagierter Sozialdemokrat schnell bekannt wurde.

Arbeit in der Grube Reserve

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde die SPD zur „staats- und volksfeindlichen Partei“ erklärt und faktisch verboten. Auch der „Alte Verband“ als eine der größten und einflussreichsten Gewerkschaften Deutschlands mit zeitweise über 400.000 Mitgliedern stand im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Verfolgung und wurde 1933 zerschlagen. Kurt Dietz wurde wieder Bergarbeiter. Er und einer seiner Söhne arbeiteten in der Grube Reserve Nothberg. Die Familie wohnte in einem der Bergarbeiter-Häuser an der Dürener Straße. Vor diesem Haus Nr. 371 soll künftig ein so genannter Stolperstein an das Schicksal des Gewerkschafters Kurt Dietz erinnern.

Am 22. August 1944, kurz vor seinem 56. Geburtstag, wurde Kurt Dietz von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet. Er wurde in Aachen inhaftiert, kam dann in das KZ-Sammellager Köln-Messehalle und schließlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Die Verhaftungswelle im August 1944 wurde später als „Aktion Gitter“ oder auch „Aktion Himmler“ bekannt. Sie war Reaktion der Nazis auf das fehlgeschlagene Hitler-Attentat am 20. Juli 1944. Damals wurden nicht nur die Attentäter rund um Graf von Stauffenberg und im Zuge der Sippenhaft auch deren Familien verhaftet und zu einem großen Teil hingerichtet, die Verhaftungswelle richtete sich auch gegen „leitende Männer gegnerischer Strömungen“. Der frühere Gewerkschaftssekretär Dietz galt der Gestapo offenbar als bekannt und gefährlich genug, um ihn zu dieser Gruppe zu zählen.

Kurt Dietz überlebte die Haft im KZ nicht. Einer der Mithäftlinge sagte später aus, Dietz sei gegen Kriegsende 1945 im Lager Sandbostel gestorben. Wenn diese Information stimmt, kam der Eschweiler Gewerkschafter, als die russischen Truppen auf Berlin vorrückten, zunächst vom KZ Sachsenhausen (es lag bei Oranienburg, nördlich von Berlin) in das KZ Neuengamme bei Hamburg, einem früheren Außenlager von Sachsenhausen. Im April 1945 wurden über 8000 politische Häftlingen, unter ihnen wahrscheinlich auch Dietz, von Neuengamme aus auf einen Todesmarsch zu dem Kriegsgefangenen-Lager Sandbostel bei Bremen geschickt. Die Häftlinge sollten nicht als Belastungszeugen lebend in die Hände der alliierten Truppen fallen.

Als britische Truppen am 29. April Sandbostel erreichten, bot sich ihnen ein schreckliches Bild. In den wenigen Wochen bis zur Befreiung und in den Tagen danach starben mindestens 3000 Häftlinge durch Hunger und Typhus. Auf einer Informationstafel an der „Gelben Baracke“ der heutigen Gedenkstätte Sandbostel steht über das Lager zu lesen: „Die Zustände waren unvorstellbar. Tausende Häftlinge waren unterernährt und krank. Überall lagen Leichen herum. Zu Skeletten abgemagerte Häftlinge liefen auf der Suche nach etwas Essbarem umher. Es herrschte Dreck und Gestank, der noch in weiter Entfernung wahrgenommen werden konnte.“

Die Geschichte von Kurt Dietz hat noch einen zweiten Teil. Er spielt nach dem Krieg, als seine Witwe Johanna um die Anerkennung ihres Mannes als politisch Verfolgter und um eine Rente kämpfte. Ihr Antrag, Kurt Dietz als Nazi-Opfer anzuerkennen, wurde zunächst abgelehnt. Der „Kreissonderhilfsausschuss Aachen-Land der Betreuungs- und Wiedergutmachungsstelle für politisch Verfolgte“ entschied am 13. Februar 1948, Kurt Dietz sei nicht als politisch Verfolgter anzuerkennen, weil er sich, so die absurde Begründung, „während der Haft unkameradschaftlich gegenüber seinen Mitgefangenen verhalten“ habe. Das hatte ein anderer, überlebender Häftling ausgesagt.

Einmal ganz abgesehen davon, dass diese Verleumdung nicht stimmte, wirft die Begründung ein Licht auf das damalige Denken im Deutschland der Nachkriegszeit. Der Sonderhilfsausschuss bewertete nicht das unmenschliche Handeln der Nationalsozialisten, die Kurt Dietz aufgrund seiner Gesinnung verhaftet, eingesperrt und ermordet hatten, sondern er bewertete das moralische Wohlverhalten des Häftlings: Hat das Opfer sich, bevor es verhungerte und krepierte, bis zum Schluss ethisch sauber verhalten?

1949 revidierte der Ausschuss seine Ablehnung. Aber nur, weil zwei andere ehemalige Häftlinge ausgesagt hatten, dass sich Dietz in der Haft keinesfalls unsozial verhalten habe. Der Ausschuss befand nun, Dietz habe sich nur „mit seiner Unterbringung im KZ-Lager nicht abfinden“ können und wurde „seelisch schwerer beeinträchtigt als die übrigen Inhaftierten“. Allein das Wort „Unterbringung“ für das Verhungern hinter Stacheldraht spricht schon Bände.

Johanna Dietz musste jahrelang von einer winzigen Knappschaftsrente leben, weil die Beiträge, die ihr Mann in seiner Zeit als Gewerkschaftssekretär eingezahlt hatte, durch die Auflösung der Gewerkschaft und der damaligen Unterstützungskasse verloren waren.

Wie dreckig es ihr und ihren Kindern ging, ist einer Aktennotiz aus dem Jahr 1949 zu entnehmen. Die Witwe von Kurt Dietz hatte damals bei einer Fürsorgestelle einen Kleiderschrank beantragt. Ein Mitarbeiter des Amtes besuchte sie deshalb zu Hause in der Dürener Straße: „Frau Dietz wohnt mit ihrer Tochter, der Witwe Christiansen, die zwei Kinder hat, in einem Haushalt. Der Haushalt ist sehr armselig. Im Schlafzimmer stehen nur zwei Betten, zum Zudecken ist nichts vorhanden. Durch Kriegseinwirkung hat die Familie alles verloren. Die Kleidung liegt auf einem Stuhl mit der Wäsche zusammen, es fehlt ein Kleiderschrank. Ferner fehlt es an Haushaltsgeschirr, dringend wird Leib- und Haushaltswäsche benötigt. Von der Rente ist Frau Dietz nicht in der Lage, Anschaffungen zu machen.“ Ihre Rente betrug damals 71 Mark. Ob die Beihilfe bewilligt wurde, ist nicht überliefert.

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