Krise adé? Indestädtische Betriebe bleiben skeptisch

Von: Mischa Wyboris und Stefan Herrmann
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Die Öfen laufen heiß: Anfang des Jahres endete die Kurzarbeit in der Gießerei Albert Hoffmann. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Krise? Welche Krise? Schenkt man dem Konjunkturbericht der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen Glauben, dann geht es der Wirtschaft in der Region so gut wie lange nicht mehr.

„Die Erholung der Wirtschaft im Kammerbezirk Aachen setzt sich unverändert fort”, lässt sich Jürgen Drewes, Hauptgeschäftsführer der IHK Aachen, im aktuellen Bericht zum Herbst zitieren. „Damit stabilisiert sich die konjunkturelle Lage auf hohem Niveau und erreicht bereits wieder Werte wie vor der Wirtschaftskrise.”

Deutlich bessere Erträge, hohe Investitionsabsichten und zunehmender Personalaufbau insbesondere in der Metallindustrie: Das liest sich gut.

Ein anderes Bild zeichnet jedoch die IG Metall Stolberg/Eschweiler. „Die Folgen der Krise sind in den indestädtischen Betrieben noch immer zu spüren”, sagt Gewerkschaftssekretär Georg Moik. Trotz zunehmender Abkehr von der Kurzarbeit sei die Ertragslage aus Sicht der Arbeitgeber oft noch nicht zufriedenstellend.

„Der Aufschwung ist eine Welle, die langsam an den Strand spült”, sagt auch IG-Metall-Mitarbeiter Martin Peters und ergänzt: „Die Kollegen haben in der Zeit der Krise viele Opfer gebracht. Wenn der Aufschwung anhält, werden wir dafür Kompensationen fordern.”

Der Aufschwung: Herbert Lenzen hat ihn zwar erlebt, findet aber auch relativierende Worte: „Die Lage wird besser geredet, als sie ist”, sagt der Geschäftsführer der Firma ESW Röhrenwerke. „Die Werte von vor der Krise haben wir noch nicht erreicht.” Das allerdings deckt sich mit dem IHK-Bericht: „Unterdurchschnittlich sind die Erwartungen im Bereich Metallerzeugung und -bearbeitung”, wenn es um die Auftragslage geht.

Weiter heißt es aber auch: Die Personalentwicklung im selben Gewerbe sei überdurchschnittlich gut. Die zehn neuen Mitarbeiter, die der Stahlrohrproduzent an der Auestraße demnächst einstellen möchte, seien jedoch „strukturbedingt und nicht durch einen Auftrags-Boom zu erklären”, sagt Lenzen, dessen Betrieb von Februar 2009 bis Juni des laufenden Jahres noch von Kurzarbeit Gebrauch gemacht hat.

„Wir spüren die Folgen der Krise noch”, sagt Peter Schell, stellvertretender Werksleiter der „Prysmian Kabel und Systeme GmbH” Eschweiler. „Die Auslastung lässt wieder nach. Was wir in den ersten neuen Monaten gesehen haben, setzt sich im letzten Quartal nicht fort.”

An der Bergrather Straße traf die Krise die Gießerei Albert Hoffmann mit voller Wucht. Auf 200 Mitarbeiter musste im Frühsommer 2009 der Personalstand gesenkt werden. 70 Menschen, zum Teil auch bei Fremdfirmen und Leiharbeiter, waren damals betroffen und verloren ihren Job.

Heute kann Gerhard Stroh, Mitglied der Geschäftsführung, wieder erfreulichere Zahlen melden. Auf 220 ist die Belegschaft in den vergangenen Monaten angewachen. „Wir haben wieder eingestellt”, sagt Stroh. „Und wir bilden auch wieder aus. Vier neue Azubis arbeiten seit kurzem in unserer Gießerei.”

Dies sei, sagt Stroh, auch ein Zeichen für die Zukunft. Hinzu kommt: „Eine Gießerei gibt es fast immer einen Fachkräftemangel. Wir sind so spezialisiert, da ist die betriebsinterne Ausbildung oft der beste Weg.”

Rund ein dreiviertel Jahr befand sich das Eschweiler Traditionsunternehmen in Kurzarbeit. Seit Februar 2010 sind diese Zeiten vorbei. „Die ganze Branche zieht wieder an, ohne Zweifel”, beschreibt Stroh die derzeitliche Stimmungslage als „verhalten optimistisch”.

Denn so ganz möchte man den allzu optimistischen Prognosen nicht trauen. Der enorme Aufragseinbruch im vergangenen Jahr (allein im ersten Quartal 2009 sanken die Aufträge um 40 Prozent) hat Spuren hinterlassen. Und: „Die konjunkturellen Schwankungen kommen immer schneller”, weiß Stroh. Verlässliches Wirtschaften wird für einen mittelständischen Betrieb dadurch nicht einfacher.

Der Leiter des Amts für Wirtschaftsförderung, Dietmar Röhrig, nimmt positive Signale aus den indestädtischen Betrieben auf. „In Gesprächen bestätigen uns die Unternehmen, dass sich die Auftragslage in den vergangenen Monaten deutlich verbessert hat.”

Zwar seien besonders durch gestiegene Rohstoffpreise die Gewinnmargen nicht mehr so hoch wie teilweise vor der Krise, auch agieren viele Firmen nach den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre insgesamt abwartender, doch der Trend zeige generell nach oben. „Viele sagen auch wieder: Wir stellen ein. Gleichzeitig hören wir zunehmend Klagen über den immer größer werdenden Fachkräftemangel”, sagt Röhrig.

Durch eine gute Standortpolitik seien in Eschweiler die Gespräche über Unternehmensansiedlungen trotz Weltwirtschaftskrise nie komplett eingebrochen, betont Röhrig. Die Intensität und Häufigkeit nehme in jüngster Vergangenheit aber spürbar zu. „Firmen, die vor drei Jahren Gespräche auf Eis legten, stehen nun wieder an der Tür”, freut sich der Wirtschaftsförderer über den Aufschwung, der möglichst auch neue Arbeitsplätze an der Inde bringen soll.

286 Betriebe nahmen an IHK-Umfrage teil

In der IHK-Konjunkturumfrage zum Herbst 2010 wurden rund 1000 der mehr als 68.000 Mitgliedsunternehmen befragt. Nach Angaben der IHK handelt es sich dabei um einen repräsentativen Querschnitt. 286 Unternehmen mit rund 39.300 Beschäftigten haben an der Erhebung teilgenommen - das entspricht einem Rücklauf von 30 Prozent.

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