Konzert: Lieder über Leben, Tod und die Weisheit des Glücks

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Begeisterte am Dienstag in Eschweiler sein Publikum: Hannes Wader bei seinem Auftritt in der Aula der Realschule Patternhof, eingeladen hatte das Kulturzentrum Talbahnhof. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Politisch, poetisch und manchmal voll melancholischer Weisheit – der Liedermacher Hannes Wader begeisterte am Dienstagabend in der ausverkauften Aula der Realschule Patternhof ein Publikum, das viele seiner älteren Lieder auswendig hätte mitsingen können.

Und das sich über neue Lieder freute, denn Wader, inzwischen 74 Jahre alt, ist nach wie vor kreativ und produktiv. Im vorigen Jahr hat er gleich zwei CDs vorgelegt. Seine Diskographie umfasst über 40 Alben.

Es sind erstaunlich viele junge Leute im Saal, aber die Mehrheit haben im Publikum natürlich Fans mit schon etwas lichterem Haar, die Waders Lieder seit Jahrzehnten kennen. „Wir sind ja quasi mit ihm aufgewachsen“, sagt eine Besucherin in der Pause. Und dass man sich mit vielen seiner Texte identifizieren kann.

Das wird auch im Konzert deutlich. Gerade bei den gesellschaftskritischen Liedern, und wenn Wader von der Arbeiterklasse erzählt und singt, gibt es Zwischenapplaus. Bei diesen Liedern zeigt Wader, wie authentisch und selbstkritisch zugleich er auf sein Leben blickt.

Deutlich wird das zum Beispiel an dem Stück „Wo ich herkomme“ von seiner neuen Platte „Sing“. „Wo ich herkomme“ ist ein Talking Blues, ein Sprechgesang; Diesen Stil hat Wader in den späten 60er Jahren in Deutschland etabliert. Wie die Herkunft eines Menschen („Wer wie ich einer bildungsfernen Schicht entstammt...“) auch heute noch den Lebensweg bestimmt, ist ein Thema, das den Liedermacher immer wieder beschäftigt, und er findet in diesem Lied dafür griffige Formulierungen: „Niedre Abkunft saugt sich an dir fest wie feuchter Lehm“. Und „Um den Kontakt zur Oberschicht hab ich mich nie gerissen, wollte nie, wie man so sagt, mit den großen Hunden pissen.“

Überhaupt die Oberschicht. Die stelle sich ja nicht gleichrangig neben anderen Klassen auf, nein, „sie legt sich auf die unteren drauf“. Wie der Name Oberschicht schon sagt, denn sonst wäre sie ja eine Seiten- oder Nebenschicht. Großer Beifall.

Jedes seiner Konzerte eröffnet Hannes Wader seit vielen Jahren mit dem bekanntesten seiner Lieder: Heute hier, morgen dort. Da sieht man bei manchen Zuhörerinnen und Zuhörern, wie sich die Lippen bewegen, als sängen sie jede Zeile mit. Am Schluss des Abends werden sie tatsächlich mitsingen.

In den fast zwei Stunden, die dazwischen liegen, hören sie viele bekannte, aber auch manche neue Lieder – jedes dieser Stücke typisch Wader und doch sehr unterschiedlich. Volkslieder zum Beispiel, in den 60er und 70er Jahren in linken Kreisen eher verpönt, hat Wader für diesen Hörerkreis wiederbelebt; in Eschweiler singt er das Lied „Ännchen von Tharau“.

An die demokratische Tradition vergangener Jahrhunderte erinnert er mit dem „Bürgerlied“, das kurz vor der 1848er Revolution entstand: „Ob wir rote, gelbe Kragen, Hüte oder Helme tragen...“ Dann wieder trägt Wader eines seiner schönsten Liebeslieder vor, „Für Dich“ heißt es und ist auf seiner neuen CD „Sing“ zu finden: „Nutzen wir die Zeit, indem wir sie einfach verschwenden“.

Ebenfalls von „Sing“ stammt ein Ausflug in die irische Folkmusik, mit „Folksingers Rest“. Tiefsinnig und sehr persönlich ist das Stück „Unglück vor mir“ von seiner 1995er CD „Zehn Lieder“: „Aber heute laßt mich schlafen, heute bin ich müd und klein. Gestern bin ich stark gewesen, morgen werd ich‘s wieder sein.“ Das ist die Weisheit des Glücks: „Unglück vor mir, Unglück nach mir, wo ich bin ist Glück.“ So sind viele seiner Lieder: Eine poetische Mischung aus Melancholie und Selbstironie, mit weisen Einsichten, aber weder pathetisch noch belehrend.

Eines seiner Lieder widmete Wader einem langjährigen Freund und Kollegen. Der Gitarren-Virtuose Werner Lämmerhirt ist im Oktober an Krebs gestorben. „What‘s the life of a man anymore then a leaf“ sang Wader für ihn: Was ist das Leben eines Menschen mehr als ein Blatt, das vom Baum fällt?

Für das alles braucht Hannes Wader keine Bühnenshow. Er steht mit seiner Gitarre allein auf der Bühne, nur ein Scheinwerfer gibt Licht. Dennoch oder vielleicht auch deshalb ist es eine dichte, fast intime Stimmung. Er singt drei Zugaben. Sein beliebtes „Bin auf meinem Weg, schon so lang“ erkennen die Zuhörer am ersten Gitarrenakkord, klatschen Beifall. Es folgt ein Lied des schwedischen Liederdichters aus dem 18. Jahrhundert Karl Michael Bellman, an dessen Wiederentdeckung in Deutschland Hannes Wader großen Anteil hatte.

Und ganz zum Schluss singt Wader eine Hymne der Friedensbewegung, er singt sie gemeinsam mit dem Publikum, denn „ich bin sicher, dass wir das alle kennen“. Und alle kannten es: „Sag mir, wo die Blumen sind.“

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