Konrad Beikircher: Vom Hölzchen aufs Stöckchen und zurück

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Gestenreich und pointensicher:
Gestenreich und pointensicher: Konrad Beikircher am Samstag auf der Bühne in der Aula Patternhof. Foto: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. „Jetzt aber mal Hand aufs Herz: das ist doch wunderbar!” ruft Konrad Beikircher ins Publikum. Was ist wunderbar? Nun, das Rheinland findet der Kabarettist, Psychologe, Sprachkünstler und Musiker Konrad Beikircher wunderbar, das „Rheinische Universum” nennt er es, das ihm seit 22 Jahren den Stoff zu immer neuen lustigen und tiefsinnigen Geschichten liefert.

Stoff für Vortragsabende, die mehr sind als nur Kabarett. Beikircher ist, sagt er, „seit 22 jahren unterwegs für das Rheinische Missionswerk”, bis weit ins Rechtsrheinische hinein sei er missionarisch tätig, sogar bis Bielefeld, und wer Bielefeld kenne, der weiß: Da gibt es noch viel zu tun.

Am Samstag war Beikircher in Eschweiler zu Gast, mit dem „elften Teil der Rheinischen Trilogie”. Die Aula der Realschule Patternhof ist voll, im Publikum sitzen viele Besucher, die schon frühere Programme von ihm kennen. In Eschweiler braucht er nicht zu missionieren, da kann er sich wie zu Hause fühlen. Jede Nuance kommt an, wird mit Glucksen, Gelächter, Beifall aufgenommen. „Ist das nicht wunderbar?”

Der rheinischen Sprache, der rheinischen Mentalität und dem rheinischen Glauben sollte sich die Trilogie widmen, mit der Konrad Beikircher vor 22 Jahren begann. Dass diese Trilogie inzwischen elf Teile hat, liegt nicht nur - wie er es selbst bescheiden sagt - an der liebenswert-offenen Art der Rheinländer, die ihm das sprachliche Rohmaterial liefern, sondern daran, dass er dem Volk aufs Maul schaut und ein Ohr hat für die absurden kleinen Geschichten des Alltags, aus denen Konrad Beikircher sein großes Gemälde des Rheinischen Universums zusammensetzt. Wenn er gestenreich und sprachgewaltig schildert, wie der Rheinländer dem Tod begegnet, hat sein Humor etwas tief Philosophisches.

Und nicht nur der Rheinländer. „Schön ist es auch anderswo”, heißt das aktuelle Programm. Wahrscheinlich hat sich kein einziger Zuhörer die bange Frage gestellt: „Wie, diesmal nichts übers Rheinland?” Denn das wäre tatsächlich unwahrscheinlich. Und tatsächlich beginnt die mehr als zweistündige Reise, auf die Beikircher sein Eschweiler Publikum mitnimmt, im Rheinland und führt - nach dutzenden Abschweifungen,Umwegen, Einwürfen, Randnotizen und Fußnoten - zielsicher zurück und zu dem Bekenntnis: „Es ist wunderschön, im Rheinland zu leben, und ich kann ihnen nur sagen, seit ich hier bin, seit 46 Jahren, möchte ich nirgends anders leben als hier. Ich danke ihnen.”

Zwischendurch besucht Konrad Beikircher allerdings exotische Fernen: Württemberg, Südtirol, Siegerland. Ganz besonders ausführlich widmete er sich einer Gegend, die so unspektakulär scheint, dass man sie schon den Fast-Nachbarn in Eschweiler näher erläutern muss: dem Vorgebirge. Also dem Landstrich von Bonn über Brühl bis Kerpen. Allein die hochwissenschaftliche Begründung, warum der Ort Alfter von den dort Eingeborenen nur „Aleff-Ter” ausgesprochen wird.

Es liegt nämlich an der Art - Beikircher macht es vor, er kann das wirklich, jede Sprachnuance so wiedergeben, dass die Unterschiede hörbar werden - also an der Art, wie der Vorgebirgler das R rollt. Horizontal nach vorn. Im Siegerland hingegen rollt man das R lateral, seitlich. Sagt Beikircher in feinster Siegerländer Mundart. Und versichert, wenn einer im Bahnhof von Siegen das Wort „Arbeiterrückfahrkarte richtig aussprechen kann, mit lateral gerolltem R, dann kost dat nix. Dann darfst du umsonst nach Köln fahren. Aber kein Siegerländer fährt nach Köln, das ist ihm viel zu sündig.”

Damit es den Zuhörern nicht fremdelt, kehrt Beikircher immer wieder ins Rheinland zurück. Er würdigt Eschweiler als die Stadt „mit der höchsten Karnevalsdichte, das wissen die in Köln gar nicht”, und lobt rheinischen Witz ebenso wie die rheinischen Witze, denn „im Rheinischen lassen die Witze einen Blick in die Seele werfen”.

Dazu gehöre auch die rheinische Großmäuligkeit, versichert er und illustriert es mit diesem Witz: „Es treffen sich ein Westfale, ein Pfälzer und ein Rheinländer. Sie unterhalten sich über ihre Familien, ihre Berufe, und stellen fest, dass die Berufe mit ihren Namen zu tun haben. Der Westfale sagt: Mein Name ist Bäcker, und das wirklich zu recht, meine Vorfahren haben unserem Herrn Jesus Christus das Brot fürs Letzte Abendmahl gebacken.

Boah, großes Staunen. Da sagt der Pfälzer: Mein Name ist Zimmermann, ich heiße so aus gutem Grund, meine Vorfahren haben die Arche Noah zusammen gezimmert. Beide gucken nun auf den Kölschen, und der sagt: Ja, Schmitz. Fragende Blicke. Dann fährt der Kölner fort: Ihr kennt ja die Geschichte von Adam und Eva, nicht? Die Eva, dat war ne jeborene Schmitz.”

Aus dem Rheinland dann aber wieder nach Italien, nach Südtirol, denn dort, in Bruneck im Pustertal, ist Konrad Beikircher geboren und aufgewachsen. Dreisprachig, erläutert er, mit Deutsch, Italienisch und der Bruckecker Mundart. Für diesen halben Satz braucht Beikircher eine halbe Stunde, denn zwischen „Italienisch” und „Brunecker Mundart” schiebt er eine dieser wunderbar konstruierten, atemberaubenden Perioden, für die ihn das Publikum so liebt.

Er kommt von Hölzchen auf Stöckchen. Von den Schwierigkeiten der Italiener mit der Aussprache deutscher Konsonantenklumpen wie im Wort „geschmeckt” geht die abenteuerliche Reise zu den unterschiedlichen Arten von Zugverspätungen in Italien und Deutschland, zu den Nachteilen von Friedhöfen in Hanglage, Problemen mit Ikea-Särgen beim Jüngsten Gericht, der Bedeutung der ersten Vier-Wörter-Sätze für die Entwicklung des Kleinkinds, die Mundform von Erziehungsberatungsstellenleiterinnen, die dem Rheinländer nicht adäquate dudengerechte Aussprache des U im Wort intellektuell („Das macht Falten.

Fragen Sie einen Plastischen Chirurgen, die kennen alle die Duden-Falte. Oder gucken sie mal pensionierten Deutschlehrerinnen ins Gesicht.”), und über die Höhenangst von Kleinkindern im Kindersitz und die Schilderung von Albert Einstein im Matrosenanzug bekommt Beikircher dann die wohlberechnete Kurve zurück zum Brunecker Dialekt. Man kann sich da im Publikum ruhig zurücklehnen, sofern das bei dem Gelächter geht: er schafft das immer.

Natürlich gibt es eine lange Zugabe, da ist der Künstler generös. Für die Leser dieses Berichts gibt es auch eine, wiewohl kürzer. Konrad Beikircher am Samstag über die Schwierigkeiten, morgens in die Gänge zu kommen: „Da gibt es ja den schönen Spruch, den wir Alt-68er geprägt haben: Nur wer zerknittert aufwacht, hat tagsüber Entfaltungsmöglichkeiten.”
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