Knallroter Koloss hebelt Rüben aus dem Boden

Von: Patrick Nowicki
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15 Meter misst der Roder, der sechs Rübenreihen gleichzeitig ernten kann. Um den Boden zu schonen, werden die Räder versetzt. Foto: Nowicki
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Das Herzstück der Maschine aus der Sicht der Fahrerkabine: Das Rodeaggregat hebt die Rüben aus dem Boden, schneidet die Blätter ab, häckselt sie und bereitet den Boden für die Weizensaat vor. Foto: Nowicki

Eschweiler. 626 Pferdestärken treiben den knallroten Koloss, ausgestattet mit der modernsten Technik, an. Wer sich so ein Gefährt zulegen möchte, muss etwa 400.000 Euro auf den Tisch legen. Die Rede ist nicht etwa von einem Ferrari, sondern von einem Rübenroder.

Doch der italienischen Nobelkarosse ähnlich, zieht das Koloss mit der Bezeichnung „Terra Dos T4-40“ auf den Äckern die Blicke auf sich. In diesen Tagen fahren die Eschweiler Landwirte die Rübenernte ein, am Montag öffnet die Zuckerfabrik in Jülich.

Maschinenring Rheinland

Der Preisdruck macht vor den Bauernhöfen der Stadt nicht halt. Landwirtschaftsbetriebe müssen höchst effizient arbeiten. Besaß früher jeder Hof einen Roder, so sind die meisten dem Maschinenring Rheinland angeschlossen, einem Verein, der einen Fuhrpark von Großgeräten bereithält. Sechs solcher Großroder sind in den nächsten Tagen in der gesamten Westregion im Einsatz. Hubert Mock zählt zu den Fahrern der Maschine. Auf seinem Tannenhof in Dürwiß ist das hoch spezialisierte Gefährt stationiert.

Rübenernte ist nämlich schon längst zu einer hoch technisierten Angelegenheit geworden. Wofür ein Landwirt vor wenigen Jahren noch mehrere Tage benötigte, schafft der Großroder deutlich schneller. Über einen Hektar schafft die Maschine in der Stunde. Das Konzept ist ausgeklügelt: Das Rodeaggregat am Kopf der Maschine kann sechs Rübenreihen gleichzeitig ernten.

In einem Arbeitsgang werden die Knollen aus dem Boden gehebelt, die Blätter abgeschnitten, gehäckselt und wieder untergegraben sowie die Rüben über ein Förderband und Siebsterne in den Bunker geschoben. All das läuft parallel und vieles automatisch.

Aber eben nicht alles: In der Fahrerkabine herrscht ebenfalls Hightech. Ein Monitor – natürlich mit Touchscreen – gibt eine Übersicht über alle wichtigen Daten, denn jedes einzelne Messer der sogenannten Nachköpfer kann angesteuert und eingestellt werden. So können Bodenunebenheiten ausgeglichen werden.

Auch soll beim Abtrennen der Blätter nicht zu viel von der eigentlichen Rübe entfernt werden. Auf zwei zusätzlichen Monitoren erhält Hubert Mock einen Überblick, was am Gerät und auf dem Siebband passiert. Dafür sind gleich mehrere Kameras an dem knapp 15 Meter langen Roder installiert.

Kein Wunder, dass man erst einige Schulungen absolvieren muss, bevor man sich ans Steuer setzen kann. „Die Rübenernte hat mir immer Spaß gemacht, darauf arbeitet man als Landwirt ja im ganzen Jahr hin“, sagt er. Außer ihm absolvierten Hubert Reinartz und Tom Huppertz in Eschweiler diesen Kurs.

Sie wechseln sich in den nächsten Wochen ab, die Rüben einzufahren. Auch auf Feldern von anderen Landwirten. Wartungs- und Anschaffungskosten des Roders werden auf die Mitglieder des Maschinenrings umgelegt. Die Fahrer werden von den Eigentümern der jeweiligen Parzelle bezahlt.

Verregneter Sommer

In diesem Jahr hatten die Landwirte bisher wenig zu lachen: Der verregnete Sommer hat die Weizenernte im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen lassen. Der Ertrag war geringer, die Feuchtigkeit in den Ähren zu hoch. „Seit Juli sind über 300 Liter Wasser pro Quadratmeter gefallen, üblich sind 70 bis 80 Liter“, berichtet Hubert Mock.

Allerdings bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen für die Rübenernte in seinen Augen nicht. Der Zuckergehalt der Knollen sei hoch. Aus Mocks Sicht haben die trockenen und sonnigen Septembertage den Ernteertrag entscheidend verbessert. „Wir haben schon deutlich schlechtere Jahre gehabt“, meint er.

Die Rheinische Fruchtfolge sieht vor, dass nach den Rüben Weizen gesät wird. Mit dem Riesenroder werden bereits die Voraussetzungen dafür geschaffen, denn das Gerät zieht keine tiefen Furchen in den Acker, obwohl es bis zu 25 Tonnen Rüben aufnehmen kann. Dafür werden die Achsen seitlich versetzt, damit kein Rad in der Spur der davor liegenden Räder läuft. „So schont man den Boden und spart einen Arbeitsgang“, sagt Mock. Da die Blätter der Rüben gleich zerkleinert und untergegraben werden, dienen sie als Nährboden für den Weizen.

Über 40 Kubikmeter fasst der Bunker, das entspricht etwa einer Lkw-Ladung, dann muss er entladen werden. Auch das geschieht automatisch. Die sogenannten Kratzböden schieben die Rüben auf ein Entladeband, das über einen Arm seitlich ausgeklappt wird. In maximal 50 Sekunden sind sämtliche Knollen aus dem Bunker. Entweder werden sie auf dem Acker zwischengelagert oder direkt in einen Lastwagen Richtung Jülich gefahren.

Die Zeit eilt, denn jeder Roder im Maschinenring Rheinland muss etwa 700 Hektar Rübenfelder beackern. „Hinzu kommen noch die An- und Abfahrten zu den Parzellen“, berichtet Mock. Die Geräte stehen also unter Dauerbelastung. Damit das Rodeaggregat sauber arbeiten kann, müssen bei der Saat der Rüben Abstände eingehalten werden. Dies ist auch für die Düngung wichtig. Die Reihen stehen 45 Zentimeter auseinander, die einzelnen Pflanzen weisen einen Abstand von etwa 22 Zentimeter auf. Landwirtschaft hat also viel mit Mathematik zu tun.

Die nächsten Wochen werden für die Rübenbauern anstrengend. Die Ernte dauert in der Regel bis November. „Dann kann es vorkommen, dass die Feldwege verdreckt sind, weil auf dem Acker nebenan gerade geerntet wurde“, sagt Mock.

Allerdings werde man die Wege auch wieder reinigen, verspricht er. Da die eingesetzten Maschinen in der Regel breiter sind, bittet er auch bei allen Verkehrsteilnehmern um Verständnis: „Wir können nicht in jeden Graben ausweichen.“ Eine gegenseitige Rücksichtnahme sei darum wichtig. „Wir gehen schließlich unserer Arbeit nach: Das ist unser täglich Brot!“

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