Kleingeld abschaffen: Nichts als Ärger mit den Mini-Münzen?

Von: Annika Kasties
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Birgit Kliebsch (l.) und Gerlinde Braun, Angestellte in einem Schreibwaren- und Geschenkartikel-Geschäft, hätten gerne weniger Ein- und Zwei-Cent-Münzen in ihrer Kasse. Foto: Annika Kasties

Eschweiler. 2,99 Euro für das Roggenbrot, 99 Cent für das Quarkteilchen. Die Angestellte greift in die Kasse und fischt zwei Kupfermünzen als Wechselgeld für die Kundin aus dem rechteckigen Fach. Ein ganz gewöhnlicher Morgen in einer gewöhnlichen Bäckerei in Eschweiler.

Doch etwa 150 Kilometer entfernt sähe diese Transaktion anders aus. In Kleve haben ein Großteil der Einzelhändler Ein- und Zwei-Cent-Münzen aus ihren Kassen verbannt. Auf- und Abrunden heißt dort die Devise.

Kostet der Kugelschreiber 4,82 Euro, zahlt der Kunde nur 4,80 Euro, beim Heringsalat für 2,48 Euro wären es hingegen 2,50 Euro. Hintergrund ist eine EU-Verordnung, die Geldinstitute dazu verpflichtet, jede Münze auf ihre Echtheit zu überprüfen. Das kostet Geld – eine Summe, die viele Banken an ihre Kunden weitergeben.

Auch in Eschweiler gehören diese Zusatzkosten für viele Einzelhändler dazu. Für Geschäftskunden erhebt die Sparkasse Aachen pro abgegebenen Münzbeutel – einem sogenannter Safebag – eine Gebühr von 4,50 Euro. Die Abgabe von bis zu 50 Münzen bleibt kostenfrei, teilte Achim Plaum von der Sparkasse Aachen mit. Privatkunden müssten für Kleingeldgeschäfte „im üblichen Umfang“ weiterhin nichts zahlen.

Dass das Modell Kleve auch in der Indestadt umsetzbar ist, glaubt Klaus-Dieter Bartholomy, Vorsitzender des Citymanagements, hingegen nicht. „Ich würde das Thema hier nicht aufgreifen. Ich glaube, dass die Deutschen bei so etwas generell zurückhaltender sind.“ Dass sämtliche Preise auf Fünf-Cent-Beträge gerundet werden, dürfte gerade bei älteren Mitbürgern für Irritationen sorgen, mutmaßt er.

Dabei sind viele lokale Einzelhändler das Geklimper mit dem Kupfer leid. Nguyen Thi Duong, Inhaberin eines Bekleidungsgeschäfts, verzichtet längst auf ungerade Preise. Den regelmäßigen Gang zur Bank zum Wechseln des Kleingelds vermisst sie nicht. Ein mögliches Aus für Ein- und Zwei-Cent-Stücke in Eschweiler würde sie begrüßen.

„In den Niederlanden wird das schließlich schon lange so gehandhabt“, betont sie. Ähnlich sieht das Gerlinde Braun. Die Angestellte eines Schreibwaren- und Geschenkartikel-Geschäfts kritisiert, dass viele Banken seit der EU-Verordnung Kleingeld nicht mehr ohne zusätzliche Gebühren annehmen. „Gerade Geschäfte wie wir mit kleinen Preisen müssen darunter leiden“, sagt sie.

Dass das Modell Kleve bei den Verbrauchern in Eschweiler auf Widerstand stoßen könne, glaubt sie hingegen nicht. Ihrer Erfahrung nach würden auch viele Kunden lieber auf das Kleingeld verzichten. „Am Anfang gäbe es bei einigen Leuten bestimmt ein bisschen Geschrei, doch letztlich ist alles Gewöhnungssache.“

Diese Vermutung bestätigt Hedwig Körfer, Verkäuferin beim Drogeriemarkt dm. Dort gehöre das Auf- und Abrunden schon lange zum täglichen Geschäft der Kassierer. „Wenn die Kunden für 27 Cent ein Foto drucken und nur 25 Cent zahlen müssen, freuen die sich natürlich.“ Kritisch werde es jedoch manchmal, wenn zwei zusätzliche Cent auf die Rechnung kommen, räumt Körfer ein. Und trifft damit einen Punkt, den auch Alina Feritzi zu bedenken gibt. Am Ende der Runderei könnte nämlich der Verbraucher draufzahlen, vermutet sie. „Das Kleingeld könnte man besser sparen“, sagt sie. Frei nach dem Motto: Kleinvieh macht auch Mist.

EU beschert Kunden Kosten durch aufwendiges Münzen-Prüfverfahren

Dass Banken für die Einzahlung von Münzgeld Gebühren erheben, hat seinen Grund in einer seit dem vergangenen Jahr gültigen EU-Verordnung: Jede einzelne Münze muss nun von den Banken auf Verkehrssicherheit und Echtheit überprüft werden.

Nach dem Einzahlen hat nun jedes Cent- und jedes Euro-Stück einen langen Prüfweg vor sich: In speziellen „Safebags“ wird das Kleingeld zu einer zentralen Prüfstelle transportiert, wo mit neuen, sechsstellig teuren, zertifizierten Automaten geprüft wird, ob die Münze echt und nicht beschädigt ist. Ein aufwendiges Verfahren, das Geld kostet.

Dabei steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum Erfolg: In Deutschland taucht gerade einmal eine gefälschte Münze unter 100.000 Münzen auf. Damit übersteigen die Prüfkosten deutlich den finanziellen Schaden, der durch Fälschungen entsteht. 2013 registrierte die Bundesbank lediglich 52.000 Münzfälschungen. Maximaler Schaden: 104.000 Euro.

Die Verordnung der Europäischen Union verärgert nicht nur Kunden (für Einzelhändler, die mehrmals pro Woche ihr Kleingeld zur Bank bringen, bedeutet dies Kosten in dreistelliger Höhe), sondern auch die Banken selbst sehen die Vorgabe als Schikane an. (rpm)

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