Kleingarten-Paradies: Fünf-Nationen-Familie am Bahndamm

Von: Rudolf Müller
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Eschweiler. Ein zauberhaft mit tausend rosaroten Blüten leuchtender Rosenbusch markiert den Eingang zu Herbert Prehlers Garten. Die Sonne brennt heiß.

Prehler und seine Frau Anna genießen es - das pralle Grün ihres Gartens wie auch die unter die Haut gehenden Sonnenstrahlen, deren Wärme auch der Sonnenschirm nicht abhalten kann. Ein paar Stunden lang haben die Beiden ihre grüne Oase gehegt und gepflegt, haben Unkraut gejätet und Tomaten gewässert, ein Stück Zaun repariert und den Rasen gemäht. Jetzt ist Zeit, ihr kleines Paradies zu genießen. Gut 180 Quadratmeter groß ist ihr Garten abseits der Röthgener Straße, gleich am Bahndamm. Eine der kleinsten unter den 29 Parzellen, die hier Gartenliebhabern aus fünf Nationen ein zweites Zuhause abseits der Etagenwohnung bieten. Das Gelände gehört der Bahn. Dieses Stück wie auch kleinere Areale in Hücheln und Langerwehe, die vom selben Vorstand verwaltet werden. Seit zwei Jahren sind dies Vorsitzender Josef Prost, Kassierer Herbert Prehler und Schriftführer Ingo Schubert.

Prost, im Berufsleben Bestatter, ist seiner 400 Quadratmeter-Parzelle seit Jahrzehnten treu. Hier kann er entspannen, mit den Enkeln spielen, seinen Grünen Daumen vervollkommnen, sich um seine Tiere kümmern. Durch eine Volière flattern Sittiche. Coco, die Chefin der gefiederten Meute, ist bereits 21 Jahre alt. Auch Kaninchen hält Prost hier, früher auch Brieftauben. „Damit fang ich demnächst wieder an!”, lacht er. In der absoluten Gewissheit, seinen Garten noch viele Jahre genießen zu können. Das war einmal anders, Vor wenigen Jahren wollte ein Düsseldorfer Immobilienmakler das Gelände vermarkten und mit satten Gewinnen für sich selbst zu Bauland deklarieren lassen. „Den haben wir knapp an Prügeln vorbei vom Gelände gejagt”, erzählt Prost. Seither herrscht Ruhe.

Und das Paradies blieb bezahlbar: 20 Euro Jahres-Mitgliedsbeitrag zahlt hier jeder Kleingärtner an die Bahn. Plus 1,45 Euro jährlich pro Quadratmeter. Ein Klacks. Allerdings: Strom und fließendes Wasser hat die Anlage nicht. Das wollte bisher niemand: damit hier weder allzu exzessive Partys gefeiert werden noch Gartenlauben zu Dauerbehausungen umfunktioniert werden. Für den Garten reichen Regenwassertonnen, Kaffeewasser kann man sich mitbringen, fürs kühle Blonde gibt es Gas-Kühlschränke, Rasenmäher laufen auf Sprit oder Muskelkraft, und die Toiletten funktionieren chemisch.

Gefeiert werden darf hier natürlich auch. Leben und leben lassen, ist die Devise des Bestatters. Allerdings: „Früher gabs hier regelmäßig regelrechte Saufgelage, das ist vorbei.” Und: Eigentlich sollten zwei Drittel der Gartenfläche Nutzgarten sein, „aber mir ist ein gepflegter Rasen mit Blumenrabatten doch lieber als ein vergammelter Kartoffelacker”, sagt Prost. Strenge Regeln, wie man sie aus einschlägigen TV-Dokus kennt, gibt es hier nicht. „Hier misst keiner die Höhe einer Hecke nach.” Und die Maximalgröße von 24 Quadratmetern für die Laube wird auch pi mal Daumen bemessen. Nur wenn jemand sich um gar nichts kümmert und auch die Gemeinschaftsarbeiten z.B. an den Gartenwegen vernachlässigt, dann bekommt er einen bösen Brief. „Manchmal muss man den einen oder anderen in den Hintern treten, dann klappts wieder”, grinst Prost.

Die ungezählten Züge, die Tag für Tag an den Gärten vorbeirauschen, hört hier niemand mehr. Gewohnheitssache. Sie würden auch die jungen Neu-Gärtner nicht stören, die auf der Warteliste stehen. „Alles junge Leute mit Spaß am Gärtnern”, sagt Herbert Prehler. Noch sind die meisten der Garteninhaber Rentner - doch jüngere Generationen stehen in den Startlöchern. Wer die Gärten hier sieht, kanns verstehen.

Natürlich gibts auch Ärger im Paradies. Eine Zeitlang waren dies Einbrüche in die Gartenlauben. „Meist sind die Täter schlicht Idioten, die auf der Suche nach ein paar Bier alles kurz und klein schlagen”, sagt Josef Prost.

Ärger macht auch die Parkplatzsituation. Vor allem, wenn die Hobbygärtner größere Teile anliefern müssen. Seit der Umgestaltung der Röthgener Straße hat die Zahl naher Stellplätze deutlich abgenommen. Nur an Wochenenden, wenn keine Bahnnutzer die Buchten entlang der Eisenbahnstraße blockieren, ists erträglich.

Die Gartenkolonien, die man aus Fernsehserien kennt, heißen Morgenrot und Sonnenschein, Sommerwind und Buschwindröschen. Hat das seit inzwischen über 40 Jahren existierende Paradies unterm Bahndamm eigentlich auch einen Namen? „Nein”, sagt Herbert Prehler. „Wir haben da vor Jahren mal kurz drüber nachgedacht, aber...” Er zuckt die Schultern. Richtig Schönes kommt eben ohne Zusatzetiketten aus.
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