Eschweiler - „Kleiner Gürzenich“: Konstante in der Schnellengasse

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„Kleiner Gürzenich“: Konstante in der Schnellengasse

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Tradition mit Charme: das „Gürz“ in der Schnellengasse gibt es bereits seit dem Jahre 1560. Foto: Paul Santosi
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Seit gut 15 Jahren Kneipenmanager des „Kleinen Gürzenich“ : Thorsten Zappey. Foto: Paul Santosi

Eschweiler. Die Eschweiler Schnellengasse war in den Achtzigern einer der beliebtesten Treffpunkte für Feierlustige und Trinkfeste weit über die Stadtgrenzen hinaus. Auch wenn sich Aussehen und Image der Gasse über die Jahre verändert haben, eine der echten Konstanten ist die Traditionskneipe „Kleiner Gürzenich“.

Der Wirt aus Leidenschaft Thorsten Zappey betreibt seinen Laden mit viel Engagement. Mit ihm sprach unser Mitarbeiter Paul Santosi über Psychologie, Zigarettenqualm, Fußball und Musik.

Herr Zappey, etwas Häme zu Beginn: „Wer nix wird, wird Wirt“, heißt es sprichwörtlich. Wie wurden Sie, was Sie sind?

Zappey: Auf der Fachoberschule für Gestaltung stellte ich fest, dass Zeichnen nicht unbedingt meine Stärke ist. Nach dem Zivildienst, dem Gesellenabschluss als Tischler und dem Abi hat sich im Mai 2003 die Chance geboten, den „Kleinen Gürzenich“ in der Schnellengasse zu übernehmen. Geträumt von einer eigenen Bar hatte ich immer schon. Die Kneipe war damals nicht im besten Zustand und ich habe erstmal von Grund auf renoviert. Den rustikalen Charme der ältesten Gaststätte Eschweilers wollte ich dabei unbedingt bewahren.

Im Mittelalter galten Schankwirte zu der Berufsgruppe, die im weitesten Sinne mit Obszönität zu tun hatten, direkt neben Prostituierten und Gauklern. Wie sieht das Berufsbild „Wirt“ heute aus?

Zappey: Ich denke, der Beruf ist mittlerweile anerkannt. Ich sehe mich als Kneipenmanager und Wirt. Heutzutage ist man Geschäftsmann. Einfacher geworden ist es allerdings nicht. Einkauf, Logistik, das Organisieren von Events und derlei Dinge halten einen auf Trab. Und überhaupt kein Klischee ist es, gutes Personal zu finden.

Wieviel Psychologie-Kenntnisse braucht ein Wirt? Verstehen Sie sich manchmal auch als eine Art Kummerkasten ?

Zappey: Absolut. Man bekommt Dinge erzählt, die man nicht unbedingt wissen möchte. Aber ich kann auch mit den Sorgen meiner Gäste umgehen. Ich bin da, höre gerne zu, aber ich trage wenig mit nach Hause. Man sollte in diesem Job Menschen generell mögen, mit all ihren Facetten.

Der „Kleine Gürzenich“ zählt zu den Traditionskneipen in Eschweiler. Was wissen Sie noch über die Geschichte des Hauses ?

Zappey: Das „Gürzenich“ stammt aus dem Jahr 1560 und das Gebäude war seit jeher ein Schankbetrieb. Bis zurück ins 19. Jahrhundert hab ich noch interessantes Fotomaterial finden können und Recherchen beim Geschichtsverein verschafften mir ein ganz gutes Bild von der Historie der Kneipe.

Zwischen den 50er und 70er Jahren war Maria Hirschfeld eine der Wirtinnen, die die Gaststätte am längsten an einem Stück geführt hat. Danach wechselten die Betreiber recht häufig. Ich habe die Übernahme in einer Phase geschafft, in der die Schnellengasse nicht mehr so hell strahlte wie in den Goldenen Zeiten. Mittlerweile bin ich in den etwa 65 Quadratmetern seit gut 15 Jahren. Wir können also nicht alles falsch gemacht haben.

Welche Menschen gehen heute noch in eine Kneipe? Wie sieht Ihr Publikum aus?

Zappey: Wir sprechen nicht das ganz junge Publikum an. Zutritt ist erst ab 18, auf die Vorschriften des Jugendschutzes lege ich besonderen Wert. Mein Stammpublikum liegt so zwischen Anfang 30 und Ende offen. Schön ist, dass auch ältere Gäste sich bei uns wohlfühlen, mit Publikum, Musik und Ambiente. Nachwuchs ist da, aber wir sind ein gut gemischter Haufen. Die jungen Leute schätzen es genauso, dass es bei uns bunt und tolerant zugeht.

Die Verschärfung des Rauchverbotes und die horrenden Preise für eine Fußball-Pay-TV-Lizenz in der Kneipe gehören wohl zu den unerquicklichsten Dingen, die Wirte in jüngster Zeit erfahren durften.

Zappey: Mit dem Rauchverbot konnte ich mich zunächst gar nicht anfreunden. Wir haben nach alternativen Möglichkeiten gesucht, etwa das „Gürz“ in einen Raucherclub umzuwandeln. Das waren wir auch sehr kurz, aber die sogenannte „Einraum-Gaststätte“ hatte gesetzlich den Status als Raucherlokal verloren. Wenn ich diese Entwicklung zurückdrehen könnte, würde ich es vielleicht befürworten, aber mittlerweile kann ich damit leben.

Offensichtlich gehen Menschen noch lieber in eine Kneipe, wenn sie dort Fußballspiele erleben können, die es im Free-TV nicht zu sehen gibt.

Zappey: Ein unangenehmes Thema. Die Monopolisierung des Fußballes inklusive der Pay-TV-Entwicklung gibt mir sehr zu denken. Ähnlich unschön ist aber auch die Monopolstellung einiger Brauereien. Das ähnelt einem Preisdiktat. In einer Stadt wie Eschweiler können wir kaum zwei Euro für ein Bier nehmen.

Da muss man den Ball flachhalten. Die Margen schrumpfen und dann geht es nur noch über Masse. 2003 hab ich mit einem Bierpreis von 1,20 Euro begonnen, heute sind wir bei 1,50 Euro. Die Händlerpreiserhöhungen im Laufe der Jahre kann ich damit wirklich nicht auffangen. Ich glaube, einen zweiten Start würde ich damit gestalten, Brauer zu werden und mein eigenes Bier anzubieten.

Gibt es denn Momente, in denen Sie wünschen, woanders zu sein statt am Zapfhahn?

Zappey: Nein. Ich hab es bislang keine Minute bereut. Und es ist auch bislang noch kein Ende in Sicht.

Was machen Sie, wenn Sie nicht hinter der Theke stehen ?

Zappey: Ich reise gerne, dafür arbeite ich am liebsten. Schon als Schüler hab ich Ferienjobs gemacht, um meine Reisen zu finanzieren. Diese Leidenschaft teile ich mit meiner Frau. Die Freiheiten, auch mal ein paar Tage nicht selbst hinter dem Tresen zu stehen, die nehme ich mir.

Sie und Ihre Ehefrau verbindet eine innige Beziehung zum österreichischen Dorf „Jungholz“. Was ist dort anders als im beschaulichen Eschweiler?

Zappey: Na erstmal die Menschen und dann die tolle Landschaft. Mittlerweile hab ich mir den Status als stellvertretender Bürgermeister von Jungholz erarbeitet (lacht). Nein, im Ernst. Als Touristen gelten meine Frau und ich dort schon lange nicht mehr. Wir sind eher eine Art „inoffizielle Mitbürger“.

Zurück zum „Gürz“. Dort finden trotz der geradezu legendär-kuscheligen Raum-Enge immer wieder auch Live-Konzerte statt. Lohnt sich das oder ist das pure Liebhaberei?

Zappey: Das ist ein persönlicher Anspruch. Es verwundert mich, aber es kommen immer wieder Bands, die gerade deswegen hier spielen möchten. Meines Wissens nach ist noch nie eine Combo rausgegangen, die dies bereut hat. Es ist immer gut besucht und ich wage auch experimentelle Sachen mit Bands, die es woanders vielleicht nicht so einfach haben würden. Das „Gürz-“Publikum ist da recht offen.

Die wenigsten wissen es, aber auch in Ihnen schlummert eine musikalische Ader.

Zappey: Meine ersten Gitarren-Gehversuche hab ich bei Günter Krause gemacht, der mit seiner Aachener Band „Ruphus Zuphall“ ja einen gewissen Krautrock–Status innehat. Das ließ aber dann später berufsbedingt nach. Als ich in Jungholz das erste Mal jemanden mit den Löffeln Perkussion spielen gesehen habe, war mir klar: das ist es. Nach viel Übung und Verfeinerung habe ich heute des Öfteren einige Gigs mit anerkannten Musikern im Allgäu. Das dient übrigens auch dazu, als Aus- bzw. Rheinländer dort unten ernst genommen zu werden.

„Kleiner Gürzenich“ ist für viele Eschweiler gleich Schnellengasse und umgekehrt. Die Wiederbelebung der Gasse ist ein Dauerthema. Was würden Sie tun, wenn Sie könnten, wie Sie wollten?

Zappey: Pure Gastronomie oder eine Art Kegelclub-Meile werden wir wohl nicht mehr erleben. Das Schönste wäre eine Mischgewerbe-Situation aus Einzelhandel und Gastronomie. Die Umwandlung des ehemaligen „Steigbügels“ in einen Friseursalon ist ein gutes, erfolgreiches Beispiel für einen solchen Mix. Es bleibt spannend, aber schwer.

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