„Klassischer“ Berufsweg? Auf gar keinen Fall!

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Lebewesen auf Augenhöhe – das sollte laut Andreas Ohligschläger eine Voraussetzung fürs Zusammenleben sein.
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Hunde sind eine wahre Freude, wenn man ein paar Spielregeln beachtet.

Eschweiler. Der Indestädter Andreas Ohligschläger hat kein Problem damit, als schillernde Persönlichkeit betitelt zu werden. Nach einer jugendlichen Orientierungsphase mit allerlei Jobs und Erfahrungen in der Musikszene entdeckte er seine Berufung im Umgang mit Tieren.

Ohligschläger leitet heute auf dem Gelände zwischen Hohenstein und Aue eine der größten Hundetagesstätten Deutschlands, leitet eine Hundeschule, ist erfolgreicher Buchautor und berät Menschen bei ihren kleinen und großen Problemen mit dem Hund.

Herr Ohligschläger, Sie haben einen Beruf, der vor einiger Zeit noch als exotisch galt.

Ohligschläger: Viele Leute kennen mich als Hundetrainer. Dazu bin ich allerdings nicht auf dem üblichen Wege gekommen. Es hat sich auf natürliche Weise ergeben. Angefangen hat es, als mein Vater mir die Verantwortung über einen ersten eigenen Hund gab. Die Ansage war klar: Wenn Du einen haben willst, dann musst Du auch mit ihm bei Wind und Wetter spazieren gehen, füttern und gucken und machen. Wir hatten zwar auch andere Haustiere, aber mit den Hunden verband ich immer Freiheit und den Bezug zur Natur, der für mich elementar ist.

Sie sind ein „Draußen“-Mensch?

Ohligschläger: Absolut. Sommer wie Winter. Mit zunehmenden Jahren merke ich allerdings, wie ich der Sonne eindeutig den Vorzug gebe.

Was charakterisiert Sie sonst noch?

Ohligschläger: Eine gewisse Unangepasstheit. Ich trug lange, toupierte Haare und beging trotz allem auch ein paar modischen Sünden, die in den 80er Jahren „in“ waren. Ich mochte den psychedelischen Einschlag von Bands wie „The Cure“ oder „The Cult“, die mich irgendwann auch dazu inspiriert haben, im Alter von 16 Jahren selbst Musik zu machen. Stimme als seelisches Werkzeug, als Möglichkeit, sich emotional auszulassen, fand ich immer schon faszinierend.

War Ihre berufliche Entwicklung eine gerade Linie?

Ohligschläger: Rückblickend muss ich sagen, dass ich jede Menge verrückter Jobs gemacht habe, von der Großküche über die Brotfabrik war einiges dabei. Ich habe auch bei einem Paketdienst sortiert und ausgefahren, denn durch mein früheres Engagement in Tierheimen konnte ich meinen Lebensunterhalt allein so gar nicht bestreiten. Allerdings fand mein Vater das nicht so toll, weil meine Geschwister alle „klassische“ Berufswege einschlugen. Diese eher rebellischen Stationen meines Werdeganges haben mich aber dazu gebracht, wo ich heute stehe. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich einmal eine der größten Hunde-Tagesstätten Deutschlands auf einem 8000 Quadratmeter großen Grundstück betreibe, den hätte ich für verrückt erklärt.

Dann sorgten Tiere für ein Umdenken?

Ohligschläger: Eine gute Verbindung zur Natur und zu Tieren hatte ich früh. Im Tierheim wurde mir irgendwann mal der erste Rottweiler an die Hand gegeben. Das war ein interessanter Moment. Ich dachte: Wow – da ist ein Hund mit einer potenziellen Aggressionsbereitschaft Artgenossen gegenüber. Schaffst Du es, damit umzugehen? Da entstand der Wunsch „Dogwalker“ zu werden. Ein Kastenwagen und eine Gewerbeanmeldung später stand dann plötzlich auch die WDR-Lokalzeit vor meiner Tür und wollte mehr über mich erfahren. Das war die Zeit, in der mich viele belächelt haben. Mit Hunden spazieren gehen? Ist ja ganz süß, aber davon kannst Du doch gar nicht leben. Irgendwann reifte der Entschluss einen Ort zu suchen, an dem Hundebesitzer ihre Tiere zu mir bringen, statt umgekehrt.

Die Suche brachte Sie hierher in das Terrain zwischen Aue und Hohenstein?

Ohligschläger: Das war ein Moment, der vielleicht etwas romantisch klingt. Aber beim Spazierengehen in diesem Teil Eschweilers kreuzten plötzlich zwei Bussarde gleichzeitig meinen Weg. Da ich ein kleines bisschen abergläubisch bin, sagte ich mir: Du wirst irgendwann einmal hier Deinen Weg finden. Die Jahre vergingen bis ich dann hörte, dass in der unmittelbaren Nähe eine Wohnung frei wurde. Nach einigem Hin und Her bin ich dann hier sesshaft geworden.

Was alles passiert heute an Ihrem Standort?

Ohligschläger: Neben der Hunde-Tagesstätte und der Hundeschule biete ich auch Erlebniswochen an. Vor allem nach TV-Berichten meldeten sich wahnsinnig viele Menschen bei mir, die offen Probleme mit ihrem Hund hatten. Aber anstatt die alle bis runter nach Süddeutschland und Österreich abzufahren, hab ich hier eine Wohngelegenheit für Hund und Herrchen geschaffen. Die Leute reisen an, wohnen hier, beobachten mich beim Arbeiten und ich kann mich gleichzeitig um sie und ihre Probleme mit dem Hund kümmern. Die Erlebniswochen sind gefragt, der Terminkalender ist voll. Auch wenn ich kein Hund bin, da war mir klar, ich hatte ein gutes Näschen.

Wer ist eigentlich das größere Problem: Mensch oder Tier?

Ohligschläger: Zu 95 Prozent der Mensch.

Wirft man einen Blick in die Medien, ähneln sich die Bilder sehr. Allen voran immer wieder regelmäßig zu Ferienbeginn die unsäglichen vollen Heime mit ausgesetzten Tieren. Andererseits einsame Menschen, deren letzte soziale Beziehung zur Umwelt in einem Haustier besteht. Fällt das alles in die Kategorie Tierliebe?

Ohligschläger: Ich denke, wir haben in Sachen Tierliebe schon längst eine Grenze überschritten. Viele Singles sind zum Beispiel der Meinung, sie benötigten keinen Partner mehr. Mein Hund versteht mich, wir sind das beste Team. Da beginnt für mich schon der „kranke“ Teil einer Mensch-Hund-Beziehung. Wenn der Hund in eine Nische springen muss, wenn er ausfüllen muss, wofür er nicht geboren ist, dann stimmt etwas nicht. Das klassische Beispiel: Eine berufstätige Person kommt von der Arbeit und plagt sich zunächst mit dem schlechten Gewissen herum, dass der Hund über Stunden alleine zu Hause war. Der gemeinsame Spaziergang wird dann schnell zu einer Art Stresssituation. Da wird kompensiert plötzlich alles mitgegeben an Spielzeug, an Leckerchen. Dann kommt dann noch das Agility-Training hinzu und Dog-Dancing und was es sonst noch an Modephänomenen gibt. Das gibt es übrigens auch bei Eltern, die ihre Kinder aus dem Zeitgeist heraus mit hektischen Aktivitäten vollstopfen. Gleich ob Kind oder Hund – wer sich so versucht soziale Anerkennung zu verschaffen, sollte sein Verhalten dringend prüfen. Zurück zum Hund: Der wird meiner Meinung nach in vielen Situationen als Statussymbol missbraucht. Und er leidet still unter dem Druck, den sein Herrchen oder Frauchen aufbaut.

Der Wunsch, ein Tier zu besitzen, ist vor allem bei Kindern oft enorm ausgeprägt. Haben Sie ein paar Tipps für Menschen, die mit dem Gedanken spielen?

Ohligschläger: In erster Linie bitte die Frage beantworten: Passt im Moment in unsere Lebenssituation überhaupt ein Tier hinein? Habe ich die Zeit? Kann ich die Verantwortung übernehmen? Was ist, wenn die Kinder keine Lust mehr haben, im Regen spazieren zu gehen? Am Anfang ist alles immer superklasse und toll, aber der Hund darf nicht mit der Zeit auf der Strecke bleiben, nur weil plötzlich keiner mehr Zeit hat. Sinnvoll ist auch das Gespräch mit dem Hundetrainer. Welche Rasse, welche Größe, welches Alter passt? Besser ein Hund aus dem Tierschutz oder vom Züchter? In unserem Land sitzen Millionen Tiere sprichwörtlich „im Knast“ und warten darauf, dass mal jemand kommt und einfach eine Runde mit ihnen spazieren geht. Muss es der Hund sein, der momentan in Mode ist? Also: Zeit lassen bei der Auswahl, Fakten anlesen, mit Fachleuten sprechen, damit das Tier nicht nur eine fixe Idee, ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk darstellt. Hört sich zwar nach Aufwand an, aber eine solche Entscheidung ist eine Lebensentscheidung für ein Lebewesen.

Es gibt Zeitgenossen, die fordern eine Art Hundeführerschein. Eine praktikable Idee aus Ihrer Sicht?

Ohligschläger: In erster Linie erfordert Hundeerziehung wohl mehr eine Art „Menschenführerschein“. Die Beobachtung des Tierhalters ist mindestens genauso wichtig. Ist die Person glücklich in den sozialen Beziehungen, auf der Arbeitsstelle? Wie ist sie psychisch aufgestellt? Ist sie finanziell in der Lage, sich einen Hund anzuschaffen? In der Praxis ist es oft so, dass sich Menschen aus Motiven der Einsamkeit heraus einen Hund anschaffen und dann merken, dass sie die damit verbundene Verantwortung gar nicht stemmen können. Für meine Arbeit sind die Beziehungen der Menschen untereinander mindestens genauso wichtig. Ich wehre mich zum Beispiel strikt gegen Mobiltelefone hier auf dem Gelände. Hier soll direkt und miteinander kommuniziert werden. Weg vom Rationalen, weg von der Idee „Ich muss bei jedem Pieps funktionieren“. Die moderne elektronische Kommunikation führt doch nur zu mehr Missverständnissen, als dass sie bei der Lösung hilft. Wir alle verarmen leider komplett in Sachen Kommunikation.

Zurück zu den Hunden. Die werden heute auf vielfältige Weise eingesetzt, von der Therapie über Rettungszwecke bis zum Polizeieinsatz.

Ohligschläger: Na ja, prinzipiell ist die soziale Funktion schon wünschenswert. Viele Mitbürger kämen ohne ihren Hund selbst gar nicht mehr vor die Tür. Bei allen Formen von „Einsätzen“ sollte der Hund auch immer genügend Freiraum und Gelegenheit haben, um einfach nur mal Hund zu sein, anstatt nur ein funktionierendes Mittel zum Zweck. Auch ein Therapiehund hat keine Lust auf einen „Burn-out“.

Gibt es etwas, das in den vergangenen Jahren besonders herausragende Stellung in Ihrer Arbeit eingenommen hat?

Ohligschläger: Es gibt viele positive Geschichten, die mich emotional berührt haben. Manchmal bei meinen Live-Vorträgen versuche ich, meine Offenheit und Direktheit auch in eine Form von Charme zu verpacken, um den Menschen näherzukommen. Das sorgt oft für recht lustige Situationen. Krankenhausreif angegriffen worden bin ich allerdings bislang noch nie, weder von Mensch noch Tier.

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