Kirchenkabarett „Klüngelbeutel“: Salafisten, Jesus und der Teufel

Von: ran
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Weiß der „Durchschnitts-Salafist“ eigentlich, dass Jesus im Islam als Isa ibn Maryam (Jesus, Sohn der Maria) verehrt wird, als Prophet (letzter von 24 Vorgängern Mohammeds) gilt und als „Wort Gottes“ bezeichnet wird? Das Ensemble „Klüngelbeutel“ klärte in der Dreieinigkeitskirche auf. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Er rückt unaufhaltsam näher, der 31. Oktober 2017. An diesem Tag jährt sich zum 500. Mal ein Ereignis, das die Welt veränderte: Vor einem halben Jahrtausend schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg.

Grund genug für das Kirchenkabarett „Klüngelbeutel“, den Reformator und/oder, wie böse Zungen behaupten, Spalter, unter die Lupe zu nehmen und dabei auch einen Blick auf die aktuelle interreligiöse Gemengelage im Land zu werfen. So lieferte das Kölner Ensemble am Mittwochabend auf Einladung der Evangelischen Kirchengemeinden Eschweiler und Weisweiler-Dürwiß unter dem Titel „Djihad in Wittenberg“ in der Dreieinigkeitskirche einen gut zweistündigen satirischen Parforceritt durch die Historie und Milieus ab, bei dem so manche Religionsgemeinschaft ihr Fett abbekam.

Denn Ensemblegründer und Pfarrer Wolfram Behmenburg und seiner Frau Ulrike war es gelungen, unterstützt von Pfarrer Walter Kunz am Keyboard, ziemlich viele Personen von Rang und Namen auf der Bühne des Gotteshauses zu versammeln: An erster Stelle natürlich Martin Luther selber, der unter dem (kölschen) Motto „Wat die Kirche määt, da kütt d‘r Düüvel niet mehr mit“ Thesen wie Kamelle per Buchdruck unter das Volk geworfen habe.

Selbstverständlich aber auch Papst Leo X., der mit dem Selbstverständnis, „der Wichtigste von allen“ zu sein, gemeinsam mit dem Dominikaner-Mönch Johann Tetzel damals ein neues Geschäftsmodell entwickelt habe: „Der Himmel nimmt euch nichts mehr krumm. Also saufen, prügeln, huren, raufen, solang die Gläubigen nur Ablassbriefe kaufen!“

Doch zum Glück habe Kurfürst Friedrich III. von Sachsen letztlich Martin Luther eine(n) nigelnagelneue(n) Wartburg geschenkt. Also alles gut? Dies sah und sieht wiederum die rappende und „Poetry slammende“ Muslima Fatime ganz anders. Sie forderte unumwunden: „Mach mal Djihad!“ Denn der Djihad sei absolut nicht das, „was die Durchgeknallten vom IS“ darunter verstünden. Vielmehr laute die korrekte Definition: „sich so sehr anstrengen, wie es einem möglich ist“.

Der „große Djihad“ sei als „spiritueller Kampf auf dem Weg Gottes“ zu verstehen und damit durchaus mit dem Luther-Lied „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“ kompatibel. Für den „Salafisten von nebenan“ sei dies aber unglücklicherweise ein kleines Stückchen zu hoch. Woher solle dieser auch wissen, dass Jesus als Isa ibn Maryam der zweithöchste Prophet des Islams sei und als „Wort Gottes“ verehrt werde?

„Normale“ Menschen

Zum Glück weilten am Mittwochabend unter den Gästen in der Dreieinigkeitskirche aber auch einige „normale“ Menschen, sprich Katholiken. Einer von ihnen: Kardinal Rainer Maria Woelki, seines Zeichens Erzbischof von Köln. Er zitierte den urkatholischen Leitspruch „Kannst du deinen Gegner nicht eliminieren, lächle ihn in Grund und Boden“ und stellte die Frage, was passiert wäre, wenn nicht Leo X. sondern Franziskus zu Luthers Lebzeiten Papst gewesen wäre und zum (tödlichen) „Liebeskuss der Spinne“ angesetzt hätte.

„Dann wären die Protestanten alle zu Nischenkatholiken, ähnlich den Franziskanern, geworden. Aber was nicht ist, ...“ Franziskus könne ja Martin Luther zum Jubiläum kurzerhand heilig sprechen. „Schon wäre er einer von uns“, betonte Kardinal Woelki. Eine der wichtigsten Voraussetzungen habe der Reformator eindeutig erfüllt: „Martin Luther ist dafür verantwortlich, dass sich die katholische Kirche von Grund auf reformiert hat. Ein veritables Wunder!“

Ob Mario Draghi wirklich evangelisch werden will, Martin Luther im Jahr 1521 in Worms tatsächlich in die Disco von Franz Beckenbauer wollte, oder lediglich vor dem Kaiser antanzen musste, und was es bedeutet, unter „Protestantismus“ zu leiden, erklärte das „Klüngelbeutel-Ensemble“ dem staunenden Publikum ganz nebenbei.

„Kleinkarierter Provinzgeist“

Ebenso unterstrichen die Kommunikations-Profis vom Gesangs-Duo „Schwader und Lapp“, dass sie die Theologie Luthers keinesfalls verstehen, sondern lediglich erklären können müssten. Und dann trat niemand geringeres als der Teufel selbst in Erscheinung, der Martin Luther vorwarf, beziehungsweise schulterklopfend bescheinigte, „ein kleinkarierter deutscher Provinzgeist, für mich aber ein nützlicher Idiot“ mit (in späten Lebensjahren) antisemitischem Gedankengut gewesen zu sein.

Und zum Ende ein differenziertes Schlusswort? „Luther hat niemals differenziert, sondern der Obrigkeit Dinge an den Kopf geworfen“, lautete die Gegenthese des „Klüngelbeutels“. Was hätte er zu Fatime gesagt? „Bei mir stand der Türke vor Wien, heute ist er mitten in Berlin“, so Luthers Feststellung. Doch vielleicht bräuchte der Islam ja einen Reformator wie Martin Luther? Und vielleicht benötige das (evangelische und katholische) Christentum mehr Gläubige, die sich so sehr anstrengen, wie es ihnen möglich ist? „Dann und wann, wäre ich gern wie du!“, stimmten deshalb Fatime und Martin Luther zu guter Letzt noch an.

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